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Cybermobbing«Man kann nicht warten, bis es knallt»

Cybermobbing
Viele Kinder werden übers Handy oder Internet gemobbt. Bild: Getty Images

Eine 13-Jährige wird gemobbt und bringt sich um. Gewaltexperte und Schülerberater Lothar Janssen kennt die Gefahr. Er setzt auf Peacemaker – und die Polizei.

von Susanne Loackeraktualisiert am 2017 M11 09

Beobachter: Ende August nahm sich die 13-jährige Aargauerin Céline das Leben. Sie war auf den sozialen Medien massiv gemobbt worden.
Lothar Janssen: Ich finde es immer schlimm, wenn so etwas passiert und selbsternannte Fachleute danach alles besser gewusst hätten. Ich kenne die Details von Célines Geschichte nicht und kann sie deshalb nicht kommentieren. Allerdings: Die Geschichte war mir im Vorfeld bekannt.

Beobachter: Wie das?
Janssen: Meine Peacemaker hatten mich darauf hingewiesen. Bei mir kommen immer wieder Leute vorbei, die mir Chatprotokolle zeigen; auch ehemalige Peacemaker. Im Fall von Céline haben mich Jugendliche auf das Mobbing aufmerksam gemacht. Ich hatte erst Zweifel, dachte, das sei alles inszeniert. Dann fing ich an zu recherchieren, und die Peacemaker insistierten. Also habe ich die Sache unter den Lehrern ihrer Schule thematisiert. Mehr konnte ich aus der Entfernung nicht machen. Im Nachhinein weiss man: Viele haben gewusst, was abgeht, aber nicht oder nicht richtig reagiert.

Beobachter: Warum haben sie falsch reagiert?
Janssen: Ich glaube, das beginnt schon beim Wort reagieren. Meine Peacemaker haben mich ja auf die Sache angesprochen. Das passiert nicht einfach so, das braucht jahrelanges Vertrauen. Man muss Wege, Zuständigkeiten und Strukturen schaffen, bevor etwas passiert. Wenn so etwas im digitalen Raum abgeht, ist das wie eine Flutwelle, die immer grösser wird. Fatalerweise reagieren Schulen aber oft erst, wenn die Welle bricht. Dann ist es meist zu spät.

Beobachter: Wege, Zuständigkeiten und Strukturen schaffen – das klingt abstrakt und vage.
Janssen: Das ist sehr konkret. Schülerinnen und Schüler müssen wissen, an wen sie sich im Krisenfall wenden können. Dazu braucht es nicht nur das Vertrauen der Schüler in die Lehrperson, diese muss auch den Schülern vertrauen.

Was sind Peacemaker?

Lothar Janssen ist Fachpsychologe, Amok- und Radikaisierungs-Experte sowie Schülerberater. Er leitet die Beratungs- und Präventionsstelle der Schule Hombrechtikon ZH. Die Schule setzt seit acht Jahren auf Peacemaker – Friedensstifter. Das sind Kinder, die auf dem Pausenplatz Streit schlichten und für Frieden sorgen. 2014 haben die beiden Peacemaker Arina Binz und Fitore Kastrati den Prix Courage Next Generation des Beobachters erhalten. Die Schülerinnen haben auf Posts in sozialen Netzwerken reagiert und so möglicherweise verhindert, dass sich eine Mitschülerin das Leben nahm.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Janssen: Ich zum Beispiel gebe meine Handynummer heraus. Es ist in all den Jahren nie vorgekommen, dass jemand sie missbraucht hätte. Die zuständige Lehrperson muss im Tempo der Schülerinnen und Schüler agieren. Wenn sie von Freitagnachmittag bis Montagmorgen lieber nicht in ihren Whatsapp-Account schaut, ist sie die falsche Person für eine solche Stelle. Wenn Schüler zwei Stunden auf eine Antwort warten müssen, empfinden sie das so, wie wenn Erwachsene zwei Tage warten müssten.

Beobachter: Also muss man dauernd auf Empfang sein und genau das tun, was viele Eltern ihren Kindern verbieten wollen?
Janssen: Das ist das Problem. Den gut gemeinten Ratschlag «Geht doch besser nach draussen Fussball spielen oder trommeln, statt die ganze Zeit am Handy zu kleben» können Sie vergessen. Der virtuelle Raum ist der Raum der Jungen. Es ist daher nicht nur sinnlos, sondern geradezu kontraproduktiv, das Smartphone ständig zu verteufeln. Ich sage nicht, dass ich es harmlos finde, wenn ein Schüler nur noch am Handy hängt. Aber wenn er im realen Leben trotzdem Freunde hat, Sport treibt, wenn seine Schulnoten in Ordnung sind, dann gibt es meiner Meinung nach keinen Grund zur Sorge.

