Wer einmal viel Geld verdienen will, der braucht ein Studium – davon war Michelle Hofer als Gymischülerin überzeugt. Deshalb war für die Luzernerin klar, dass sie an die Uni gehen würde. «Wer eine Matura hat, geht studieren. Das ist nun einmal so», war sie sich damals sicher.

Doch nach einem Semester Rechts­wissenschaften an der Uni Luzern brach Hofer das Studium ab. Viel zu trocken. Viel zu theoretisch. Nichts für die heute 24-Jährige. Es dauerte nicht lange, und sie fand eine bessere Lösung: eine Lehre als Kauffrau in einem Treuhandbüro. Die Entscheidung fiel leicht, sie ihren Mitstudenten mitzuteilen nicht. «Ich habe es selbst als Rückschritt aufgefasst», erinnert sie sich.

«Schuld an dieser Einschätzung ist in erster Linie das Prestigedenken, das sich bei vielen Eltern und folglich auch bei den Kindern in den vergangenen Jahren ent­wickelt hat», sagt Rolf Dubs, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen. Das könne bedenk­liche Folgen haben, zumal bei der Entscheidung nicht mehr so sehr Interesse und Begabung an erster Stelle stünden, sondern die Hoffnung, dass dieses Diplom Tür und Tor öffne.

Reiche: Bis zu 50 Prozent gehen ins Gymi

Und so steigt die Maturitätsquote seit Jahren an. Während 1980 gerade mal 10,6 Prozent der Schüler die Matura ablegten, sind es heute fast doppelt so viele. Allein im Kanton Zürich haben im vergangenen Jahr knapp 3600 Jugendliche versucht, ins Lang­zeitgymnasium zu kommen – 28 Prozent des Jahrgangs.

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Insbesondere bei Kindern mit gut ausgebildeten Eltern steigt der Anteil jener, die ein Gymnasium absolvieren können. Ob das an einem lernfreundlichen Umfeld oder eher an den finanziellen Mitteln für Nachhilfeunterricht liegt, ist unklar. Aufschlussreich ist ein Blick in die Statistik: Die Mittelschülerquote liegt in den reichen Regionen Zürichberg, Küsnacht und Erlenbach bei rund 50 Prozent, während die eher ländlichen Gemeinden Wila mit 5, Oberglatt mit 4,1 und Höri mit 3,8 Prozent die Schlusslichter bilden.

Experte Rolf Dubs befürchtet aufgrund dieser Entwicklung eine «Ghettoisierung der Lehre». Die Berufslehre könnte in ­Verruf geraten und zum Synonym für Bildungsschwäche werden. Und das, obwohl das duale Bildungssystem – die Ausbildung im Betrieb und parallel dazu in der Berufsschule – für die hiesige Wirtschaft eine wichtige Erfolgsgrundlage bildet und auch im Ausland immer wieder gelobt wird.

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Doch nicht allein die Entwicklung der Stifti bereitet Dubs Sorgen: «Das Gymna­sium muss mit aller Kraft versuchen, seine Rolle als Vorbereitung für die Universität für die leistungsfähigsten Schüler wieder wahrzunehmen.» Aktuell beobachte er dagegen einen Abstieg des Gymnasiums zum Sammelbecken für Unentschlossene.

«Ich entschied mich nach der Matura für die sicherere Variante: eine Lehre als Zimmermann.» Christian Wullschleger, 21

Quelle: Giuseppe Micciché

Unentschlossenheit, das warfen auch Christian Wullschlegers Kameraden ihm immer wieder vor. Ein Gymischüler mit Schwerpunkt Recht und Wirtschaft wisse eigentlich einfach nicht, was er später einmal machen wolle. «Damals hat mich das geärgert. Doch heute muss ich gestehen, dass sie recht hatten», sagt der 21-Jährige. Es fiel ihm in der neunten Klasse schwer, sich für einen Beruf oder eine Ausbildung zu entscheiden. Er wollte Rechtswissenschaften studieren, doch er war unsicher, ob das Gymnasium für ihn überhaupt der richtige Weg sei. Schon nach wenigen Monaten sah er, der bodenständige Zimmermannssohn, dass das Gymi nicht seine Welt ist. Zur selben Zeit begann sein jüngerer Bruder eine Lehre – als Zimmermann. «Ich half ihm ab und zu bei den Hausaufgaben und merkte dabei, dass mir dieser Beruf wohl mehr Freude macht als ein Studium.»

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Einfach machte sich Wullschleger die Entscheidung nicht. Er ging weiterhin zur Schule, um sich seiner Sache sicher zu werden. Als er endlich das Maturazeugnis in der Hand hielt, hatte er seine Wahl bereits getroffen. Nochmals mehrere Jahre zur Schule zu gehen und erst mit Mitte 20 einen Beruf zu haben fühlte sich für den Brienzer nicht richtig an. «Ich entschied mich deshalb für die sicherere Variante: eine Lehre als Zimmermann.»

