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SchulpsychologieWenn es in der Schule brennt

Trauriges Kind auf Bank.
Leistung, Noten, Ausgrenzung: Viele Kinder scheitern am wachsenden Druck. Bild: Samuel Trümpy

Auffällige Kinder, gemobbte Jugendliche und überforderte Eltern: Den Schulpsychologischen Diensten geht die Arbeit nicht aus. Anschauungsunterricht im Kanton St. Gallen.

von Birthe Homannaktualisiert am 2017 M07 04

Die Schülerin war von ihrem kosovo-albanischen Vater sexuell missbraucht worden. Sie suchte Hilfe bei ihrem Lehrer, der sie vom Suizid abhielt. Der Vater rächte sich. Er erschoss den Lehrer am 11. Januar 1999 in der Schule. 

Die Ermordung des Realschullehrers in St. Gallen erschütterte die ganze Schweiz. Die Bluttat zeigte auch, wie stark die Schule mit Problemen konfrontiert ist, die weit über ihren eigentlichen Aufgabenbereich hinausgehen. Wie eng Schule und Familie verzahnt sind. Und wie wichtig psychologisches Geschick und Wissen in solchen Situationen sind.

Das Tötungsdelikt war die Geburtsstunde der Kriseninterventionsgruppe (KIG). Sie ist eigenständiger Teil des Schulpsychologischen Dienstes in St. Gallen – ein Modell mit Vorbildcharakter für das ganze Land.

Eine Bluttat änderte alles

Zuvor war die Arbeit der Schulpsychologen stark auf das einzelne Kind ausgerichtet. Noch bis in die achtziger Jahre hinein wurden schulische Probleme fast nur im Zusammenhang mit den Leistungen des Kindes gesehen. Erst danach setzte sich die Erkenntnis durch, dass das familiäre und schulische Umfeld des Kindes genauso wichtig sind. Die Beratung weitete sich aus, Eltern und Lehrpersonen wurden stärker miteinbezogen. Es setzte sich langsam die Haltung durch, dass es das gesamte Umfeld braucht, damit ein Kind Fortschritte machen kann.

Heute könnte eine so extreme Tat wie der St. Galler Lehrermord vielleicht verhindert werden. Vier Fachleute sind rund um die Uhr da, wenn in der Schule etwas Schlimmes passiert oder sich ein Konflikt anbahnt. Rund 100 Fälle bearbeitet die Kriseninterventionsgruppe pro Jahr, viele über einen längeren Zeitraum von bis zu zwei Jahren. 

Die meisten Fälle betreffen Schul- und Klassenklima, Mobbing sowie Konflikte zwischen Schule und Elternhaus. Auch bei Suiziden oder Radikalisierungsfällen ist die KIG zur Stelle. In dieser Form und Breite ist sie eine einzigartige Institution in der Schweiz, die fest im Schulpsychologischen Dienst verankert ist.

«Menschen neigen zu Neid und Missgunst, deshalb wird es wohl immer Gewalt geben.»


Esther Luder, Leiterin Kriseninterventionsgruppe (KIG) des Schulpsychologischen Dienstes St. Gallen

Besprechung
Einsatzbesprechung: Esther Luder (l.) und ihr Team.
Quelle: Samuel Trümpy

Leiterin ist seit zwei Jahren die Psychologin Esther Luder. Die 46-jährige, zierliche Frau wirkt ruhig und zurückhaltend. Doch wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, traut man ihr zu, dass sie auch krasse Situationen in den Griff bekommt. «Menschen neigen zu Neid und Missgunst, deshalb wird es wohl immer Gewalt geben», sagt sie.

Es sei zentral, dass die Eltern mitarbeiten, etwa wenn ein Kind gemobbt wird. Das klappe in der Regel gut. Zwei Drittel der Eltern bekäme man an Bord, beim restlichen Drittel sei das aber schwierig. Sie weigerten sich, zu glauben, dass ihr Kind Gewalt ausübt, sie suchten die Fehler bei den anderen oder beschuldigten gar die Opfer. «Das ist nicht schön. Aber leider können wir nicht alles hinbiegen», so Luder.

