In vielen Kantonen sind Frühlingsferien, in anderen stehen sie kurz bevor. Ob auf Reisen oder daheim: Gesellschaftsspiele «Kampf gegen das Bünzlitum» & Co. Gesellschaftsspiele boomen wie nie gehen immer. Warum sie so wichtig sind für die Entfaltung von Kindern, sagt Entwicklungspsychologin Natascha Helbling, die an der Universität Zürich zu sozialen Normen und Kultur forscht.

Frau Helbling, wieso ist Spielen für die Entwicklung von Kindern so wichtig?
Weil viele Fähigkeiten der Kinder durch das Spielen gefördert werden. Beim Spielen entdecken sie die Welt, es regt Fantasie und Kreativität an. Sie trainieren dabei motorische Fähigkeiten, kognitives Denken und auch soziale Fertigkeiten, da je nach Spiel ganz verschiedene Fertigkeiten angesprochen werden und das Gehirn auf unterschiedlichste Weise stimuliert wird. Spielen kann auch bei der Sprachentwicklung Frühförderung Wie man Kinder auf den richtigen Weg bringt helfen, indem Kinder lernen müssen, mit Mitspielerinnen und -spielern zu kommunizieren und ihre Gefühle auszudrücken. Bei gewissen Spielen lernen sie, Probleme zu lösen und logisch zu denken. Oder sie müssen auf den Spielzug von jemand anderem warten und Rücksicht nehmen. Und das Wichtigste: Spielen macht Spass. Das heisst, es fühlt sich gar nicht wie Lernen an.

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Was sind die Vorteile von Gesellschaftsspielen?
Sie bieten Eltern eine ideale Möglichkeit, sich vollständig auf ihr Kind oder ihre Kinder einzulassen. Bei Gesellschaftsspielen stehen die sozialen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Bei kollaborativen Spielen, also Teamspielen, kommt die Ergänzung, dass man nicht nur für sich alleine spielt, sondern einen gemeinsamen Weg finden muss. Man muss aufeinander hören und auf das eingehen, was gesagt wurde. Man muss die Inputs anderer abwägen und manchmal auch eigene Interessen und Ideen zurückstellen, weil ein Mitspieler vielleicht eine andere, bessere Idee hat. Mit anderen Personen zusammenzuarbeiten, ist im täglichen Leben sehr wichtig, und in kollaborativen Spielen kann diese Fertigkeit bereits gut im sicheren Rahmen geübt werden. Bei kompetitiven Spielen kann man sich mit anderen messen, kann und muss dafür aber umso mehr lernen, mit Frustration umzugehen Ausdauer bei Kindern So lernt Ihr Kind, mit Frustration umzugehen , besonders dann, wenn man auch mal verliert. Aber auch das muss gelernt werden.

Zur Person

Helbling Natascha

Natascha Helbling, 32, ist Doktorandin am Lehrstuhl Entwicklungspsychologie im Bereich Säuglings- und Kindesalter der Universität Zürich. Ihr Forschungsschwerpunkt sind soziale Normen und Kultur. Der Brettspielklassiker «Monopoly», eben 90 Jahre alt geworden, gefällt ihr nicht, «zu monoton». Sie mag kooperative Spiele, da man dort an einem Strang zieht und zusammen verliert oder gewinnt.

Quelle: ZVG

Wie wichtig sind die Regeln beim Spiel?
Das Befolgen von Regeln ist in vielen Bereichen des Lebens wichtig, und es ist gut, wenn dies auch in einem spielerischen Kontext gelernt werden kann. Aus diesem Grund dürfen und sollen Eltern ihre Kinder auf Regeln aufmerksam machen, wenn diese verletzt werden. Oft ist das Sich-Abwechseln gerade für jüngere Kinder noch schwierig, und sie tendieren dazu, etwas tun zu wollen, auch wenn sie noch nicht an der Reihe sind: Man kann Kinder also gut daran erinnern, dass sie noch nicht an der Reihe sind und noch warten müssen. Dadurch wird auch die Geduld gefördert. Allerdings ist bei Regeln wichtig zu sagen, dass es auf das Alter der Kinder ankommt und dass sehr komplexe Regeln, die schwierig zu verstehen sind, auch nur schwierig eingehalten werden können. Je nach Alter macht es daher sicherlich auch Sinn, Regeln zu vereinfachen und ein bisschen flexibler zu sein.

