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Waisenhaus Einsiedeln«Alle haben davon gewusst – geholfen hat uns niemand»

Nach 50 Jahren kehrt der ehemalige Leiter des Waisenhauses von Einsiedeln zurück in die Gemeinde – und reisst damit alte Wunden auf.

Ehemalige Heimzöglinge wehren sich, darunter Pedro Raas (ganz links) und Annemarie Iten (ganz rechts).
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aktualisiert am 28. Februar 2019

Plötzlich kommt alles wieder hoch. Denn J. A.* ist Ende 2018 nach Einsiedeln SZ zurückgekehrt. J. A., der von 1967 bis zur Schliessung 1972 das örtliche Waisenhaus geleitet hat. Einstigen Zöglingen kündigte er seinen Umzug per Brief an – als handle es sich um eine frohe Botschaft. Doch die Empfänger reagierten alles andere als enthusiastisch. Die Nachricht riss alte Wunden auf.

Etwa bei Annemarie Iten-Kälin. Sie war acht Jahre alt, als sie mit vier ihrer zehn Geschwister ins Waisenhaus Einsiedeln gebracht wurde. Die Mutter war gestorben, kurz darauf hatte sich der Vater das Leben genommen. Das Heim stand damals unter der Führung der Ingenbohler Schwestern. Es herrschte Zucht und Ordnung.

Darauf übernahm J. A. die Leitung. Die Zahl der Heimplätze wurde stark reduziert. Es wehte ein neuer Wind. J. A. musizierte und bastelte mit den Kindern, sie durften sogar ab und zu fernsehen. Gegen aussen wirkte das Waisenhaus nun fröhlich und lebendig.

Schläge auf den Kopf, sexuelle Übergriffe

Doch verborgen blieb die andere Seite von J. A., seine düstere. Das berichten Annemarie Iten, Pedro Raas und weitere ehemalige Heimkinder. Sie beschreiben ihn als Choleriker, seine Tobsuchtsanfälle seien aus heiterem Himmel gekommen. «Er schlug uns Kinder auf den Kopf, an der Hand trug er einen Siegelring», erinnert sich Annemarie Iten. Wer nicht ruhig am Tisch sitzen konnte, riskierte eine Tracht Prügel.

Mehrere ehemalige Heimbewohnerinnen berichten von sexuellen Übergriffen Kindsmissbrauch Wer hilft bei Missbrauch? . Unter ihnen F. L.*, damals zehn Jahre alt. «Vati», wie die Kinder den Heimleiter nennen mussten, habe oft zugeschaut, wenn sie in der Badewanne sass. «Ich musste mich vor ihm abtrocknen, seine Augen starrten gierig, ich schämte mich jedes Mal und fühlte mich erniedrigt.»

Als sie in die Pubertät Pubertät Erste Liebe und andere Sorgen kam und die Schularbeiten im Schlafstock erledigen musste, kam es zu Übergriffen. «Der Heimleiter besuchte mich regelmässig und schaute nach, ob meine Brüste gewachsen waren. Dabei berührte er mich und drückte mich fest an sich, bis er zitterte.» Bis heute werde sie dieses Gefühl nicht los. «Jedes Mal, wenn ich seine Schritte hörte, stand ich Todesängste aus.»
 

«Alle haben von den Misshandlungen gewusst, Lehrer und Ärzte sahen die blauen Flecken, uns hat niemand geholfen.»

Annemarie Iten-Kälin, ehemaliges Heimkind


Auch Annemarie Iten musste Übergriffe über sich ergehen lassen. «J. A. hat Dinge mit uns gemacht, die nicht in Ordnung waren», erzählt sie. Damals habe sie sein Verhalten nicht einordnen können. Erst nach dem Austritt aus dem Heim sei ihr klar geworden, dass es nicht normal sei, wenn ein Mann ein Kind auf diese Weise berührt.

Auch eine andere ehemalige Bewohnerin – sie kam mit neun ins Waisenhaus – leidet bis heute. Während der gesamten drei Jahre im Einsiedler Heim wurde sie von einem älteren Knaben regelmässig sexuell missbraucht. «Ich frage mich bis heute, ob das wirklich niemand bemerkt hat oder ob der Heimleiter absichtlich weggeschaut hat.»

«Alle haben von den Misshandlungen gewusst, Lehrer und Ärzte sahen die blauen Flecken, uns hat niemand geholfen», sagt Annemarie Iten. Für sein Verhalten wurde der Heimleiter nie belangt.

Plötzlich taucht Filmmaterial auf

Irritiert waren Annemarie Iten, Pedro Raas und andere Betroffene, als der einstige Waisenvater den ehemaligen Zöglingen vor kurzem mitteilte, er habe alte Super-8-Filme aus der Zeit des Waisenhauses digitalisieren und dem örtlichen Kulturverein Chärnehus zukommen lassen.

Daraufhin schrieben ihm zwölf Betroffene: «Wir sind erschüttert, dass ohne unsere Einwilligung und völlig ohne Einbettung in die Gesamtzusammenhänge Filmmaterial über uns und von unserer Kindheit und Jugend (…) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.» Die Filme zeigten ein «beschönigendes, verfälschtes Bild».

«Wir wollen nicht, dass der Öffentlichkeit etwas vorgegaukelt wird, was in keiner Weise mit der geschichtlichen Realität unserer Zeit im Einsiedler Kinderheim übereinstimmt», schreiben sie. «In unserer Wahrnehmung war es eine Zeit, die geprägt war von psychischen und physischen Misshandlungen.» Vom Kulturverein forderten sie die Herausgabe des Filmmaterials.

Ex-Heimleiter bestreitet «weitere Übergriffe»

Inzwischen hat der Kulturverein Chärnehus den Betroffenen nach einer Aussprache schriftlich zugesichert, die Filmaufnahmen würden im Archiv einer Schutzfrist von 70 Jahren unterstellt.

Rechtlich sei die Situation klar, sagt Rosmarie Naef vom Beobachter-Beratungszentrum. «Ohne explizite Einwilligung der Betroffenen Recht am eigenen Bild Keine Einwilligung, kein Foto! dürfen diese Filmaufnahmen weder verwendet, kopiert oder weitergegeben noch Dritten zugänglich gemacht werden.»

Über einen Anwalt lässt J. A. ausrichten, es sei zwar vorgekommen, dass er die Kinder mit der Hand «auf den Hintern und auf die Wange» geschlagen habe. «Wir entschuldigen uns dafür bei allen Betroffenen in aller Form.» Zu «weiteren Übergriffen» sei es aber nicht gekommen.

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Otto Hostettler, Redaktor

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