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Schule«Die meiste Kritik an Lehrern ist völlig berechtigt»

Viele Lehrer sind ausgebrannt. Ein Quereinsteiger erzählt, wie es anders geht – und warum manche seiner Kollegen nicht Lehrer sein sollten.

Zu wenig auf die Individualität der Kinder ausgerichtet: Ein Lehrer übt harte Kritik am heutigen Bildungssystem.
von aktualisiert am 21. Juni 2018

Die Schule erfüllt eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben. Doch oft sind die Lehrerinnen und Lehrer angeschlagen und ausgebrannt. Zeitdruck, verhaltensauffällige Schüler und anspruchsvolle Eltern Schule Die Streber-Eltern bringen sie ans Limit. Die Folgen sind fatal: schlechtes Schulklima, verminderter Lernerfolg Schule «Die Angst ist gross, dass das Kind den Anschluss verliert» . Ein Drittel der Lehrpersonen leidet an Aspekten eines Burn-outs, zeigt eine Nationalfonds-Studie.

Dennoch hat sich Sebastian Keller* vor fünf Jahren für diesen Beruf entschieden. Er möchte anonym bleiben, zum einen weil sein Unterricht in vielem nicht der Norm entspricht. Und weil er mit einigen Berufskollegen hart ins Gericht geht.

Der Quereinsteiger

Mit 45 drückte Keller nochmals die Schulbank und liess sich als Quereinsteiger an der Pädagogischen Hochschule Zürich zum Primarlehrer ausbilden. Der Historiker war zuvor 20 Jahre als Journalist tätig gewesen, oft auch im Ausland. Das fünfzigste Erdbeben und die hundertste Wahlveranstaltung und die immer gleichen Reaktionen darauf liessen ihn allmählich zweifeln. «Ich wollte etwas Sinnvolles tun.» Daher die Idee, Lehrer zu werden. Er bewarb sich mit einem Motivationsschreiben, wurde eingeladen und aufgenommen.

Seither unterrichtet Keller Viert- bis Sechstklässler in einem gutbürgerlichen Viertel einer Schweizer Kleinstadt. Viele Eltern sind anspruchsvoll, der Übertritt ans Gymnasium ist quasi Pflicht. «Die meiste Kritik von Eltern gegenüber Lehrern halte ich für völlig berechtigt», sagt Keller. Oft würden sie präzis die wunden Punkte erkennen, etwa dass ihr Kind zu wenig gefördert werde. «Wer Angst vor Eltern hat oder die Auseinandersetzung mit ihnen scheut, darf diesen Beruf nicht wählen. Wenn ich aber mit Begeisterung Lehrer Bildung «Es läuft so viel schief – leider!» bin, überträgt sich das auf die Kinder. Und mit motivierten Schülern Primarschule Die Lust aufs Lernen fördern kann man fast alles erreichen.» Unterrichten sei neben der Vermittlung von Wissen intensive Beziehungsarbeit.

Keller ist Vater eines Elfjährigen, er weiss, was Kinder beschäftigt. «Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, Kinder zu haben, wenn man Lehrer ist.»

Beobachter: Sie haben in Ihrer Klasse die Hausaufgaben abgeschafft. Warum?
Sebastian Keller*: Die Kinder haben eine 32-Stunden-Woche. Das ist sehr viel. Da müssen sie nicht noch jeden Tag eine Stunde Aufgaben dranhängen Primarschule «Ufzgi sind meistens sinnlos» . Ich will, dass die Kinder alles im Unterricht erledigen: Übungen, Gelerntes aufbereiten und vertiefen. Das funktioniert bestens.

Beobachter: Keine Proteste von Eltern?
Keller: Kaum. Die merken schnell, dass ihre Kinder leistungsmässig nicht abfallen. Und ganz wichtig: Die Kinder kommen gern zur Schule. Das checken die Eltern. Wer gern kommt, lernt auch besser, das ist erwiesen.

Beobachter: Was sagen Ihre Lehrerkollegen?
Keller: Es sind nicht alle begeistert. Aber die Schulleitung steht hinter mir.

