Beobachter: Ehre ist ein wichtiger Wert für Muslime. Ist das der Ursprung vieler Probleme?
Anu Sivaganesan: Ehre kann positiv oder negativ ausgelegt werden. Doch es gibt tatsächlich unehrenhafte Ehrkonzepte, die die Rechte und die Würde von Menschen einschränken. Darunter leiden beide Geschlechter: Frauen im Islam oder in anderen Religionen etwa unter dem Jungfräulichkeitskult. Männer im katholischen Sizilien zum Beispiel unter der Blutrache. Insbesondere konservative Migranten halten sehr stark an diesen überholten Traditionen fest. Das hängt allerdings auch mit den Themen Integration und Diskriminierung zusammen.

Beobachter: Inwiefern?
Sivaganesan: Je stärker Migranten diskriminiert werden, desto wichtiger wird für manche der Halt aus der eigenen Community, der Gemeinschaft. Diese legt grossen Wert darauf, ihre Traditionen aufrechtzuerhalten, weil sie sich durch vertraute Strukturen etwas mehr Halt in dem fremden Umfeld erhofft. Für Ausländer, die auf ein solches Netzwerk angewiesen sind, wird die eigene Kultur dadurch häufig viel wichtiger, als sie es in der Heimat wäre.

Beobachter: Das ist falsch?
Sivaganesan: Selbstverständlich nicht. Doch sobald aus Verbundenheit eine einschränkende Gebundenheit wird, finde ich es kritisch. Es ist ähnlich wie mit Gewerkschaften und der Mafia. Eine Gewerkschaft setzt sich für die Anliegen ihrer Mitglieder ein. Eine Mafia hingegen kontrolliert die Menschen. Wenn sie sich nicht an die Regeln halten, müssen sie mit Konsequenzen rechnen.

Beobachter: Je stärker also die Diskriminierung, desto fundamentalistischer wird die Haltung?
Sivaganesan: Ja, dazu gibt es viele Beispiele. Um innerhalb der Community zu bestehen und auf ihre Hilfe zählen zu können, ist es sehr wichtig, was die Mitmenschen von einem denken. Wer sich nicht an traditionelle Werte wie Ehrenhaftigkeit hält, muss damit rechnen, ausgeschlossen zu werden. Und da kommt die Jungfräulichkeit ins Spiel, denn Frauen sind Traditionsträgerinnen. Auf ihnen lastet die Verantwortung, die Familienehre zu bewahren. Diese wiede­rum hängt wesentlich von ihrer sexuellen Tugendhaftigkeit ab.

Beobachter: Was ist mit der Jungfräulichkeit der Männer?
Sivaganesan: Diese Frage stelle ich den Leuten auch immer wieder. Bei der Jungfräulichkeit geht es darum, den Frauenkörper zu besitzen. Eine jungfräuliche Braut ist nichts anderes als eine Demonstration der männlichen Macht und eines patriarchalischen Systems.

Beobachter: Finden Sie es folglich falsch, dass Ärzte Jungfernhäutchen rekonstruieren?
Sivaganesan: Ich habe Verständnis für die Ärzte, denn für sie steht der unmittelbare Schutz ihrer Patientinnen im Vordergrund. Doch zweifelsohne wird durch den Eingriff der Eindruck erhärtet, die Frau habe etwas falsch gemacht, was man nun korrigieren muss. Es ist darum absolut unumgänglich, dass ein Arzt seiner Patientin klarmacht, dass eine Hymenrekonstruktion ein Fehler ist.

Beobachter: Trotzdem entscheiden sich junge Frauen immer wieder zu diesem Schritt.
Sivaganesan: Jungfräulichkeit ist ein Absurdum. Ein ­Konstrukt. Von Männern geschaffen und nach Belieben angepasst. Obwohl das ­vielen ­bewusst ist, lassen sie den Eingriff durchführen, da sie Repressalien fürchten.

Beobachter: Ärzte müssen also den freien Entscheid der ­Patientin für diese Operation hinterfragen?
Sivaganesan: Unbedingt. Es ist einfach, zu behaupten, eine Patientin würde sich freiwillig für die Operation entscheiden, nur weil sie von sich aus auf einen Arzt zugegangen ist.

Beobachter: Verlangen Sie da nicht etwas viel von den Medizinern?
Sivaganesan: Es ist nicht die Aufgabe der Ärzte, gesellschaftspolitische Probleme zu lösen, aber es ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft bewusst werden, wie häufig hinter einer Handlung einer Frau ein patriarchalisches System steckt. Das ist allerdings nicht ausschliesslich ein Problem des Islams. Auch hier in der vermeintlich emanzipierten Schweiz werden Frauen häufig zu Objekten gemacht. Dies äussert sich allerdings eher in der Kommerzialisierung und Enthüllung des Frauenkörpers.

Beobachter: Die westliche und die muslimische Welt unterscheiden sich also gar nicht so stark?
Sivaganesan: Das Prinzip des patriarchalischen Systems ist überall dasselbe, die Ausprägungen können aber unterschiedlich sein. Es ist mir deshalb wichtig, dass sich die Menschen bewusst werden, dass der Unterschied zwischen einer Muslimin, die eine Burka trägt, und einer Christin, die sich sehr aufreizend anzieht, unter Umständen nicht so gross ist, wie es für viele auf den ersten Blick scheint: einerseits Verhüllung, anderseits Enthüllung. In beiden Fällen geht es um eine Sexualisierung.

Beobachter: Haben Sie einen Lösungsvorschlag für das Dilemma dieser Frauen?
Sivaganesan: Integration bedeutet für mich nicht, sich ans Gastland anzupassen. Migranten müssen ihre Herkunft nicht vergessen. Es gibt viele schöne Bräuche in den verschiedenen Kulturen, die ich sehr schätze. Doch es gibt auch zahlreiche überholte Traditionen wie Zwangsheirat und Jungfräulichkeit, die nicht mit Menschen- und Frauenrechten vereinbar sind. Es ist wichtig, dass die ­junge Generation beginnt, die Sicht ihrer Eltern zu hinterfragen, und ihren eigenen Weg findet, ihr Leben zwischen verschiedenen Kulturen zu führen.

Anu Sivaganesan, 24, ist Mitbegründerin der Organi­sation Zwangsheirat.ch, die gegen Zwangsheirat und Frauenrechtsverletzungen kämpft und als Anlaufstelle für Betroffene dient. Sie stammt aus Sri Lanka, lebt seit elf Jahren in der Schweiz und absolviert das Masterstudium der Rechtswissenschaften an der Uni Zürich.

Quelle: private Aufnahme