Höhere Qualifikationen werden wichtiger

Dieser Entscheid könnte für Wullschleger schon in wenigen Jahren äusserst rentabel sein. Wirtschaftspädagoge Dubs glaubt an eine Trendwende beim Ansehen gewerblicher Berufe: «Ein Liftmonteur könnte schon bald so viel verdienen wie ein Professor. ­Eine solche Entwicklung ist in den USA bereits ersichtlich und auch in der Schweiz nicht unrealistisch.» Obwohl auch Vertreter der Wirtschaft bestätigen, dass ein Land mit zu vielen Akademikern nicht funktionieren kann, zeigt der Schweizer Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich, dass sich Jobangebote immer stärker in Richtung höhere Qualifikationsniveaus verschieben. Aus- und Weiterbildungen werden für Absolventen einer beruflichen Grundbildung so immer wichtiger. Das liegt mitunter am globalisierten Arbeitsmarkt, der das duale Bildungssystem der Schweiz nicht kennt und sich deshalb schwertut, eine Ausbildung jenseits von ECTS-Punkten, Bachelor- und Masterabschlüssen einzuordnen.

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«Einige meiner Lehrer verstanden nicht, warum ich nach der Matura Strassenbauer wurde.» Sandro Furger, 26

Quelle: Giuseppe Micciché

All diese Argumente hatten Sandro Furger stark verunsichert. «Ich habe mich nach der Matur nicht getraut, nicht zu studieren», erklärt der Churer. Nach abgebrochenem Geographiestudium und einem Zwischenjahr mit Praktika fasste der 26-Jährige aber doch den Mut zu dem, was ihm ­eigentlich gefällt: eine Lehre als Strassenbauer. Die Wahl hat sich Furger gut überlegt. Es war ihm wichtig, nach der Lehre verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten zu haben. «Ich bin ja nicht grundsätzlich bildungsscheu, ich bevorzuge nur eine ­etwas praktischere Ausbildung», erklärt er.

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Nicht alle brachten Verständnis für seine Entscheidung auf: «Vor allem ehemalige Gymilehrer und einige meiner Dozenten an der Uni verstanden nicht, warum ich als Maturand eine handwerkliche Lehre ­mache und nicht all meine akademischen Möglichkeiten ausschöpfe.» Am häufigsten wurde Furger allerdings auf der Baustelle auf seinen ungewöhnlichen Werdegang angesprochen. «Einige Mitstifte, vor allem ehemalige Realschüler, konnten nicht verstehen, weshalb ich als Gymischüler freiwillig auf dem Bau arbeite», sagt Furger. Er habe ihnen deshalb immer und immer wieder erklärt, dass er es toll finde, mit den Händen zu arbeiten und draussen zu sein.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis aus dem Maturanden ein normaler Lehrling wurde. Doch noch heute hat er mit Vorurteilen zu kämpfen. «Die Leute reagieren anders auf mich, wenn sie wissen, dass ich eine Ma­tura habe. Stras­senbauer ist kein prestigeträchtiger Beruf. Das bekommt man immer wieder zu spüren», ärgert sich Furger.

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«Mein Vater hatte Angst»

Dieses Problem hatte Michelle Hofer, die nach einem Semester an der Uni eine KV-Stifti begann, nicht. Die kaufmännische Lehre ist noch immer die beliebteste Ausbildung innerhalb des dualen Bildungssystems – 10'000 bis 11'000 Jugendliche wählen sie jährlich. Rund ein Viertel macht während oder nach der Lehre zudem eine Berufsmatura, um sich die Option auf eine akademische Laufbahn offenzuhalten.

Diese Bedingung stellte auch Hofers Vater an seine Tochter. Wenn schon KV, dann immerhin mit anschliessenden ­Weiterbildungen. «Mein Vater hatte Angst, dass ich mit einem KV-Abschluss gegenüber Uni-Absolventen im Nachteil sein könnte», erklärt sie. Hofers Vater hat selbst eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Dennoch oder genau deshalb sei er mit ihrer Entscheidung anfangs nicht glücklich gewesen. Der Vater rannte bei seiner ehrgeizigen Tochter allerdings of­fene Türen ein. Die 24-Jährige hatte sich längst dazu entschlossen, berufsbegleitend die Berufsmatura zu absolvieren, um schulisch stärker gefordert zu sein. «Ich hatte das Gefühl, mir etwas beweisen zu müssen, weil ich doch die Matura gemacht habe», erklärt Michelle Hofer.

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Und das tat sie. Die junge Frau schaffte eine Abschlussnote von 5,5, erhielt ihr Berufsmaturitätsdiplom und hat mittlerweile eine Ausbildung zur Treuhänderin begonnen. Und den nächsten Schritt auf der Weiterbildungsleiter hat sie bereits im Visier: eidgenössisch diplomierte Wirtschaftsprüferin. «Da drückt dann wohl doch mein kommerzielles Denken durch», sagt sie. Dass ihre Ausbildung insgesamt länger dauern wird als ein durchschnittliches ­Studium, stört sie nicht.

Auch Strassenbauer Sandro Furger hat nach der Lehre auf Weiterbildungen gesetzt. Nachdem er letztes Jahr die Polierschule beendet hat, wird er schon 2012 ein dreijähriges Bautechniker-Fachhochschulstudium antreten.

Sogar Christian Wullschleger, der seine Zimmermannslehre erst im kommenden Sommer abschliessen wird, denkt bereits an Weiterbildung, um nicht bis ins hohe Alter auf dem Bau arbeiten zu müssen.

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Lehre oder Studium? Nicht mehr länger «entweder – oder», sondern immer häufiger «sowohl – als auch».