Beobachter: Sie sagen, der Mann komme im Alltag nur schwer ohne Frau klar. Aber was ist mit dem «einsamen Cowboy»?
Karl Lenz: Auch er braucht seine Pflege­phasen, wenn die Wunden zu gross sind. Wie der Steppenwolf ist der einsame Cowboy eine Männerfassade, die nur dank der Unterstützung der Frau im Hintergrund aufrechterhalten werden kann. Sie ist die moralische Instanz, die Verkörperung des geordneten Lebens.

Beobachter: Haben Männer Angst vor zu starken Frauen?
Lenz: Nicht wenn sie Stärke zeigt. Aber wenn sie nur stark ist – und nie schwach. Zur männlichen Geschlechterrolle gehört immer noch der Gedanke, dass der Mann die Frau beschützt. Auch heute fragen sich noch viele Männer: «Was bin ich als Mann denn noch wert, wenn ich als Beschützer nicht mehr gebraucht werde?»

Beobachter: Haben es Single-Frauen, die einen neuen ­Partner suchen, schwer?
Lenz: Subjektiv empfinden alle Singles den Beziehungsmarkt als ausgetrocknet. Frauen hört man jedoch öfter klagen, die attraktivsten Männer seien alle schon besetzt. Ab einem bestimmten Alter mag das tatsächlich zutreffen, weil Männer bis ins ­hohe Alter noch bei einer Frau landen können. Sich in eine bestehende Beziehung hineinzudrängen, das ist immer noch ein Tabu, vor dem viele Frauen ­zurückschrecken.

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Beobachter: Frauen beschweren sich oft darüber, dass der Mann nur aufs Äussere schaue und sofort Sex haben wolle.
Lenz: Frauen geben viel mehr Geld für Kleidung aus als Männer. Das sagt eigentlich schon alles: Frauen werden über ihre äussere ­Erscheinung wahrgenommen, auch von ihresgleichen – und sie wissen das. Trotzdem gelten diese Stereotype – Mann will Sex, Frau will reden – heute nicht mehr so eindeutig. Heute kann es oft auch um­gekehrt sein, dass plötzlich der Mann die weib­liche Rolle spielen muss, weil die Frau sexuell in die Offensive geht.

Beobachter: Und dann flüchtet er?
Lenz: Zunächst einmal ist er irritiert. Aber es stimmt schon: Eine Frau, die ihre Sexualität zügellos auslebt, wirkt auf Männer eher abschreckend. Sofern sie mehr wollen als schnellen Sex. Das ist sozusagen das ­grösste Fettnäpfchen, in das Single-Frauen auf der Partnersuche tappen können.

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Beobachter: Was ist das grösste Fettnäpfchen für Männer?
Lenz: Wenn sie deutlich signalisieren, dass die Frau für sie nur ein Sexobjekt ist. Frauen hassen diese Instrumentalisierung.

Beobachter: Sollten Männer stattdessen den Kinderwunsch ansprechen?
Lenz: Das ist heikel. Wenn die Frau auch einen Kinderwunsch hat, ist das Glück perfekt. Wenn nicht, wirkt es abschreckend.

Beobachter: Welche Frau hat die besten Chancen auf dem Beziehungsmarkt?
Lenz: Lange Zeit galt, dass gebildete, erfolgreiche Frau­en die grössten Schwierigkeiten haben, einen Mann zu finden. Das hing ­damit zusammen, dass Frauen früher ­aufwärts heirateten und Männer abwärts. Typisches Beispiel ist der Arzt, der die Krankenschwester ehelicht. Das hat sich geändert. Heute heiratet man von Gleich zu Gleich. Der Status rückt in den Hintergrund. Ausschlaggebend auf dem Beziehungsmarkt sind heute kommunikative Kompetenzen und die situative Präsenz.

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Beobachter: Eine Frau sollte möglichst gut reden können?
Lenz: Nicht nur das, ganz zentral ist die Fähigkeit, in der Situation attraktiv zu erscheinen. Und das Beherrschen von Flirtsigna­len, beim Senden wie beim Empfangen. Auch in teuren Kursen lässt sich das kaum lernen. Das ist eher eine intuitive Fähigkeit. Die hat man – oder nicht.