Dabei gäbe es wirksame Methoden, um Mobbing innerhalb der Schule rasch zu unterbinden. Luder erzählt, wie Kinder ausgegrenzt werden, etwa wenn ein Anführer befiehlt, dass keiner dem Opfer näher als drei Meter kommen darf, weil er sonst «verpestet» werde. Und wie die sozialen Medien das Problem verschärften, weil ein durch Cybermobbing geplagtes Kind keinen Raum mehr habe, in den es sich zurückziehen könne. Nicht einmal daheim fühle es sich noch sicher.

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Was Eltern bei Mobbing tun können

Mobbing ist eine Form von Gewalt und bedeutet, dass mehrere Personen wiederholt und über einen längeren Zeitraum (Wochen, Monate) eine bis zwei Personen gezielt und systematisch quälen. Für Betroffene ist es oft beschämend und mit Hilflosigkeit verbunden. 


Tipps für die Prävention:

  • Verankern Sie Grundwerte des Zusammenlebens wie Respekt vor anderen, Vielfalt als Bereicherung im Alltag.
  • Beziehen Sie klar Stellung gegen Gewalt.
  • Stärken Sie den Selbstwert und das Selbstvertrauen des Kindes.
  • Zeigen Sie Interesse an seinem Alltag.
  • Fördern Sie seine Kompetenz des Abgrenzens und Neinsagens.


Tipps in Mobbingsituationen:

  • Hören Sie den Betroffenen zu und unterstützen Sie sie.
  • Bewahren Sie Ruhe.
  • Suchen Sie das Gespräch mit der Lehrperson, eventuell auch der Schulleitung. Ziel: Situation beschreiben, Anliegen formulieren, Handlungen koordinieren.
  • Konfrontieren Sie den oder die Täter auf keinen Fall direkt.
  • Ziehen Sie einen Klassen- oder Schulwechsel nur im Notfall in Betracht.


Internet

Wenn Esther Luder und ihre Mitarbeitenden am Morgen ins Büro kommen, wissen sie nicht, was sie am Tag erwartet, wo sie hinmüssen. Meist sind es Schulleitungen oder Lehrpersonen, welche die KIG um Unterstützung bitten. Zum Beispiel wenn eine krebskranke Schülerin gestorben ist. Das seien traurige, aber auch dankbare Einsätze. Da können die Psychologen helfen; Mitschüler, Lehrer und Eltern seien froh um den Rückhalt. Schwieriger seien Konflikte zwischen Schule und Eltern, erzählt Esther Luder. Die Situation sei da oft schon so verfahren und eine Lösung kaum mehr möglich. Manchmal werde sogar eine Umplatzierung des Kindes nötig.

«Meistens läufts ja gut»

Luder ist täglich mit Gewalt und anderen Konfliktsituationen im Schulalltag konfrontiert. Glaubt sie überhaupt noch an das Schweizer Schulsystem? Die Psychologin zögert keine Sekunde: «Ja. Es ist gut, dass die Volksschule für alle offen ist. Die Vielfalt ist gross, und meistens läuft es ja gut.» Man müsse aber jeweils sorgfältig hinschauen. Es sei wichtig, dass sich auch Lehrer Unterstützung holen, wenn ihnen eine Klasse zu entgleiten drohe. Aber die Belastung sei hoch. Manchmal brauche sie einen Schutzpanzer. Zu Hause bei ihrem Mann könne sie aber abschalten, er halte ihr den Rücken frei.

Ein paar Büros weiter arbeitet die Schulpsychologin Daniela Eugster, die nicht zum Kriseninterventionsteam gehört. Sie ist eine Frau, die man sofort ins Herz schliesst, der man schnell vertraut. Die kurzhaarige 55-Jährige öffnet Kinder und deren Eltern rasch. Sie geben ihr auch sehr persönliche Dinge preis. Psychologinnen sind wie Ärzte, Anwältinnen oder Geistliche der Schweigepflicht unterstellt.

Therapien haben einen schlechten Ruf

Woher Eugster ihre Gabe hat, weiss die ehemalige Buchhändlerin und Mutter dreier erwachsener Kinder nicht. Hat sie das im Studium gelernt, oder ist es die lange Erfahrung? Sie lacht. Sie verstehe gut, wenn Eltern befürchten, ihr Kind werde stigmatisiert, wenn es in eine Therapie oder Beratung müsse. Doch meist seien das die Kinder ja schon, weil sie sich auffällig verhalten oder einfach anders sind als ihre Altersgenossen. «Dann soll man ihnen doch besser helfen, sich zurechtzufinden, und ihnen zeigen, was sie alles schon können, und Möglichkeiten eröffnen, wie es besser gehen könnte», sagt sie bestimmt. Ihre rechte Augenbraue zieht kurz nach oben.

