Wenn sie noch klein sind, werden sie von den Eltern umsorgt, fast ununterbrochen gewärmt und laufend gefüttert. Natürlich wird ihnen auch das Essen extra zerkleinert – in schnabelgerechte Stücke. Doch kaum einen Monat alt, müssen die jungen Steinadler ihr Essen bereits selbst zerlegen, kurz darauf beginnen sie mit vehementen Flügelübungen, und nach knapp 80 Tagen sind sie flügge und verlassen den elterlichen Horst. Aber der Abschied ist noch nicht definitiv: Die Jungvögel bleiben noch bis zu acht Monate im Revier der Eltern und werden von diesen ausserhalb des Horsts weiterhin mit Nahrung versorgt.

In dieser Phase befinden sich auch Sabine Rübin, 54, und Manuel Nater, 60: Ihre Kinder zogen letztes Jahr, zumindest einmal für die Dauer der Studienzeit, aus dem elterlichen Nest in Winterthur aus: Sohn Noah, 24, zügelte im Juni nach Utrecht (NL) und vier Monate später Tochter Yaël, 22, nach Chur. «Vor allem der Auszug von Noah ist uns eingefahren – weil er so weit wegging», sagt Sabine. Natürlich sei der Schritt absehbar gewesen, und er sei ja auch völlig logisch und richtig. «Als dann der Zug mit Noah aus dem Bahnhof fuhr, war bei uns aber trotzdem viel Wehmut mit dabei», erzählt Manuel.

Gefühl der Leere zulassen

Der Schmerz der Eltern, wenn die Kinder von zu Hause ausziehen, hat einen Namen: Empty-Nest-Syndrom. Damit wird die von Einsamkeit und Trauer geprägte Gefühlslage beschrieben, die sich bei Eltern nach dem Weggang der Kinder einstellen kann. «Natürlich ist es normal, dass Kinder die Eltern verlassen – aber das heisst nicht, dass es nicht wehtun darf», sagt André Dietziker, Psychotherapeut aus dem zugerischen Cham. Als Vater von drei erwachsenen Söhnen weiss er auch aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. «Eltern sollten Gefühle wie Trauer und Leere nach dem Auszug der Kinder anerkennen und zulassen.»

Ob jemand überhaupt unter dem Empty-Nest-Syndrom leidet und wie stark, ist sehr individuell: Das kann von Niedergeschlagenheit über Schlafstörungen hin bis zur Depression gehen. Ausgeprägter trifft es oft jene Frauen, die ganz in ihrer Mutterrolle aufgegangen sind, oder den alleinerziehenden Elternteil. Aber auch die Väter sind davor natürlich nicht gefeit – gemäss einer Studie der Universität Bern vor allem jene, die sich über den Auszug der Kinder bisher noch wenige Gedanken gemacht haben und deshalb unvorbereitet und entsprechend hart getroffen werden. «In dieser Phase werden in gewisser Weise Lebensinhalt, Lebenssinn und sogar unsere persönliche Identität in Frage gestellt», sagt Psychotherapeut Dietziker. Bis Eltern diese neue Situation völlig adaptiert hätten, könne es bis zu zwei Jahre dauern – das sei normal. «Wird jemand aber von der Trauer über Monate richtiggehend überwältigt, sind möglicherweise therapeutische Massnahmen zur Überwindung der Krise notwendig.»

«Die Kinder sind ja bloss ausgezogen.»

Nicht nur die Rolle von Mutter und Vater ändert sich mit dem Auszug der Kinder – auch die Paarbeziehung muss möglicherweise neu definiert werden. Bisher vom Familienalltag völlig absorbiert, sitzen auf einmal zwei Personen am Tisch, die sich über die Jahre verändert haben und nun erst wieder zueinanderfinden müssen. «Darum sollte die Partnerschaft schon vor dem Auszug der Kinder genährt werden – etwa indem man gemeinsame Interessen pflegt oder neue entdeckt», rät Dietziker. Gleichzeitig lohne es sich aber auch, wenn beide Partner individuelle Tätigkeiten und Sozialkontakte aufbauen würden. Ausserdem sei es hilfreich, den eigenen Bedürfnissen und Träumen wieder mehr Raum zu geben und sich zu besinnen, was einem früher – vor den Kindern – Freude gemacht habe

