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DatenschutzSensible Notrufdaten im Netz

Sanität und Feuerwehr kommunizieren unverschlüsselt per Pager. Meldungen über Suizide oder Drogentote lassen sich so problemlos mitlesen.

Wenn sie gerufen werden, liest das Netz mit: Sanitätsfahrzeuge treffen an einem Einsatzort ein.
von aktualisiert am 28. August 2018

Im Notfall Erste Hilfe Leben retten – so reagieren Sie richtig zählen Sekunden. Und so muss es schnell gehen, wenn die Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich eine Ambulanz aufbietet: «Intoxikation mit Atemstörung/bewusstlos, Bahnhofstrasse X, 5. Stock bei XZ», lautet dann etwa die Meldung auf dem Pager der Sanitäter. Das kleine Gerät, das Angehörige von Blaulichtorganisationen im Dienst auf sich tragen, hat einen grossen Vorteil: Die kurzen Textnachrichten lassen sich selbst in Tiefgaragen und Kellern empfangen – wo Handys längst keinen Empfang mehr haben.

Allerdings: Sanität und Feuerwehr kommunizieren in der ganzen Schweiz unverschlüsselt über ihre Pager. Oft ist das unbedenklich. Wenn die Feuerwehr wegen eines Wespennests ausrückt, muss die Adresse nicht zwingend verschleiert werden. Denn hier werden die Persönlichkeitsrechte des Hausbesitzers nicht verletzt.

Opfernamen und Unfallort waren frei zugänglich im Netz

Anders aber, wenn Informationen zum Gesundheitszustand übermittelt werden: «Suizid» oder «offensichtlich leblose Person» samt Hausnummer und Name sind hochsensible Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt Datenschutz im Internet So schützen Sie Ihre Daten vor Google & Co. sind. Dorthin sind diese Informationen aber gelangt.

Wer in den vergangenen Wochen auf Google zu Unfällen in der Ostschweiz, der Innerschweiz, im Tessin oder in der Romandie recherchierte, stiess unversehens auf eine frei zugängliche Website mit den aktuellsten Pager-Meldungen – unverschlüsselt und mit intimsten Details über Patienten und Opfer.

Ob Selbstmord, Treppensturz oder Überdosis: In vielen Fällen enthielten die aufgelisteten Notfallmeldungen nicht nur die Adresse, sondern gleich noch den Namen der Betroffenen. Selbst eine Meldung über einen bevorstehenden Geldtransport in einer grösseren Zürcher Gemeinde war Mitte August einfach so auf dem offenen Pager-Kanal zu finden.

Heikle Angaben im Minutentakt

Dieser «Liveticker» zu Alarmen und Rettungsaktionen war im Internet zu lesen.

Alte Pager im Einsatz – Verschlüsselung der Daten nicht möglich

Erstaunlich ist das nicht. «Ich kenne ausser ein paar wenigen Polizeikorps keine Blaulichtorganisation, die ihre Pager-Meldungen verschlüsselt», sagt Rolf Schenk, Gründer und Inhaber der Firma Evosys, die unter anderem Pager vertreibt. 
 

«Die vorgängige Pager-Generation konnte mit den technischen Neuerungen nicht Schritt halten.»

Ivo Bähni, Mediensprecher Schutz & Rettung Zürich


Das bestätigt Ivo Bähni, Sprecher von Schutz & Rettung Zürich (SRZ). Von der SRZ-Einsatzleitzentrale aus werden Sanität und Feuerwehr in den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Schwyz und Zug per Pager alarmiert. Verschlüsselt werden diese Meldungen jedoch bloss vom Sendegerät zum Funkmast. «Es war mit dem jetzigen System bisher technisch nicht möglich, die Daten bis zum Pager-Empfänger zu verschlüsseln», erklärt Bähni. «Einerseits, weil die vorgängige Pager-Generation nicht mit den technischen Neuerungen Schritt halten konnte, anderseits, weil das auch eine Umrüstung der Funkrufzentralen notwendig macht.»

Neuere Technik würde nicht viel kosten

Konkret bedeutet das: Die Technik für verschlüsselte Pager-Meldungen wäre erhältlich, aber Sanität und Feuerwehren in der Schweiz kommunizieren über veraltete Geräte, die ein Mitlesen der Nachrichten zum Kinderspiel machen.

Die Ausrüstung, die dazu nötig ist, kostet lediglich ein paar Franken. Eine kleine TV-Antenne und ein billiger Funkempfänger genügen. «Die Software ist frei erhältlich und lässt sich selbst von Laien innert kurzer Zeit konfigurieren», sagt Bernhard Tellenbach, Professor für Informationssicherheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Ältere Pager-Geräte wie dieses können die Daten nicht verschlüsselt empfangen.

Gleicher Vorfall schon in Österreich

Es ist kein Geheimnis, dass unverschlüsselte Pager-Meldungen mit einfachsten Mitteln abgefangen werden können. Das IT-Fachportal «Heise online» hat bereits 2009 von einem ähnlichen Fall in Österreich berichtet. Damals war der Pager-Funkverkehr der Tiroler Notrufzentrale ins Internet gelangt – ein Vorfall, der bei Schweizer Datenschützern offenbar keine Beachtung fand. 

Die Kommunikationskanäle der Blaulichtorganisationen seien bisher nie ein Thema gewesen, sagt der Kantonalzürcher Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl. «Aber es ist selbstverständlich, dass derart sensitive Daten geschützt werden müssen.» Sein Stadtzürcher Amtskollege Jürg von Flüe lässt lediglich ausrichten, man werde das Problem «seriös abklären».

Einsatzkräfte der Stadtpolizei Zürich müssen zurückrufen

Bis die Blaulichtorganisationen verschlüsselt kommunizieren, dürfte es noch eine Weile dauern. Man gehe davon aus, «dass eine vollständige Umsetzung der Verschlüsselung voraussichtlich im Verlauf 2019 abgeschlossen werden kann», teilt SRZ mit. Im Übrigen halte man sich an das kantonale Datenschutzgesetz und die entsprechende Verordnung. 

Solange unverschlüsselte Pager-Meldungen Namen, Adressen und medizinische Angaben enthalten, darf das zumindest bezweifelt werden. Wie es datenschutzkonform ginge, zeigt die Stadtpolizei Zürich: Sie fordert via Pager ihre Einsatzkräfte lediglich dazu auf, zurückzurufen.

Schutz & Rettung Zürich prüft nun rechtliche Schritte gegen den Betreiber der Website, auf der die Pager-Meldungen aufgelistet wurden. Dabei pressiert es offenbar plötzlich. Seit der Anfrage des Beobachters ist die Website nicht mehr in Betrieb. 

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