Der 50-Jährige findet, dass oft die falschen Leute Lehrer werden. Schon in der Ausbildung scheiterten viele, und die Aussteigerquote sei bereits nach wenigen Berufsjahren sehr hoch. Keller hat eine Erklärung dafür: «Viele unsichere Personen, insbesondere auch Frauen, die nach der Matur nicht wissen, was sie wollen, machen dann einfach die Lehrerausbildung. Obwohl sie nicht gern vor Leuten sprechen und wenig Selbstvertrauen haben.»

Das bestätigen Fachleute. «Bis zu 40 Prozent der Lehramtsabsolventen sind für den Lehrerberuf eigentlich ungeeignet», sagt Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der deutschen Universität Passau. Oft fehle die Motivation für den Beruf, die Noten reichten nicht für ein Medizinstudium, und aus Verlegenheit werde man dann halt Lehrer. Keine gute Voraussetzung für den anspruchsvollen Job.

Beobachter: Sie haben also die Ufzgi abgeschafft. Und seit kurzem auch noch die Noten. Warum?
Keller: Die Kinder konnten selbst entscheiden, ob sie ihre Prüfungen benotet haben wollen oder nicht. Zeugnisnoten Schule Sind Noten überflüssig? gibt es natürlich noch, das ist laut Gesetz Pflicht. Die Hälfte der Klasse hat sich gegen Prüfungsnoten entschieden.

Beobachter: Wie bewerten Sie denn diese Kinder?
Keller: Damit habe ich mir ein Ei gelegt. Das System ist einfach – aber aufwendiger, als die erreichten Punkte auf eine Notenskala zu übertragen. Jedes Kind, das keine Noten möchte, setzt sich zu Beginn des Semesters in jedem Fach eine Zielnote. Wenn es diese in einem Test übertrifft, erhält es einen blauen Punkt. Ein Ergebnis im Bereich der Zielnote ergibt einen grünen Punkt, ein schlechteres einen orangefarbenen oder einen roten. Das Kind weiss also sofort, ob es auf Kurs ist. Wer sich als Ziel eine 5 setzt und stets besser ist, erhält immer Blau. Wer sich eine 6 setzt und immer nur eine 5–6 schreibt, erhält Orange. Das 5er-Kind hat also im sozialen Vergleich plötzlich die «bessere» Note als das 6er-Kind.

Beobachter: Das funktioniert?
Keller: Ja, bisher schon. Die Kinder sind sehr motiviert und können sich gut einschätzen.

Beobachter: Klappt das nur, weil im Quartier fast keine bildungsfernen Eltern leben?
Keller: Ich denke nicht. Es gibt andere Schulen, auch in sozial durchmischten Gegenden, die nach demselben Prinzip arbeiten und Prüfungsnoten schon lange abgeschafft haben.

Sebastian Keller kleidet sich in der Freizeit lässig, Streifenpulli und Jeans, markanter Schmuck. Doch zum Unterricht erscheint er immer in Hemd und Jackett. «Ich bin Vorbild. Birkenstöcke und Schlabberlook gehen gar nicht.» Es gehe um Respekt, gegenseitigen.

Beobachter: Wie unterrichten Sie?
Keller: Ganz wichtig: Als Lehrer darf ich nie der Kollege sein. Ich bin eine Respektsperson, ein Experte.

Beobachter: Anbiedern ist tabu?
Keller: Ja, das ist furchtbar. Ich muss den Stoff beherrschen, alles beantworten können – nicht der Kumpel sein. Mich interessieren die neugierigen Kinder, die dauernd Fragen stellen.

Beobachter: Und die anderen?
Keller: Die schaffen es ohnehin. In unserem Schulsystem wird viel zu stark auf Gleichmacherei gesetzt. Es ist richtig, dass alle eine Chance haben sollen. Für mich ist aber die Frage: auf welchem schulischen Niveau? Es hat schlicht nicht jeder die gleichen geistigen Voraussetzungen. Man sollte die Kinder bereits nach der dritten Klasse in Stärkeklassen einteilen, wie das nach der Primarschule mit Gymnasium und Sekundarschule auch passiert.

