Beobachter: Frau Hug, in unserer Gesellschaft gilt es als Tugend, wenn Kinder früh schlafen gehen. Wieso eigentlich?
Martina Hug:
Die meisten Kinder sind tatsächlich Morgenmenschen, das heisst, sie sind am Morgen beizeiten wach und am Abend relativ früh müde. Und sie brauchen tatsächlich viel Schlaf. Die Gesellschaft richtet sich eher nach diesen Kindern, weil sie in der Mehrheit sind. Kinder, die wenig Schlaf brauchen und eher Abendmenschen sind, passen nicht so gut in dieses Schema. Für sie ergeben sich mehr Herausforderungen.


Was passiert, wenn man Abendmenschen früh zu Bett schickt?
Die sogenannten Chronotypen sind genetisch bedingt. Morgenmenschen bezeichnet man auch als Lerchen, Abendmenschen als Eulen. Eulen schlafen von Natur aus spät ein, und es ergeben sich möglicherweise Schwierigkeiten, wenn sie jeden Abend zu einer Zeit ins Bett müssen, in der sie noch nicht müde sind.


Wie unterscheidet sich das Schlafbedürfnis bei Kindern?
Die Schlafbedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Man kann sagen: Je jünger die Kinder, desto grösser sind die Unterschiede, was die ideale Schlafdauer anbelangt.


Weshalb gibt es diese Unterschiede?
Während des Wachzustands häuft sich eine Art Schlafschuld an, die dann während des Schlafens wieder abgebaut wird. Das sind Prozesse im Rahmen der sogenannten Schlafhomöostase. Bei manchen Menschen laufen diese Prozesse schneller ab als bei anderen. Man geht davon aus, dass sie auch deshalb weniger Schlaf brauchen. Übrigens hat man beobachtet, dass sehr intelligente Kinder oft einen geringeren Schlafbedarf haben. Das ist manchmal ein sehr positiver Hinweis, den wir den Eltern in der Schlafsprechstunde mitgeben können.

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«Die Eltern sollten ihr Kind gut beobachten: Wie fühlt es sich? Ist es tagsüber ausgeruht, zufrieden und ausgeglichen? Ist die Konzentrationsfähigkeit da?»

Dr. med. Martina Hug, Oberärztin in der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinder­spital Zürich

Wie gross ist denn die Bandbreite an Schlafbedarf bei Kindern?
Mit sechs Jahren schlafen 50 Prozent der Kinder 11 Stunden. Es gibt aber Kinder, die fast 13 Stunden brauchen, während sechsjährige Wenigschläfer schon mit 9,5 Stunden zufrieden sind. Bei Zehnjährigen braucht die Hälfte der Kinder 10 Stunden Schlaf, die Vielschläfer brauchen 11 Stunden, die Wenigschläfer jedoch nur knapp 8,5 Stunden.


Ein zehnjähriges Kind könnte also um 22.30 Uhr ins Bett gehen und um 7 Uhr aufwachen und genug schlafen – wenn es ein Wenigschläfer ist. Wie merkt man aber, dass es tatsächlich ein Wenigschläfer ist?
Die Eltern sollten ihr Kind gut beobachten: Wie fühlt es sich? Ist es tagsüber ausgeruht, zufrieden und ausgeglichen? Ist die Konzentrationsfähigkeit da? Die Antworten auf diese Fragen liefern wichtige Anhaltspunkte.

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Eltern von Kindern, die wenig schlafen, wären sicher froh um einen Test, der zeigt, wie hoch der Schlafbedarf des Kindes ist. Gibt es das?
Nein, aber ein Schlafprotokoll ist ein wirksames Instrument. Wir empfehlen, es über zwei Wochen zu führen. Mit dieser Aufzeichnung kann man sehr gut einen Mittelwert an Schlafbedarf ausrechnen, denn man sieht einfach mal, wie lange das Kind effektiv schläft. Man kann davon ausgehen, dass der Schlafbedarf so abgedeckt wird. Entsprechend kann man dann den Schlafrhythmus des Kindes anpassen. In der Schlafsprechstunde setzen wir manchmal auch Bewegungsmesser ein, die Hinweise geben, wie tief der Schlaf im Verlauf einer Nacht ist. Diese Erkenntnis kann dann helfen, den Schlaf weiter an den individuellen Bedarf und Rhythmus des Kindes anzupassen.

«Bei sehr kleinen Kindern ist ein Ritual so um eine Dreiviertelstunde ideal, vom Zähneputzen übers Anziehen des Pyjamas bis zum Einschlafen.»

Dr. med. Martina Hug, Oberärztin in der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinder­spital Zürich
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Häufig neigen ja Kinder mit wenig Schlafbedarf zu Einschlafstörungen. Warum ist das so?
Ja, in der Schlafsprechstunde sehen wir viele solche Beispiele. Bei Kindern, die vom Chronotyp Eulen sind und die dazu vielleicht auch noch wenig Schlafbedarf haben, gibt es oft Auseinandersetzungen rund um den Schlaf, die belastend für Eltern und Kinder sind. Als Folge davon kann es zu Einschlafstörungen kommen.


Wie können Eltern Kindern mit Einschlafstörungen helfen?
Meist gilt es, den individuellen Schlafbedarf des Kindes und die elterlichen Erwartungen in Übereinstimmung zu bringen. Oft haben die Kinder eine grosse Angst vor dem Einschlafen, weil sie eben nicht einschlafen können. Manchmal setzen wir auf einen leichten Schlafentzug, wecken die Kinder also früher am Morgen. Das erhöht den Schlafdruck am Abend und erleichtert das Einschlafen. Das macht man beispielsweise über zwei Wochen und auch am Wochenende, bis das Kind die Sicherheit hat, dass es gut einschlafen kann. Für Eltern ist es ausserdem beruhigend, wenn sie von uns hören, dass spätes Schlafengehen nicht unbedingt ungesund ist.

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Wie schnell sollte ein Kind einschlafen können ab dem Zeitpunkt des Lichtlöschens?
Ideal ist innerhalb einer Viertelstunde. Bei sehr kleinen Kindern ist ein Ritual so um eine Dreiviertelstunde ideal, vom Zähneputzen übers Anziehen des Pyjamas bis zum Einschlafen. Ein etwas älteres Kind liest vielleicht noch eine halbe Stunde allein.


Ist es wichtig, stets zur gleichen Zeit zu Bett zu gehen?
Für den Organismus ist es sicher gut, wenn wir uns so verhalten, dass wir dem Chronotyp und dem individuellen Schlafbedarf möglichst nahe sind. Um sich darauf einzustellen, empfehlen wir einen Plan mit sehr regelmässigen Zeiten. Sobald die Kinder das Vertrauen wiederhaben, gut einschlafen zu können, ist mehr Flexibilität möglich. Gibt es erneut Einschlafprobleme, muss man sich wieder am gegebenen, individuellen Bedarf orientieren und sich darauf einstellen.

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Worauf ist sonst noch zu achten in Sachen Schlafhygiene?
Geräte wie Handy, Tablet oder Computer sollten rund zwei Stunden vor dem Schlafengehen weggelegt werden. Das Licht dieser Geräte wirkt hemmend auf die Ausschüttung von Melatonin, dem Hormon, das Menschen müde macht.

Zur Person

Dr. med. Martina Hug ist Oberärztin in der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich und klärt Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen ab.

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Quelle: Beobachter Bewegtbild

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