«Wenn Kinder schummeln, ist es gut, wenn man als Elternteil sie darauf anspricht.»

Natascha Helbling, Entwicklungspsychologin

Manche Kinder sind aber pingeliger im Einhalten von Regeln als viele Erwachsene.
Da Kinder Regeln bereits früh lernen, befolgen und auch durchsetzen wollen, kann es sein, dass sie teilweise regelkonformer sind als Erwachsene selbst und eventuell sogar noch genauer darauf achten, dass diese nicht verletzt werden. In meiner Arbeit studiere ich soziale Normen, und es gibt einige Studien dazu, dass gerade jüngere Kinder soziale Normen stärker verallgemeinern und stärker darauf bestehen als ältere Kinder. Ältere Kinder sowie Erwachsene sind oft flexibler darin, verschiedene Arten von Normverletzungen zu unterscheiden und Normen auch im Kontext unterschiedlicher Situationen zu sehen.


Was tun, wenn Kinder die Regeln brechen?
Ein Regelbruch oder Schummeln kann aus unterschiedlichen Gründen vorkommen. Wenn Kinder schummeln, ist es daher gut, wenn man als Elternteil sie darauf anspricht. Dabei sollten Eltern nicht wütend werden, sondern vielmehr das Gespräch mit dem Kind suchen, um herauszufinden, weshalb geschummelt wurde. Vielleicht steckt dahinter eine Versagensangst, die dann gleich angesprochen werden kann. Weshalb hat das Kind Angst zu verlieren oder auch, was bedeutet Verlieren für es? Als Elternteil kann man dem Kind dann gut vermitteln, dass Verlieren durchaus dazugehört, insbesondere bei kompetitiven Spielen, und dass es vollkommen okay ist, auch mal zu verlieren. Eine interessante Studie fand heraus, dass Kinder, welche dafür gelobt wurden, dass sie schlau sind, eher schummelten als Kinder, die dafür gelobt wurden Kinder loben Es muss nicht alles super sein , etwas Spezifisches gut gemacht zu haben. Der Grund dafür könnte sein, dass Kinder ihren Ruf, «schlau zu sein», aufrechterhalten wollten und daher mehr Druck verspürten, zu mogeln.


Verlieren ist schwierig. Wie umgehen mit Frust?
Verlieren ist tatsächlich schwierig, kann aber ebenfalls gelernt werden Mit Kindern spielen Verlieren gehört zum Leben dazu . Wichtig ist, insbesondere bei jüngeren Kindern, dass die Eltern nicht verärgert reagieren. Meist ist die Frustration über das verlorene Spiel für die Kinder im Vordergrund. Gerade für jüngere Kinder ist es schwierig, sich selbst zu regulieren, daher kann es auch zu einem Wutanfall kommen, wenn sie verlieren. Als Eltern ist es daher gut, wenn man sich auch selbst bei den Spielen an die Regeln hält und den Kindern vorlebt, wie man selbst ein guter Verlierer ist. Wenn Eltern oder ältere Geschwister auch mal verlieren und die Niederlage akzeptieren, lernen jüngere Kinder, dass es völlig normal ist, nicht immer zu gewinnen.


Wie wichtig ist die Vorbildrolle der Eltern?
Kinder imitieren schon im ersten Lebensjahr einfache Verhaltensweisen und schauen sich ab, wie sich Eltern, ältere Geschwister und auch andere Erwachsene in gewissen Situationen verhalten, um ihr eigenes Verhalten danach zu richten. Regeln werden oft gelernt und verinnerlicht, indem sie von Eltern vorgelebt werden, und müssen teilweise nicht einmal verbalisiert werden. So werden neue Objekte oft gleich genutzt wie von einem Erwachsenen vorgezeigt. Durch das alltägliche Verhalten führen Eltern ihren Kindern Fähigkeiten vor, vermitteln Informationen und Regeln, und sie dienen als Modell für Einstellungen gegenüber anderen Personen und Kindern.