Beobachter: Warum eine so frühe Selektion?
Keller: Alle Kinder sollen nach ihren Fähigkeiten und Talenten gefördert werden – auch die besten. Doch gerade die kommen trotz sogenannter Begabtenförderung viel zu kurz. Auch ich kann ihnen keinen adäquaten Unterricht bieten. Ich bemühe mich zwar, immer Stoff bereitzuhaben, der auch diese Kinder herausfordert. Einfacher wäre es natürlich, ich müsste den Unterricht nicht für fünf verschiedene Niveaus vorbereiten. Ich behaupte, bei der integrierten Schule kommen am Schluss alle zu kurz. Kein Lehrer kann leisten, was sich Bildungsbürokraten am Schreibtisch ausgedacht haben.

Keller sieht als Hauptgrund für das Scheitern vieler Lehrpersonen, dass sie «viel zu früh in den Job einsteigen». Nach der Matur gleich die Bachelorausbildung zum Primarlehrer, und mit 22 steht man vor der ersten Klasse. Wie soll so eine junge Person das Rückgrat haben, Eltern Paroli zu bieten? «Eigentlich sollte man erst ab 40 Lehrer werden dürfen», meint Keller. Dann habe man schon anderswo Berufserfahrung aufgebaut, Lebensweisheit und Selbstsicherheit. «Man ist weniger schnell ausgebrannt und überlastet. Und man kommt auch mit schwierigen Schülern besser zurecht.»

 

