1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. Medikamente: Bern und die DDR-Tests

MedikamenteBern und die DDR-Tests

Bern und die DDR-Tests
In der DDR produzierter Wagen der Marke «Trabant» mit dem Kennzeichen «STA-SI» (Starnberg) Bild: Cholo Aleman/Wikimedia

Neue Dokumente belegen, dass die Bundesbehörden über die Schweizer Medikamententests in der DDR bestens im Bild waren. Was sie nicht wussten: Auch die Stasi hatte ihre Finger im Spiel.

von Thomas Angeli

Am 17. Oktober 1985 landete eine Karte im Postfach von Jean-Pierre Bertschinger beim Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG). «Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie den Morgen des 4. November für den Besuch der zwei Gäste aus der DDR opfern», schrieb darauf Alfred Herzog, der damalige Geschäftsführer des Branchenverbands Interpharma.

Heute liegt die unscheinbare Notiz an den Chef der Sektion Pharmazie des BAG im Bundesarchiv in Bern, angeheftet an drei gelbe A4-Seiten mit dem sperrigen Titel «Besuchsprogramm für den Aufenthalt von Prof. Dr. U. Schneidewind und Dr. J. Petzold». Es war ein wichtiger Besuch für die Basler Pharmaindustrie. Ulrich Schneidewind war stellvertretender Mi­nister für Gesundheitswesen der DDR, Oberpharmazierat Joachim Petzold leitete das «Beratungsbüro für Arzneimittel (Import)», kurz BBA. Sie kamen, um für ein Angebot zu werben, mit dem sich der finanziell marode Arbeiter- und Bauernstaat dringend benötigte Devisen beschaffte: klinische Me­dikamentenversuche an ostdeutschen Patienten.

Mehrere Testpersonen starben

Für die DDR waren die Tests eine wichtige Einnahmequelle, für die Schweizer Pharmafirmen eine willkommene Gelegenheit, günstig Medikamente ausprobieren zu lassen (siehe auch «Medikamentenversuche: Wie Schweizer Pharmafirmen DDR-Patienten ausnutzten» aus Beobachter 13/2013). Bis zum Ende der DDR 1990 wurden dort mehr als 30 Medikamente aus der Schweiz getestet – in zahlreichen Fällen vermutlich ohne die Zustimmung der Patienten. Akten aus dem deutschen Bundesarchiv in Berlin belegen, dass es dabei zu mehreren Todesfällen kam. So überlebten vier von 30 Testpatienten die Versuche mit dem Sandoz-Blutdrucksenker Spirapril nicht. Weitere Todesfälle gab es im Zusammenhang mit Antidepressiva.

Besuche zur «Kontaktpflege» seien durchaus üblich gewesen, sagt Joachim Petzold heute: «Wir waren immer von den Unternehmen eingeladen.» Im November 1985 war der Gastgeber der Schweizer Branchenverband Interpharma, und der liess seine Verbindungen spielen. Auf dem Programm für die Gäste aus der DDR stand neben Werksbesichtigungen und einem Besuch des Kunstmuseums in Basel auch ein Abstecher nach Bern. Dort traf die Delegation aus dem sozialistischen deutschen Staat am 7. November mit dem Direktor der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel (IKS, heute Swissmedic) zusammen, Jean Pfanner.

Auszug aus dem Besuchsprogramm der DDR-Vertreter beim Bundesamt für Gesundheit, 1985.
Quelle: Cholo Aleman/Wikimedia

Nach Aperitif und Mittagessen im noblen Hotel Schweizerhof gingen die wichtigen Gespräche weiter: BAG-Direktor Bernhard Roos und Sektionschef Jean-Pierre Bertschinger empfingen die DDR-Delegation und ihre Gastgeber zu einem «Round Table». Über den Inhalt des Gesprächs ist nichts überliefert, aber eines ist klar: Die offizielle Schweiz wusste spätestens nach diesem Gespräch, dass Schweizer Pharmafirmen in der DDR Medikamente testen liessen – und duldete dies.

Was die Vertreter von Bund und Pharmafirmen hingegen höchstens vermutet haben dürften: Bei den Gesprächen sass mit Joachim Petzold alias «IM Klugmann» auch die berüchtigte Staatssicherheit (Stasi) der DDR mit am Tisch. Bisher unveröffentlichte Dokumente des deutschen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die dem Beobachter vorliegen, zeugen von einer regen Berichterstattung Petzolds an seinen Führungsoffizier.

Ein oft und gern gesehener Gast

Besonders ergiebig waren die Berichte ­jedoch nicht. Petzold verhandelte gemäss den Berichten hauptsächlich über die Modalitäten der Medikamententests. In der Stasi-Akte findet sich denn auch kein Hinweis, dass «IM Klugmann» an irgendwelche Betriebsgeheimnisse der Schweizer Pharmafirmen gelangt wäre. Stattdessen versuchte er, die Deutsche Demokratische Republik in einem möglichst guten Licht darzustellen: «In den Gesprächen wurde aus Sicht des Reisenden Wert darauf gelegt, die Gesundheitspolitik der DDR im Rahmen der allgemeinen Friedenspolitik darzulegen. Vom Partner wurde das hohe wiss. Niveau der DDR gewürdigt.»

Unter seinem richtigen Namen Joachim Petzold war «IM Klugmann» in den achtziger Jahren ein gern und oft gesehener Gast in der Schweiz. Bereits ein halbes Jahr nach dem Besuch mit Schneidewind diskutierte er wiederum mit BAG-Direktor Roos und traf «exponierte Vertreter der baseler pharmazeutischen Industrie», wie er pflicht­bewusst der Stasi meldete: «Beide Seiten stimmten in der Auffassung überein, dass weitere Möglichkeiten zur Intensivierung zwischen der pharmazeutischen Industrie und dem Gesundheitswesen der DDR sowie den baseler grossen Pharmaziekonzernen gesucht werden müssen.»

Stasi-Akte von Joachim Petzold

Die Akte des «inoffiziellen» Stasi-Mitarbeiters, der unter den Decknamen «Klugmann» operierte. Klicken Sie unten rechts auf die Lupe, um die Dokumente online zu sehen oder nutzen Sie den Download: PDF, 5.1 mb

Veröffentlicht am 2014 M02 17