Das kleine Dorf ist kein guter Ort für Jeanine Maier *. Die Nachbarn registrieren, wer vor ihrer Wohnung vorfährt. Die vielen Männerbesuche an der Hauptstrasse fallen auf. Trotzdem betreibt Maier ihr Geschäft bei sich zu Hause monatelang ungestört. Sie verkauft ihren Körper gegen Geld. 45 Minuten für 200 Franken.

Jeanine Maier, knapp 30 Jahre alt, ist eine Ostschweizer Prostituierte. Ihren bürgerlichen Namen verwendet sie allerdings nie für die Arbeit. In der Erotikwelt nennt sie sich Estrella*. Als Estrella schaltet sie Inserate, lädt neue Fotos auf ihre Homepage, textet per SMS mit Freiern.

Sie trennt ihre beiden Welten klar. Als Jeanine Maier steigt sie morgens ins Postauto zum Einkaufen, als Estrella bietet sie mittags Quickies an. An einem Januarmorgen zersplittert die Fassade ihrer bürgerlichen Existenz jedoch. User Roman haut in die Kommentarspalte: «Das ist Jeanine Maier!!». Er hat soeben in einem Online­forum für Freier einen Bericht über Estrella kommentiert und sie dabei enttarnt. Dass Jeanine Maier auf keinen Fall ihren bürgerlichen Namen auf einem Prostituierten-Bewertungsportal Bewertungen im Internet Was ist erlaubt? lesen will, interessiert ihn nicht. «Wer nett ist zu ihr, darf ohne Gummi drüber», schreibt er noch.

Hinter dem Pseudonym Roman steckt ein Mann, der zu Prostituierten geht und danach im Internet darüber berichtet. Er vergibt Noten für Brüste oder die Wohnungseinrichtung von Sexarbeiterinnen. Jeder, der will, kann das lesen.

«Der Kommentar hat meinen Ruf ruiniert»

User ­Roman gehört zur Community von Sexy-Tipp.to. Auf der Website haben sich Tausende Freier gratis registriert, damit sie ­anonym Prostituierte in der Schweiz «bewerten» können. Sie warnen vor ­Abzocke in Bordellen, loben ihre Lieblingsprostituierte oder diskriminieren einzelne Frauen, ohne dass die sich dagegen wehren können.

Jeanine Maier lebt heute in einer Kleinstadt. Der Anonymität wegen. «Am Schluss wussten alle im Dorf, dass ich eine Prostituierte bin.» Doch weggezogen wäre sie sowieso, auch ohne den Online-Kommentar von Roman. Der Umzug sei ihr wurst. «Viel mehr stört mich, dass heute ­jeder meinen vollen Namen auf ­einem Hurenportal finden kann.»
 

«Vieles an ihr ist schlaff.»

User «Roman»


Maier versucht, den Post löschen zu lassen. Doch der Administrator sperrt ihr Benutzerprofil. «Der Kommentar hat meinen Ruf ruiniert», sagt sie. Plötzlich hat sie Freier vor der Tür, die Geschlechtsverkehr ohne Kondom wollen. Stammkunden bleiben aus, weil sie dem User glauben, dass sie es ohne Kondom mache. «Dabei mache ich es nie ohne.» Sie habe nichts gegen die selbst ernannten Hurentester, sofern die über ihre Erfahrungen als Gast schrieben. «Aber wenn jemand meine Personalien freigibt, hört der Spass auf.»

Jeanine Maier sagt: «Ich mache die Beine breit, damit ich meine Rechnungen bezahlen kann.» Sie erzählt von Gewalterlebnissen in der Jugend. Von Psychopharmaka , die ihre Sehkraft beeinträchtigt haben. Ihr Psychiater sage, sie habe eine post­traumatische Belastungsstörung.

Anzeige

«Dicker hat sie mir besser gefallen»

Im vergangenen Frühling wog Maier noch 44 Kilo und lag im Spital. «Ich konnte nichts mehr essen.» Sie schiebt ihr Smartphone über den Tisch, das ein Nacktfoto ihres extrem abgemagerten Körpers zeigt. User Roman bemängelte schon Monate vorher: ­«Vieles an ihr ist schlaff.» User «Spitz» schrieb: «Sie hat die besten Zeiten wohl hinter sich.» Und «Banger» meinte: «Dicker hat sie mir besser gefallen.»

So mager wie auf dem Foto ist ­Jeanine Maier nicht mehr. «Ich habe zum Glück wieder zugenommen. Nun gehe ich eine Baustelle nach der anderen an in meinem Leben.» Auch das Zwangsouting auf der Website. Sie war deswegen unlängst bei der Polizei. Eigentlich wollte sie eine Strafanzeige einreichen wegen Verleumdung, Beschimpfung oder übler Nachrede . Doch weil sie ihre Beweisführung noch verbessern will, hält sie die Anzeige vorerst noch zurück. «Die Polizistin war sehr nett. Doch ob ein Staatsanwalt tatsächlich Ermittlungen einleiten würde, weiss ich nicht.»

