Frage eines Lesers: «Hilfe! Meine Frau sammelt alles! Bücher, Tassen, Steine, Kleider, Muscheln. Was kann ich tun?»

Antwort von Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH:

Besten Dank für Ihren handgeschriebenen Brief. Ihre Not, aber auch Ihr Unverständnis, Ihre Hilflosigkeit und Ihre Wut drücken sich wohl bereits darin aus, dass bei Ihrem ersten Wort «Hilfe» offenbar die Mine des Bleistifts gebrochen ist.

Mehr für Sie
 
 
 
 
 
 

Ihre Frau ist eine Sammlerin. Sie sammelt vieles: Bücher, Zeitschriften, Steine und Muscheln, Kleider, Theaterkarten oder ein altes Papiertischset vom Restaurant in den Ferien in Griechenland.

Die Wohnung ist etwas staubig, aber sonst sauber. Doch für Sie bleibt kaum noch Raum. 90 Prozent der Fläche sind überstellt mit den Sammelobjekten. Gespräche zum Thema gestalten sich schwierig. Ihre Frau versteht Sie nicht, sieht kein Problem.

Was kann ich Ihnen raten?

Etwas vom Schwierigsten für Sie ist ja, dass Ihre Frau das Problem gar nicht «sieht» – und «sehen» ist hier wirklich wörtlich zu verstehen. Menschen wie Ihre Frau haben ein «anderes Auge». Sie sehen emotionaler, tiefgründiger, vielschichtiger – sie sehen lebendige Geschichten und Erinnerungen in all den Objekten.

Was für Sie ganz einfach eine alte blaue Tasse ist, ist für Ihre Frau eine Art Fotoalbum mit Erinnerungen an die Kindheit der beiden Söhne. Befragen Sie doch Ihre Frau zu einem beliebigen Objekt im Wohnzimmer. Sie werden erstaunt sein, was sie alles dazu weiss. Vielleicht macht es das etwas einfacher, nachzuvollziehen, warum es für Ihre Frau nicht vorstellbar ist, besagte Tasse oder eben besagte Erinnerungen zu entsorgen.

Schlicht oder kalt?

Sie selbst haben ein anderes Auge. Sie hätten am liebsten eine Wohnung mit möglichst wenigen Objekten Wohnen Die häufigsten Einrichtungsfehler respektive einfach mit den Dingen, die man für das tägliche Leben benötigt. Sie bevorzugen ein Set mit sechs Tassen aus dem Warenhaus, aus Ihrer Sicht genügt das voll – eben nicht die 32 verschiedenen Tassen Ihrer Frau, alle mit eigener Biografie. Ihr Sinn fürs Wohnen entspricht sehr dem heutigen Zeitgeist. Moderne Wohnungen sind oft ziemlich asketisch eingerichtet. Sie würden es schlicht nennen, für Ihre Frau wäre es wohl aber auch etwas kalt und leblos.

Das Thema ist nun aber festgefahren, und Diskussionen führen nur dazu, dass Sie wütend werden und sich nicht gehört fühlen. Und Ihre Frau lässt das Thema gar nicht richtig an sich heran. Aus diesen Gründen braucht es Hilfe von aussen. Es gibt heute Coaches für solche Themen, aber auch Ergotherapeutinnen bieten hier Hilfe an. Sie übernehmen natürlich nicht die Rolle eines Schiedsgerichts, sie sagen nicht, was richtig oder falsch ist. Beide Wohnmodelle haben ja Vor- und Nachteile.

«Einfacher ist es oft, die Wohnung in Zonen aufzuteilen.»

THOMAS IHDE, FACHARZT FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE FMH

Eine Person von aussen kann aber eine Art Normalität einbringen. Ihre Frau scheint ja nicht zu verstehen, dass nicht nur Sie, sondern die meisten Leute das Gefühl haben, es sei zu wenig Raum in einer Wohnung, die zu 90 Prozent von Sammelobjekten besetzt ist.

Die Ergotherapeutin kann auch besser mit Ihrer Frau darüber diskutieren, wo die Grenze liegt – zwischen einer Wohnung mit vielen Erinnerungsstücken und einer Wohnung, die nur noch überstellt ist und in der die einzelnen Erinnerungsstücke im Sammelberg einfach hoffnungslos untergehen.

Der Mittelweg wird schwierig

Sie beide als Lebenspartner müssen aber ja vor allem eine gemeinsame Lösung für die gemeinsame Wohnung Gemeinsame Wohnung So klappts mit dem Zusammenziehen finden. Der naheliegende Kompromiss funktioniert hier in der Regel schlecht. Dass Ihre Frau also einfach etwas weniger sammelt und Sie sich gemeinsam auf 12 Tassen einigen, ist ein möglicher Weg, aber ein etwas steiniger. Oft sind es dann sechs Monate später doch schon wieder 18 Tassen. Oder Ihnen sind dann plötzlich auch die vereinbarten 12 Tassen ein paar zu viel.

Einfacher ist es oft, die Wohnung in Zonen aufzuteilen. Ihre Frau erhält Gebiete, wo ihre Sammlungen leben dürfen. Und Sie erhalten Zonen, die von Ihnen gestaltet werden und die Ihnen den gewünschten Raum zum Atmen und Sein geben.

Oft ist es auch sinnvoll, einen zusätzlichen Raum zuzumieten. Er ist dann entweder Ihr Refugium mit 10 Objekten – oder er bietet Ihrer Frau Raum für all die 978 Sammelobjekte, von denen sie sich nicht trennen kann oder nicht trennen möchte.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

Buchtipp
Beziehungskrise meistern!
Beziehungskrise meistern!
Mehr Infos
Der Beobachter-Newsletter – Wissen was wichtig ist.

Das Neuste aus unserem Heft und hilfreiche Ratgeber-Artikel für den Alltag – die wichtigsten Beobachter-Inhalte aus Print und Digital.

Jeden Mittwoch und Sonntag in Ihrer Mailbox.

Jetzt gratis abonnieren