Schulpsychologische Dienste (SPD) gibt es in jedem Kanton. Das Angebot steht Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrpersonen kostenlos zur Verfügung. Im Kanton St. Gallen wurde der Schulpsychologische Dienst 1939 gegründet, damals hiess er zusätzlich noch «Fürsorgestelle für jugendliche Anormale». Heute ist er der drittgrösste der Schweiz und hat laut Experten eine Vorbildfunktion. Knapp acht Prozent der Schüler und Schülerinnen kommen in Kontakt mit dem Schulpsychologischen Dienst. Das sind rund 3600 Schulkinder jährlich. Die Zahlen sind seit Jahren stabil.

«Der Schulbesuch muss sichergestellt werden, sonst nehmen die Symptome – oft auch körperliche – nur noch mehr zu.»

Daniela Eugster, Schulpsychologin

Daniela Eugster.

Ein Frühsommermorgen in Daniela Eugsters Büro in Rorschach hoch über dem Bodensee. Sie muss heute abklären, ob ein sechsjähriger Bub in die zweijährige Einführungsklasse gehen soll. Die Einführungsklasse ist eine Art Kleinklasse, in der bis zu zwölf Kinder in zwei Jahren den Schulstoff der ersten Klasse lernen. Die Kindergärtnerin beschreibt Javier* als impulsiv und zerstreut. 

Er könne sich nicht lange konzentrieren und sprachlich nicht gut ausdrücken. Der Vater ist Schweizer, die Mutter Spanierin. Beide arbeiten viel, sie haben einen eigenen Betrieb.

Es ist Viertel vor neun, seit 15 Minuten sollte Javier mit seinen Eltern in Eugsters Büro sein. Sie wartet noch ein paar Minuten, dann ruft sie den Vater an. Er ist am Arbeiten, hat das Gespräch total vergessen. Der Bub ist im Kindergarten. Eugster bleibt gelassen, ruft die Mutter an und bittet sie, Javier aus dem Kindergarten abzuholen und zu ihr zu bringen.

Um 9.45 Uhr ist Javier endlich da. Ein fröhlicher, lebhafter Bub. Er kann keine Sekunde still sitzen. Auf dem Tisch hat es zwei Stofftierchen, eine schlaue Maus und eine Eule, die gut hinschauen kann. Er nimmt die Plüschtiere in die Hand und drapiert sie begeistert neben sich. «Die ich herzig finden», sagt er. Eugsters Augenbraue wandert kurz nach oben.

Zuerst spielt die Psychologin mit dem Buben ein Spiel. Welche Ente ist schneller am Ufer? Javier ist voll dabei, schummelt ein bisschen, sie lässt ihn machen. Er wippt auf dem Stuhl hin und her, zappelt mit den Beinen. Eugster holt ihren weissen Materialkoffer mit den verschiedenen Tests. Sie prüft Hörverständnis, Denkleistung, Sozialverhalten. Der Bub macht mit, schweift aber ab, beantwortet vieles nicht. Er hat Mühe, längere Texte zu verstehen.

Daniela Eugster wird hinterher ausführlich mit den Eltern sprechen und dann gemeinsam mit ihnen und der Kindergärtnerin einen Entscheid treffen. Ihr Gefühl sagt, dass er gut in die Einführungsklasse passen würde. «Er wäre in der ersten Klasse wohl schnell überfordert.»

Schwänzen aus purer Not

Daniela Eugster erzählt von anderen intensiven Begleitungen. Von Schulverweigerungen, in denen Kinder oder Jugendliche längere Zeit nicht mehr in die Schule gehen. Ein schwerwiegendes Problem. Es habe meist nichts mit dem normalen Schwänzen zu tun und nehme zu. Der Druck auf solche Kinder sei enorm, ihre Verzweiflung gross. «Der Schulbesuch muss unbedingt sichergestellt werden, sonst nehmen die Symptome – oft auch körperliche – nur noch mehr zu», sagt sie. Häufig lägen bei solchen Fällen Angststörungen vor. Angst, die Leistung nicht zu bringen, Angst, dass man blossgestellt oder ausgegrenzt werde.

