Zur Person

Roland Kunz, 60, baute am Spital Limmattal eine Palliativstation auf und ist seit 2006 Chefarzt Geriatrie und Palliative Care am Spital Affoltern am Albis ZH.

Kunz ist Dozent für Palliativmedizin an der Universität Zürich, verheiratet und Vater dreier Kinder.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Beobachter: Wann wird Morphin in der Palliativmedizin eingesetzt?

 

Roland Kunz: Wenn andere Mittel nicht mehr wirken. Morphin ist eines der potentesten Schmerzmittel. Man kennt es seit etwa 170 Jahren. In der Klassifizierung der Schmerzmittel der Weltgesundheitsorganisation ist Morphin ein Opiat der dritten Stufe, also sehr stark. Die Dosierung muss individuell angepasst werden und in festgelegten zeitlichen Abständen erfolgen.

Beobachter: Verstehen Sie die Ängste von Patienten und Angehörigen gegenüber Opiaten? 
Kunz: Rund um Morphin existieren viele Mythen, das erlebe ich in meinem Alltag ständig. Manche Patienten bringen es sofort mit dem Platzspitz in Verbindung, also mit harten Drogen, Sucht, Persönlichkeitsverfall. Andere erzählen, dass ihre Grossmutter nach einer Morphinspritze sofort gestorben sei; sie fürchten also, dass das Opiat zu einem schnellen Tod führt. Diese Mythen sind stark verankert. 

 


Beobachter: Treffen sie denn zu?
Kunz: Nein. Wenn Opiate korrekt eingesetzt werden, sind sie gerade bei älteren Menschen sehr sinnvoll. Es gibt übrigens viel weniger Todesfälle aufgrund von Opiaten als bei gängigen antirheumatischen Schmerzmitteln.

Beobachter: Aber die Nebenwirkungen von Morphin sind doch stark? 
Kunz: Normal sind in den ersten Tagen der Einnahme leichte Übelkeit, zudem Verstopfung und Müdigkeit. Die einzige bleibende Nebenwirkung ist die Verstopfung, aber die bekommt man mit Abführmitteln gut in den Griff.

«Manche fürchten, dass Morphin schnell zum Tod führt.»

Roland Kunz, Palliativmediziner

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Beobachter: Angehörige fürchten, Patienten würden mit Morphin einfach ruhiggestellt.
Kunz: Das Strassenverkehrsamt hat klare Regeln, wann jemand Auto fahren darf und wann nicht mehr. Zum Beispiel sind mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut nicht erlaubt. Mit gut eingestellten Opiaten darf ein Patient Auto fahren – das dürfte er ja nicht, wenn er tatsächlich wegen Morphineinnahme «plemplem» wäre!

 

Beobachter: So einfach?
Kunz: Ja. Morphin muss richtig angewendet werden, eine orale Einnahme ist meist verträglicher. Wenn man einem Patienten plötzlich eine Morphinspritze verpasst, kann das tatsächlich einen starken Effekt mit drastischen Nebenwirkungen haben.

 

Beobachter: Wann spricht man von einer Überdosis?
Kunz: Man muss jeden Fall einzeln anschauen. Die Rezeptoren sind in jedem Hirn anders, reagieren individuell.

 

Beobachter: Eine Fünf-Milligramm-Morphinspritze ist aber eine hohe Dosis?
Kunz: Für einen hochbetagten Patienten halte ich das als Anfangsdosis für ziemlich hoch. Spritzen wirken ja viel schneller und stärker als Tabletten.

 

Beobachter: Darf jemand palliativ behandelt werden, wenn er damit nicht einverstanden ist? 
Kunz: Nein. Leider wird den Patienten oft viel zu wenig erklärt, wie es wirklich um sie steht. Dabei ist die Selbstbestimmung in der patientenzentrierten Medizin zentral. Nur wer weiss, wie krank er ist, wie lange er vermutlich noch zu leben hat, kann willentlich auf eine Therapie verzichten oder eben nicht.

 

Beobachter: Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften sehen vor, dass Angehörige bei der Behandlung einbezogen werden. Geschieht das ausreichend? 
Kunz: Die Palliative Care ist eine sehr aufwendige Disziplin. Die Gespräche mit Patienten und Angehörigen brauchen viel Zeit. Die Betreuung ist intensiv, es braucht viel Know-how. Leider ist das Wissen dazu bei vielen Ärzten rudimentär. Zudem haben viele eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit sterbenden Patienten.

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Beobachter: Es besteht also eine Lücke zwischen Theorie und Praxis?
Kunz: So könnte mans nennen. Es ist wichtig, dass Patienten und Angehörige selbst entscheiden können. Dazu müssen ihnen die medizinischen Fakten klar und verständlich dargelegt werden. Ohne falsche Hoffnung. Zudem muss man den Angehörigen erklären, was mit dem menschlichen Organismus passiert, wenn er dem Ende zugeht.

 

Beobachter: Das heisst?
Kunz: Wer einen Hund oder eine Katze hat, weiss, dass sich ein sterbendes Tier zurückzieht, verkriecht und ein ruhiges Plätzchen sucht. Das Tier trinkt und frisst kaum noch, es fährt also die lebensnotwendigen Funktionen herunter, das ist normal. Wir müssen wieder von der Natur lernen. Beim Menschen ist das nämlich nicht anders. Eine gute Palliativmedizin berücksichtigt das, zwingt niemanden zum Trinken oder legt keine unnötigen Infusionen, wenn er nicht mehr mag. Aber natürlich werden unangenehme Nebenerscheinungen gelindert, also die Mundpflege intensiviert oder die Lippen mit einem Schwämmchen befeuchtet.

 

Beobachter: Darf man ein Heilmittel wie jenes gegen Verstopfung einfach absetzen?
Kunz: Nein, nur in Absprache mit dem Patienten. Manchmal fällt das aus Nachlässigkeit weg, das darf nicht sein.

Aktueller «Morphin-Fall»

Mehr Informationen zu den Themen Morphin und Palliativmedizin finden Sie im Artikel «Er wollte nicht vergiftet werden». Die Angehörige eines Verstorbenen erzählt hier von ihren Erlebnissen mit Morphin.

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