Geschickt versteckt: Die Spur führt via Tonga nach Vaduz

Das Problem: Die Hintermänner dieser Schweizer Website verstecken sich geschickt. Ihre Seite endet auf .to, die Registration des Königreichs Tonga. Eines kleinen Inselstaats, der Betreibern kaum Auflagen macht und sich keinen Deut um Rechtshilfe­anfragen aus Europa kümmert. Ermittlungen von Schweizer Staatsanwäl­ten versanden immer wieder. Kein Wunder, sind dort zahlreiche Websites domiziliert, die illegal Filme zum Downloaden anbieten und andere verbotene Dienste. Sexy-Tipp.to profitiert dank Tonga von einem fragwürdigen Schutz, der Schweizer Freiern die straffreie ­Erniedrigung von Frauen ermöglicht.

Anzeige

Betrieben wird das Sexportal von einem Schweizer Geschäftsmann, der sich «Carlos» nennt. Die Spur führt ins liechtensteinische Vaduz zur Firma IT Result AG. Sie vermittelt gegen eine ­Gebühr Inserate an Sexy-Tipp.to. Firmenbesitzer ist Marco Block. Block, ungefähr 40 Jahre alt, ist in Basel als Sexunternehmer bekannt. Der Anruf des Beobachters kommt ihm ungelegen. Er habe zwar «Carlos» Anzeigen vermittelt, doch nichts mit Sexy-tipp.to zu tun. Er kenne «Carlos» nicht, habe ihn nie gesehen, nie gesprochen, alles sei über eine Mailadresse gelaufen. «Carlos», ein Phantom.

48 Stunden später erklärt Block, er habe die Geschäftsbeziehung mit «Carlos» per ­sofort beendet und seine Inserate ­zurückgezogen. Tatsächlich sind fast alle Werbe­banner von der Homepage verschwunden. Entweder folgt also «Carlos» den Befehlen seines Inseratevermittlers aufs Wort und löscht Anzeigen sofort, wenn Block es wünscht. Oder Marco Block hat mehr mit dem Portal zu tun, als er zugibt.

«Carlos» und seine Freunde verdienen jährlich Zehntausende Franken mit ihrer Internetseite. Bereits ein kleines Werbebanner kostet 600 Franken im Monat. Wer inseriert, überweist sein Geld an die New Orbit S. A. in Panama. Die Briefkastenfirma hat ihr Bankkonto bei der Hermes Bank auf der Karibik­insel St. Lucia, einer Steueroase. Wer hinter New Orbit S. A. steckt, ist unbekannt. Im offiziellen Firmenregister von Panama werden lediglich zwei Strohmänner vorgeschoben. Mit diesem System halten sich die Portalbetreiber nicht nur geschickt im Hintergrund. Sondern schleusen ihre Einnahmen auch an den Schweizer Steuerbehörden vorbei.

Anzeige

Belästigungen öffentlich machen

Die Tantramasseurin Brigitte* aus der ­Agglomeration Zürich verwundert das nicht. «Schliesslich ist das eine Site mit vielen illegalen Inhalten.» Brigittes Studio ist in einem modernen Wohnhaus. Im Treppenhaus liegen Kinderschuhe, auf dem Nachbarbalkon giesst eine Rentnerin Blumen. «In meinem Geschäft ist Diskretion wichtig. Wenn ein Kunde meine genaue Adresse ins Internet schreibt, habe ich ein Problem.»

Auch über Brigitte hat ein User beleidigend geschrieben – und ihren bürgerlichen Namen erkennbar gemacht. Auch sie versuchte im Forum dagegen anzuschreiben. Auch ihr Account wurde gelöscht. Schlimm sei, dass sie sich nicht habe wehren können. Zwar hätten Kunden sie im Online-Forum auch verteidigt. «Aber wenn ein User dich nicht mag, bist du Freiwild Hass im Internet Im Auge des Shitstorms

Brigitte will das nicht mehr länger hinnehmen. «Die Belästigung von Frauen ist seit der MeToo-Debatte ein grosses Thema Frauenstreik 5 Frauen erzählen, warum sie genug haben . Es muss endlich öffentlich werden, wie wir auf solchen Seiten ­erniedrigt werden.»


* Name geändert

«Mehr Klarheit – Woche für Woche»

Otto Hostettler, Redaktor

Mehr Klarheit – Woche für Woche

Der Beobachter Newsletter

Anzeige