Beobachter: Was fehlt Singles eigentlich?
Lenz: Sie haben in erster Linie niemanden, der sie in die Arme nimmt, der sie streichelt, sie aufmuntert. Selbst die besten Freunde, mit denen viel Emotionalität möglich ist, können das nicht ersetzen. Zärtlichkeit und Geborgenheit sind ein Lebenselixier.

Beobachter: Da widersprechen Ihnen aber viele Experten. Sie behaupten, wir seien auf dem Weg zur vollmobilen, globalen Single-Gesellschaft.
Lenz: Aus meinem Fach vertritt zum Beispiel der Münchner Soziologe Ulrich Beck diese Auffassung. Durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt ist sie allerdings nicht. Leute wie er übersehen, dass Beruf und Karriere nicht alles sind. Gerade in der hektischen, unpersönlichen Welt von ­heute ist die Oase der Zweisamkeit äusserst attraktiv. Singles sind Menschen, die sich früher oder später wieder nach einer Paarbeziehung sehnen. Weil sie dort Qualitäten finden, die sie durch nichts anderes ersetzen können.

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Beobachter: Wie findet man denn einen Partner?
Lenz: Unternehmen Sie möglichst viel. Der grösste Fehler, den Singles begehen können, ist, zu Hause zu sitzen und zu warten. Der Mann oder die Frau fürs Leben klingelt nur sehr selten plötzlich an der Tür.

Beobachter: Heute ins Kino, morgen ins Schwimmbad, übermorgen ins Fitnesscenter…
Lenz: Kann sein! Aber man sollte schon in einer gewissen Regelmässigkeit am gleichen Ort aufkreuzen. Und: Es ist praktisch nie so, dass der, den ich im Schwimmbad kennenlerne, mein Traumprinz ist. Möglicherweise ist aber er es, der mich in neue Kreise einführt und so mit einem poten­tiellen Partner bekannt macht.

Beobachter: Weitere Tipps?
Lenz: Nicht zwanghaft suchen. Das Kennen­lernen ist ein kontinuierlicher Prozess. Wer von vornherein und allzu deutlich eine ­Beziehungsabsicht signalisiert, schreckt ab. Man muss schliesslich die Chance haben, gemeinsame Freuden und Interessen beim potentiellen Partner langsam zu erforschen und zu entdecken.

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Beobachter: Und wie stehts mit dem Internet?
Lenz: Gerade für Leute im fortgeschritteneren Alter, die nicht mehr so häufig ausgehen, nicht mehr ständig neue Arbeitskollegen haben, ist das Internet eine attraktive ­Alternative. Aber man darf sich nicht allein darauf beschränken. Wichtig sind vor allem viele soziale Aktivitäten. Möglichst viele Netzwerke.

Beobachter: Hat das Internet die Partnersuche vereinfacht?
Lenz: Kaum. Denn selbst wenn ich im Netz auf jemanden treffe, der seine Antennen wie ich auf Suchen und Empfangen gestellt hat, besteht da immer noch die Notwendigkeit, Gemeinsamkeiten zu finden und Vertrauen aufzubauen. Das geht nicht online, nur offline, face-to-face. Die meisten Dates, die übers Internet zustande kommen, bleiben denn auch eine einmalige Angelegenheit.

Beobachter: Aber das Internet ermöglicht doch eine Auswahl über Merkmale, die man ankreuzen kann.
Lenz: Man findet den idealen Partner nicht über Merkmale wie «blond», «unternehmungslustig» oder «romantisch». Eine glückliche Beziehung hängt auch nicht von einer idealen Kombination solcher Merkmale ab. Die Gemeinsamkeiten müssen in einem mühsamen Aushandlungsprozess hergestellt werden. Die Liebe auf den ersten Blick an der Bushaltestelle oder auf dem Weg zum Einkaufen ist hingegen eine romantische Verklärung und ist primär was fürs Fernsehen.

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Beobachter: Wo finden sich Mann und Frau am häufigsten?
Lenz: Am Arbeitsplatz. In der Schule oder an der Hochschule. In der Disco. Bei Freizeitaktivitäten.

Beobachter: Vielleicht gibt es ja bald das perfekte Verkupplungsgerät, das «piep» macht, wenn einem die perfekte andere Hälfte über den Weg läuft?
Lenz: So etwas mag es bald geben. Aber dass dies dann tatsächlich das Signal für das ­gefundene Glück sein wird, bezweifle ich doch stark.