Beobachter: Und die Lehrperson als Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler muss sich den Jungen anpassen?
Janssen: Genau das hat mich neulich ein Lehrer gefragt: «Müsste man da praktisch die ganze Zeit aufs Handy schauen, auch am Wochenende?» Ich antwortete: Ja. Er hakte nach: «Ist das nicht extrem viel Arbeit?» Ich antwortete: Ja.

Beobachter: Wie rechtfertigen Sie diesen Aufwand?
Janssen: Es ist in jedem Fall besser, mit allen Mitteln ein Drama wie das von Céline zu verhindern, als danach Unsummen für Massnahmen auszugeben, die ihr und ihrer Familie nichts mehr nützen. Dann wurstelt man eine Weile, mit der Zeit lässt die Aufmerksamkeit wieder nach, und bei der nächsten Sparrunde streichen Schulen den Kostenpunkt aus dem Budget.

Beobachter: Und was passiert dann?
Janssen: Ich weiss aus Erfahrung, dass Schüler ein Sensorium dafür haben. Immer, wenn ich das Gefühl habe, es laufe gerade alles rund, und mich etwas zurücklehne, dann passiert garantiert etwas.

Beobachter: Sind Schüler berechnend böse?
Janssen: Ganz und gar nicht. Aber sie sind in einem Alter, in dem sie Grenzen austesten. Manche Kinder kommen aus Scheidungsfamilien, vielen fehlt eine männliche Bezugsperson, die Grenzen setzt. Das ist keine Wertung, bloss eine Feststellung. Und dann gibt es noch die bekannten vier bis sechs Prozent Risikokinder – die darf man nicht aus den Augen lassen.

«Es ist nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv, das Smartphone zu verteufeln.»

Lothar Janssen, Psychologe

Beobachter: Was bedeutet das konkret?
Janssen: Dass man nicht warten kann, bis es knallt. Wenn sich etwas anbahnt, darf man das nicht verharmlosen. Man muss den Schüler damit konfrontieren, ihm sagen, dass er etwas tut, was er nicht tun darf: jemanden mobben oder bedrohen. 

Beobachter: Und wenn er es wieder tut?
Janssen: Dann braucht es klare Sanktionen. Ich lasse recht rasch die Polizei kommen. Das hat zwei Vorteile: Die Schüler wissen, dass es Konsequenzen hat, wenn sie sich nicht an die Spielregeln halten. Und für die anderen Schüler bekommt die Polizei ein Gesicht, einen Namen – da ist jemand, an den ich mich wenden kann, wenn ich ein Problem habe.

Beobachter: Wie erfahren Sie von Problemen?
Janssen: Meistens durch die Peacemaker, die sich bei mir melden.

Beobachter: Ist Petzen nicht uncool?
Janssen: Ich lasse die Peacemaker von den Klassen wählen. Die haben ein gutes Gespür für sozial kompetente, faire Leute. Aber klar, es gibt heikle Situationen. Was, wenn der Täter zum Beispiel mein bester Kollege ist? Dann habe ich einen Loyalitätskonflikt.

Beobachter: Was raten Sie dann?
Janssen: Das sind die Dinge, die man in der Klasse besprechen muss. Am Schluss geht es immer wieder um Haltungsfragen, um Ethik. Strukturen sind wichtig, das Wichtigste aber ist die Haltung dahinter. Es ist auch nicht entscheidend, ob die Peacemaker sich melden oder ob sich eine Schule für einen anderen Weg entschliesst. Entscheidend ist das Bekenntnis zu einer Haltung, die man nicht nur doziert, sondern auch vorlebt. Man muss mit den Schülern über ethische Fragen reden.

Beobachter: Genügt das?
Janssen: Die Suizidraten zeigen, dass Jugendliche in der Schweiz einen hohen Druck verspüren. Wenn sie sich in der digitalen Welt verlieren, wird es gefährlich.

Beobachter: Aber gerade Ethikstunden werden gern gestrichen, wenn gespart werden muss.
Janssen: Genau. Und was passiert dann? Man streicht die Ethik, man verschlampt das Thema, bis wieder irgendetwas Schreckliches passiert. Und dann schreien wieder alle. Und hätten es vorher besser gewusst.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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