Problematisch ist auch, dass viele Eltern schon sehr früh Angst haben, dass ihre Kinder keinen guten Beruf lernen können. Sie wollen, dass die Kinder bestmöglich gefördert werden. Das baut viel Druck auf, sowohl bei den Kindern als auch in der Schule. Die Schulpsychologen müssen dann immer wieder versuchen, diesen Stress abzubauen.

Hochbegabt oder einfach nur schlau? 

Im Kanton Gallen arbeiten 48 Psychologinnen und Psychologen und 7 Logopädinnen beim Schulpsychologischen Dienst. Sie intervenieren bei Lernschwierigkeiten, Hochbegabung, Sprachstörungen, Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten, familiären, emotionalen oder psychischen Problemen. Gut drei Viertel der Anfragen beziehen sich aber auf das Leistungs- und das Lernverhalten.

Das ganze Spektrum der gesellschaftlichen Strömungen und Auswüchse, wie extreme Erwartungen, Individualisierung, tumbe Gleichgültigkeit und Gewalt, landen irgendwann bei den Schulpsychologen, denn Kinder sind davor nicht gefeit. Im Gegenteil: Sie imitieren die Erwachsenen in ihrem Verhalten.

«Jedes schlaue Kind ist damals von den Eltern zur Intelligenzbestie hochstilisiert worden.»


Urs Gadient, Schulpsychologe

Urs Gadient.

Urs Gadient ist schwierige Situationen gewohnt. Der 57-Jährige arbeitet seit über 20 Jahren im Schulpsychologischen Dienst, seit drei Jahren in Sargans im Rheintal. Es sei sehr belastend, wenn er Eltern mitteilen müsse, dass ihr Kind geistig behindert sei und in eine Sonderschule müsse. Manche Eltern könnten nicht damit umgehen, wenn ihre Erwartungen an das Kind zerstört werden. Das seien oft sehr emotionale Gespräche, «das geht mir nahe».

Heute aber hat er ein elfjähriges Mädchen in seiner Beratung. Es möchte eine Klasse überspringen, weil es ihr in der Schule zunehmend langweilig ist. Die Eltern und die Lehrer unterstützen das Vorhaben. Urs Gadient hat einen Testkoffer voller Übungsaufgaben. Er macht mit dem Mädchen einen Intelligenztest. Und er will wissen, ob die Fünftklässlerin darauf vorbereitet ist, dass sie in der höheren Klasse nicht unbedingt nur freundlich aufgenommen wird. Und darauf, dass sie am Anfang nicht mehr die besten Noten schreiben wird. Kann sie das verkraften?

Nach zwei Vormittagssitzungen mit der Elfjährigen und nach einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern und den Lehrern ist sich Schulpsychologe Gadient sicher, dass das Mädchen das schaffen kann. Es wird nach den Sommerferien direkt in die Oberstufe wechseln.

Je nach gesellschaftlicher Strömung gebe es mehr Anfragen zu hochbegabten Kindern, eine Zeitlang sei das geradezu modern gewesen. «Jedes schlaue Kind wurde von den Eltern gleich zur Intelligenzbestie hochstilisiert. Aber jedes Mal, wenn ich ein wirklich hochbegabtes Kind vor mir habe, staune ich von neuem: Diese Kinder haben einfach einzigartige Fähigkeiten.» 

Das Mädchen sei sehr begabt, aber keinesfalls hochbegabt. Das zeige der Intelligenztest. Urs Gadient lächelt und krempelt die Ärmel seines weissen Hemdes hoch. «Schulpsychologe zu sein, das war immer meine Passion.» Wo sonst sei man so nahe am Puls der Zeit, so nahe am Geschehen? «Ich kann so oft Gutes für ein Kind bewirken», das sei sein Motor, seine Motivation.
 

*Name geändert

«Das Wichtigste – jeden Freitag per Mail.»

Elio Bucher, Online-Redaktor

Das Wichtigste – jeden Freitag per Mail.

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