Buchtipp
Motivierte Kinder
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Spieltipps von Entwicklungspsychologin Natascha Helbling

  • «Concept Kids: Tiere» ist eine Team-Version des Spiels «Concept», welches angepasst wurde für Kinder, die noch nicht lesen können. Kinder versuchen reihum, die anderen dazu zu bringen, ein Tier zu erraten, indem sie die abgebildeten Symbole auf dem Spielbrett nutzen. Dabei gibt das Kind jeweils ein Merkmal des zu erratenden Tieres an. Das Spiel ist bereits ab 4 Jahren empfohlen.
  • «Mogel Motte»: Bei diesem Spiel wird schummeln vorausgesetzt. Man muss die eigenen Karten durch geschicktes Ablegen und Schummeln möglichst schnell loswerden. Da ist es auch erlaubt, sie im Ärmel verschwinden zu lassen oder zu viele Karten abzulegen, aber man darf sich nicht erwischen lassen. Das Spiel ist ab etwa 6 bis 7 Jahren empfohlen.
  • «Die Insel der Katzen»: Ein Kartenlege-Katzen-Puzzle-Brettspiel, das man sowohl im Experten- als auch im Familienmodus spielen kann. Das Ziel des Spiels ist es, auf eine Rettungsmission zur Insel der Katzen zu gehen und möglichst viele Katzen zu retten, bevor ein Bösewicht eintrifft. Jede Katze ist durch ein einzigartiges Plättchen dargestellt und gehört zu einer Familie. Dabei sollte man bei der Rettungsmission beachten, dass die Katzen alle auf das Boot passen und die Familien zusammenbleiben. Es ist ab 8 Jahren empfohlen.
  • «Flügelschlag»: Ein wunderschönes, kompetitives Strategiespiel, bei dem Spieler unterschiedliche Vogelarten in das passende Habitat locken müssen. Bei jeder Vogelkarte hat man unterschiedliche Möglichkeiten, wie man sie kombinieren kann. Das Spiel ist aber erst ab 10 Jahren empfohlen und ist mittelschwer, kann also auch eine Herausforderung sein.
  • «Die Crew – Reist gemeinsam zum 9. Planeten»: Ein Kartenspiel, bei welchem sich die Mitspieler als Astronauten auf ein Weltraumabenteuer begeben. Jeder Spieler hat eigene Aufgaben, die er oder sie lösen muss. Um die Aufgaben zu lösen, müssen jedoch alle zusammenarbeiten. Das bedeutet, Team-Kommunikation ist gefragt. Das Spiel wird von Mission zu Mission schwieriger, es ist aber am Anfang relativ einfach zu lernen. Daher kann man gut und schnell in das Spiel starten, ohne zu viele Regeln lesen zu müssen. Das Spiel ist auch erst ab etwa 10 Jahren empfohlen.
  • «Codenames»: Ein Knobelspiel, welches am besten mit ein bisschen grösseren Gruppen ist. Es gibt zwei Teams und jedes Team muss bestimmte Begriffe finden, hinter denen sich die Agenten ihrer Farbe verbergen. Die Teamleiter der beiden Teams sind die einzigen, die wissen, wo die Agenten versteckt sind. Sie dürfen jeweils nur einen Begriff nennen, welcher auf möglichst viele Begriffe passt, hinter welchen die eigenen Agenten versteckt sind. Das Spiel ist empfohlen ab 14 Jahren.

Weitere Infos

Boardgamegeek.com, eine Website für Brettspielliebhaberinnen und -liebhaber.

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Ab wann beginnen Kleinkinder über Ursachen und Folgen nachzudenken? In welchem Alter werden Puzzles und mechanische Gegenstände für sie interessant? Beobachter-Mitglieder erhalten in der Checkliste «Stufen der geistig-kognitiven Entwicklung der Kleinkinder» Anhaltspunkte für die Förderung ihrer Sprösslinge.

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