* Name geändert

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Birthe Homann, Redaktorin

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10 Kommentare

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casi
Ein klares NEIN! Selbstbverständlich, muss endlich vermehrt bei der Ausbildung der Lehrkräfte darauf geachtet werden, ob sich eine Person überhaupt "eignet" den Lehrerberuf auszuüben mit den vielfältigen Anforderungen! Die massive Erschwerung im Bildungswesen der Schweiz für Lehrpersonen, SchülerInnen und Eltern (bei Umzügen), ist, dass die Mini-Schweiz eine Flut von unsinnigen, komplizierenden und teuren "Kantönligeist-Bildungs-Systemen"aufweist! Sinn machend, vereinfachend und viel günstiger wäre 1 (EIN) gesamtschweizerisches Bildungs-Grundsystem, worauf die jeweiligen Regionen ihre Spezialbedürfnisse (Sprache etc) aufbauen könnten!
martin.muhr
Der reisserische Titel dient lediglich einer Hetzjagd und entbietet sich jeglicher Grundlage - ein einziger (anonymer?!!) Lehrer ohne Erfahrung als Pädagoge (funktioniert sein Konzept auch beim nächsten Klassenzug?) wird interviewt und daraus wird dieser Schluss gezogen? Anders gefragt: Wem bringt Ihr Artikel etwas? Beruhigt er die unzufriedenen Eltern? Werden die ausgebrannten Lehrer dadurch wieder einsatzfähig? Fühlen sich die motivierten Lehrpersonen bekräftigt oder verunsichert er lediglich die zufriedenen Eltern? Ich kenne den Beobachter seit meiner Kindheit. Für mich war er bis anhin ein Fels in der Brandung des Boulevardjournalismus. Der Artikel zeigt keine ernstzunehmenden oder realistisch umsetzbaren Lösungsansätze auf. Die Art der Kommentare (auch unter FB) weist daraufhin, dass der Artikel nur Öl ins Feuer wirft. Und da erwarte ich zukünftig mehr vom Beobachter. Glaubt wirklich jemand ernsthaft daran, dass es nur im Ansatz möglich ist, 16’397 Lehrpersonen ab 40 Jahren zu rekrutieren? Berichten Sie in neun Jahren (3,Klassenzüge) noch einmal ob „Keller“ immer noch unterrichtet und ob er seine Ideologien beibehalten hat. Sie möchten viele neue Ideen für das Bildungswesen thematisieren, das gefällt mir. Das braucht aber mehr fundierten und engagierten Journalismus. Genau das habe ich bis anhin an dem Beobachter geschätzt.
brigitte
ich bin au dä Meinig, dass Lehrer zerscht ämal imene andere Bruef sölled gschaffed ha, am beschte au sälber Eltere sind. Direkt ab dä Schuel is Lehrerseminar und dänn vor d Klass und Chef über 20 Chind und 40 Eltere spiele gaht i mine Auge gar nid. Ich weiss wovo ich red, min Sohn hätt i dä gliiche Klass während 6 Jahr Primarschuel 14 Lehrerwächsel gha :(. Usserdem bini i dä Chreis- und i dä Bezirksschuelpfläg gsi.
yallix
Lehrpersonen: Einfach zu jung, um genügend Erfahrung und Selbstbewusstsein zu haben, um den zwischenmenschlichen und organisatorischen Anforderungen des Lehrberufs gewachsen zu sein? Dies also die Erfahrung eines Lehrers nach 5 Jahren im Lehrberuf in einer Schweizer Kleinstadt, der anonym bleiben möchte, weil er Kritik an seinem Urteil befürchtet. Wo bleibt denn nun hier das Selbstbewusstsein der erfahrenen über 40jährigen, die seiner Ansicht nach erst in diesem Alter für den Lehrberuf reif genug sind - u.a., um mit Kritik an ihnen umgehen zu können? Könnte es aber sein, dass hier die durchaus lobenswerte Begeisterung eines noch nicht langjährigen Lehrers den Blick auf weitere, nicht wegzudiskutierende Fakten verstellt, die das Ausbrennen und Verlassen des Lehrberufs nicht einfach zu einer eindimensionalen Sache des persönlichen Versagens machen? So unterscheidet sich z.B. die Berufssituation in einer Kleinstadt erheblich von derjenigen in einer grossen Stadt wie z.B. Zürich. Ebensolche Unterschiede sind zwischen Stadt- und Landgemeinden anzutreffen. Und die finanzielle Situation eines Schulhauses hängt direkt mit der - in der Regel - Sparpolitik des Kantons und seiner politischen Gemeinden zusammen. Genau aus diesem Grund haben in Zürich beispielsweise Schulische Heilpädagogen anstelle der explizit empfohlenen 4-5 Klassen pro 100% Anstellungspozent 8 Klassen zu unterstützen - mit 80% Anstellungspozent (8 Klassen erforderten eigentlich 192 Anstellungspozente). Und dies selbstverständlich bei gleichbleibenden Ansprüchen. Diese Ansprüche werden dann in diversen Schulgemeinden selbstverständlich lohnwirksam überprüft - u.a. von Schulpflegepersonal, das nie selber den Lehrberuf erlernt haben muss. Zudem verdienen im Kanton Zürich Kindergartenlehrpersonen deutlich weniger, weil nach Ansicht dreier Bundesrichterinnen (Bundesgerichtsurteil von 2017) der Bachelor einer Kindergartenlehrperson weniger wert ist als derjenige der Primarlehrpersonen - trotz gleicher Ausbildungslänge und erforderlicher ECTS-Punkte. Aus demselben Grund bekommen z.B. im Kanton Zürich auch die Schulischen Heilpädagogen weniger Lohn für ihre Arbeit im Kindergarten als auf der Primarstufe - sogar trotz exakt gleicher Ausbildung und Erwartungen an ihre Arbeitsqualität. Ebenso wurde die Regelung, die in der Unterstützung aufwändigeren Kinder als 2-3 Schulkinder zu zählen (um damit die Klassengrösse im Interesse einer Förderung für alle Schulkinder zu regeln) aus Sparüberlegungen z.B. im Kanton Zürich abgeschafft. Könnte es also sein, dass die Motivation einer Lehrperson nicht einfach ihr persönliches Problem ist, sondern im Austausch mit dem entsprechenden Rahmen steht - am besten einen wertschätzenden? Und könnte es sein, dass der ehemalige Journalist im erwähnten Lehrer den nötigen Weit- und Tiefblick in die Rahmenbedingungen des Lehrberufs etwas weggespült hat zugunsten provokativer Aussagen - die zugegebenermassen knackige Schlagzeilen liefern, aber dadurch der ganzen Sache nicht ausreichend gerecht werden? Ich bin darum sehr neugierig, wie dieser Lehrer nach 20 Jahren im Lehrberuf über seine KollegInnen urteilt.
kiawase
die unfähigkeitsquote dürfte in vielen und auch in höher qualifizierten jobs ähnlich sein. Wer hat als junger Mensch nicht selber solche Lehrer erlebt?