Beobachter: Frau Binswanger, in den Chats, die ich für meine Recherche angeschaut habe, tragen die Frauen Namen wie «Brummimaus», «IchWillDich» oder «Schatzi 69». Wie kommt es, dass man im 21. Jahrhundert noch solche Namen erfindet, um Männer anzulocken?
Christa Binswanger: Diese Plattformen arbeiten offenbar sehr stark mit Stereotypen. Sie präsentieren ihren männlichen Kunden Traumfrauen, die einem Bild entsprechen, wie wir es täglich auf den Bildschirmen sehen: jung, dünn und sexy. In der feministischen Bewegung nach 1968 ging es unter anderem um die weibliche Forderung, sexy sein zu dürfen, und um die Befreiung einer selbstbestimmten, weiblichen Sexualität. Was der Feminismus der Siebziger aber nicht vorausgesehen hat und bis heute kritisiert: Gleichzeitig setzte eine starke Vermarktung des weiblichen «sexy» Körpers ein.


Die Frauenprofile werden ganz offensichtlich an die Bedürfnisse der einzelnen Kunden angepasst.
Eine solche Kundenlogik ist sehr nah am käuflichen Sex, wobei ich betonen möchte, dass ich den gar nicht abwerten will. Ambivalent finde ich an solchen Plattformen, dass dort offensichtlich nicht bloss sexuelle Befriedigung angeboten, sondern die grosse Liebe versprochen wird.


Wo ist der Unterschied zu konventioneller Pornografie?
Sexualität wird auch sehr stark in der eigenen Fantasie gelebt. Offenbar gelingt es diesen Plattformen, den Männern die Illusion zu vermitteln, dass sie persönlich angesprochen werden. So werden ihre Fantasien individuell bedient. Das kann ein Porno nicht leisten, weil er für ein breites Publikum gemacht ist.

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Erleben wir hier also im Halbverborgenen eine Art gesellschaftlichen Backlash?
Einerseits ja. Die Frau wird auf diesen Plattformen zu einem Objekt gemacht, das einem sehr engen Frauenbild entspricht. Anderseits ist die Tatsache, dass Frauen heute sexy und selbstbestimmt durch die Welt gehen dürfen, auch ein Fortschritt. Dieses Spannungsverhältnis ist in der Sexualität fast nicht zu lösen.

«Ich staune schon, dass Männer denken, sie fänden mit ein paar Nachrichten eine tragfähige Beziehung.»

Christa Binswanger, Leiterin Fachbereich Gender und Diversity, Universität St. Gallen

In diesen Chats sind praktisch keine weiblichen Kunden unterwegs. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Wenn ich die Logik dieser Plattformen auf eine Alltagsebene zu übersetzen versuche, dann staune ich schon ein wenig, dass Männer denken, sie fänden mit ein paar Nachrichten übers Internet eine Frau für eine tragfähige Beziehung. Ich glaube, dass es einfach nicht der Erfahrungswelt von Frauen entspricht, dass man mit ein paar Klicks einen Traummann findet. Auch sind sie dafür sensibilisiert, dass sie zu Objekten der Männer gemacht werden. Eine Frau, die auf einer solchen Plattform einen Mann sucht, kehrt ja dieses stereotype Bild um, indem sie den Mann zum Objekt macht – aber auch das ist keine Begegnung auf Augenhöhe. Vermutlich sind Frauen deshalb zurückhaltender.

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Ich habe nur wenige männliche Kunden von solchen Plattformen gefunden, die bereit waren, mir Auskunft zu geben. Woran liegt das?
Die stereotype Vorstellung eines souveränen, wettbewerbsfähigen, durchsetzungsstarken und damit erfolgreichen Mannes ist immer noch vorherrschend. Wer diese Kriterien erfüllt, sollte also auch attraktiv für Frauen sein. Dass bei Männern, die auf Chatplattformen eine Beziehung suchen, eine gewisse Scham vorhanden ist, kein «richtiger Mann» zu sein, kann ich deshalb verstehen.


Gibt es Hoffnung, dass diese männlichen Stereotype irgendwann verschwinden?
Aus Sicht der Geschlechterforschung haben wir in den vergangenen 50 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Ich erlebe auch bei meinen Studierenden, dass sie ganz andere Vorstellungen haben, wie sie das Leben in den Geschlechterbeziehungen gestalten möchten. Doch stereotype Vorstellungen wie diejenige von der freundlichen, allzeit verfügbaren Barbie-Traumfrau wandeln sich enorm langsam. Da gibt es noch viel zu tun.

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Zur Person

Christa Binswanger ist Leiterin des Fachbereichs Gender und Diversity an der Universität St. Gallen.

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