Stefan L.: Seit einigen Monaten habe ich zahlreiche Kontakte übers Internet. Ich stosse immer wieder auf Frauen, die sich von ihrem Ehemann sexuell vernachlässigt fühlen. Mit einer von ihnen hat sich ein intensiver E-Mail- und SMS-Austausch entwickelt. Die Frau lernt offenbar erst auf diesem Weg ihre erotischen Bedürfnisse kennen. Wäre es möglich, dass sie durch einen Seitensprung ohne Druck und Angst den Mut gewinnen würde, mit ihrem Mann über ihre Bedürfnisse zu reden?

Koni Rohner, Psychologe FSP:
Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand durch einen Seitensprung seinen sexuellen Bedürfnissen näher kommt und dass diese Erfahrung sogar für die langjährige Partnerschaft fruchtbar werden kann. Dass so etwas allerdings ohne Angst oder schlechtes Gewissen geschehen könnte, wenn man verheiratet ist, scheint mir eher unwahrscheinlich. Ausserdem ist es ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Aus dem Seitensprung kann leidenschaftliche Liebe werden, was wiederum komplizierte und schmerzhafte Prozesse nach sich ziehen würde.

Grundsätzlich bin ich allerdings der Meinung, dass Sie sich darüber keine Gedanken zu machen brauchen. Denn Ihre Internetbekanntschaft muss für sich selber entscheiden, was sie ausprobieren oder riskieren will. Sie muss ja auch selber die Verantwortung dafür und die Konsequenzen daraus tragen.

Schmunzelnd nehme ich an, dass Sie sich für eine solche sexuelle Erfahrung «opfern» würden. Dabei können Sie natürlich auch tüchtig auf die Nase fallen – wenn Sie sich nämlich in die Frau verlieben, mit ihr das Leben teilen wollen, sie aber bei Mann und Kindern bleiben will.

Offenbar hat das Medium Internet eine besondere Anziehungskraft. Wahrscheinlich verlockt die einzigartige Kombination aus Nähe und Distanz, Anonymität und direkter Kommunikation dazu, Grenzen zu überschreiten und Neues auszuprobieren.

Reizvolle Anonymität des Internets
Das ist die positive Interpretation, und ich kenne verschiedene (ungebundene) Menschen, die übers Internet stabiles Partnerglück gefunden haben. Doch es gibt auch eine negative Seite: die «Internetsucht». Laut einer Studie der Humboldt-Universität Berlin und der Beratungsstelle Offene Tür Zürich sollen in der Schweiz über 50'000 Internetbenutzer suchtgefährdet sein. Die Folgen seien Vernachlässigung von Familie und Freunden und eine Abwendung von der realen Welt.

Ich halte nicht viel davon, das menschliche Verhalten in Schubladen zu pressen. Aber es ist doch spannend und für die Betroffenen hilfreich, herauszufinden, was sie im Internet finden oder suchen, was offenbar im direkten mitmenschlichen Kontakt nicht zu holen ist. Zu diesem Zweck bietet die Beratungsstelle Offene Tür nützliche Hilfe an.

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