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Mehr Raum für eigene Bedürfnisse

Bei den Steinadlern erfolgt nach der achtmonatigen «Bettelflugphase» der definitive Auszug – dann verlässt der Nachwuchs auch noch das elterliche Revier, sucht sich sein eigenes und muss sich nun selbständig ernähren. Ziemlich definitiv fühlte sich auch für Sabine und Manuel der Auszug ihres Sohnes an: «Noah hat sein gesamtes Zimmerinventar verkauft. Da haben wir gemerkt: Ja, er geht wirklich – und zwar ohne gross Spuren zu hinterlassen», sagt Manuel. Tochter Yaël reiste wenigstens nur mit einem Rucksack nach Chur, und ihr Zimmer ist stets bereit für einen Wochenendaufenthalt. Psychotherapeut Dietziker bringt die Elterngefühle auf den Punkt: «Es ziehen Persönlichkeiten mit Fähigkeiten und Charakterzügen aus, die unseren Alltag farbig und lebendig gemacht haben. Wir bleiben zurück im gewohnten Umfeld, in dem jetzt etwas Bedeutendes fehlt.» Und es ist nicht nur die Leere, die einem zu schaffen macht: Man fragt sich auch, ob man vielleicht das eine oder andere endgültig verpasst hat.

«Noah hat sein ganzes Zimmer­inventar verkauft. Da haben wir gemerkt: Ja, er geht wirklich – und zwar ohne gross Spuren zu hinterlassen.»

Sabine Rübin und Manuel Nater, Eltern

Etwas verpasst?

Manuel beispielsweise bedauert zurückblickend seine eigene «Trägheit»: Er hätte mehr mit den Kindern machen und unternehmen können. «So wären vielleicht auch gemeinsame Rituale entstanden, die wir nun weiterpflegen könnten.» Und Sabines Wunsch wäre gewesen, dass sie ihre Beziehung zu Yaël noch auf eine andere Ebene hätte bringen können, wieder etwas enger und eher so von Frau zu Frau. «Ausserdem vermisse ich dieses Gefühl, meine Kinder vermeintlich vor Leid beschützen zu können, oder dass ich noch Einfluss auf ihr Leben nehmen darf», ergänzt die 54-Jährige. In den Worten des Psychotherapeuten: «Mit dem Moment des Auszugs schliesst sich die Tür zur Kindheit – wir können ihr nichts mehr hinzufügen. Und wir spüren, dass wir nicht mehr den gleichen Einfluss haben werden, dass unsere Kinder sich weiterentwickeln ohne unser tägliches Zutun.»

«Mit dem Moment des Auszugs schliesst sich die Tür zur Kindheit – wir können ihr nichts mehr hinzufügen.»

André Dietziker, Psychotherapeut

Manuel beispielsweise bedauert zurückblickend seine eigene «Trägheit»: Er hätte mehr mit den Kindern machen und unternehmen können. «So wären vielleicht auch gemeinsame Rituale entstanden, die wir nun weiterpflegen könnten.» Und Sabines Wunsch wäre gewesen, dass sie ihre Beziehung zu Yaël noch auf eine andere Ebene hätte bringen können, wieder etwas enger und eher so von Frau zu Frau. «Ausserdem vermisse ich dieses Gefühl, meine Kinder vermeintlich vor Leid beschützen zu können, oder dass ich noch Einfluss auf ihr Leben nehmen darf», ergänzt die 54-Jährige. In den Worten des Psychotherapeuten: «Mit dem Moment des Auszugs schliesst sich die Tür zur Kindheit – wir können ihr nichts mehr hinzufügen. Und wir spüren, dass wir nicht mehr den gleichen Einfluss haben werden, dass unsere Kinder sich weiterentwickeln ohne unser tägliches Zutun.»