Wie oft kommen Frauen und Männer in Beobachter-Texten vor? Wie viele Männer treten auf Fotos in Erscheinung? Wie viele Expertinnen treten auf?

Die Redaktion startete aus Anlass des Frauenstreiks Frauenstreik 5 Frauen erzählen, warum sie genug haben 2019 die Mission Faktenfindung. Seither prüft sie die Beobachter-Inhalte auch darauf, wie sie die Welt in Sachen Verteilung der Geschlechter abbilden.

Die Bilanz nach einem Jahr ist durchzogen. Auch der Beobachter berichtet viel öfter über Männer als über Frauen. Nur 38 Prozent der in Artikeln erwähnten Personen sind weiblich. Rund 40 Prozent aller Interviewten sind Frauen, knapp die Hälfte aller Bilder und Illustrationen stellen Frauen dar. Immerhin spielen Frauen beim Beobachter aber eine deutlich grössere Rolle als in anderen Schweizer Medien. (mehr dazu siehe Infografik «So sieht es beim Beobachter aus» am Artikelende)

Das Huhn oder das Ei?

Die Zahlen haben auf der Redaktion Fragen aufgeworfen. Berücksichtigen wir Frauen zu wenig? Oder bilden wir bloss die Realität ab, die in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weiterhin von Männern dominiert wird? Das zu beantworten, ist nicht ganz einfach. Vielleicht trifft auch beides zu. Für den Beobachter ist aber klar: Oberstes Prinzip ist der Wille zu gutem Journalismus, unabhängig von der Frage des Geschlechts. Es gibt keine Frauenquote für Inhalte. Für jeden Artikel wird das Personal gewählt, das am besten passt. Egal, was das mit der Statistik macht.

Auszählungen nach Frauen- und Männeranteil können Veränderungen bewirken – auch ohne dass man etwa eine Frauenquote vorgeben würde. Das hat der britische BBC-Moderator Ros Atkins mit einem Experiment nachgewiesen. Im Januar 2017 wollte er wissen, wie es um das Geschlechterverhältnis in seinen Beiträgen steht. Und begann mit einem Monitoring seiner Arbeit. Allein das hatte zur Folge, dass der Frauenanteil in seinen Berichten markant stieg. Seine Selbst-Sensibilisierungsmethode stiess bei BBC auf so grosses Interesse, dass immer mehr Teams es ihm nachmachten.

Herausforderung angenommen

Im Frühling 2018 rief die britische BBC die 50:50-Challenge aus und fand weltweit viele Nachahmer. Auch in der Schweiz. SRF und Ringier starteten ähnliche Initiativen mit dem Ziel, die Präsenz von Frauen in den Artikeln und Beiträgen zu erhöhen. Selbst die NZZ, die Genderfragen nicht sonderlich viel Gewicht beimisst, lobte die Projekte von Blättern wie der «Financial Times». Diversität sei ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft. «Geschäftstüchtige verbinden damit Chancen.»

Frauen sind in der Schweizer Nachrichtenwelt nach wie vor stark untervertreten. Nur 24 Prozent aller Personen, die bei der letzten Erhebung vor fünf Jahren am Fernsehen, im Radio und in Zeitungen auftraten, waren weiblich. Die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten kam deshalb zum Schluss, dass die Medien eine Chance verpassten, die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern und Stereotypen aufzubrechen. Die Medien stünden hier in der Verantwortung.

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In diesem Herbst soll eine neue gesamtschweizerische Auswertung zeigen, ob Frauen in der hiesigen Medienarena nun stärker vertreten sind.

Infografik: Die Medienwelt ist männerlastig

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Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Der Verlag Ringier Axel Springer Schweiz, der auch den Beobachter herausgibt, ist am Ringier-Projekt «Equal Voice» beteiligt. Die im November gestartete Initiative will Frauen in den Medien sichtbarer machen. Der Algorithmus «Sherlock» wertet seither für jede Redaktion aus, wie viele Frauen und Männer in Artikeln auf der Website genannt werden.

Die Beobachter-Redaktion hat sich darüber hinaus den Ansatz von BBC-Moderator Ros Atkins zu eigen gemacht: sich selbst sensibilisieren. Monatlich zählt ein wechselndes Zweierteam alle Artikel im Heft und auf Beobachter.ch aus. Von Hand, um besser unterscheiden zu können, welche Protagonisten und Experten frei gewählt werden können und welche nicht. Denn ob in einem Artikel ein Mann oder eine Frau vorkommt, hängt auch vom Thema ab.

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Seit einem Jahr diskutiert die Redaktion die Gender-Statistik regelmässig bei Blattkritik-Sitzungen. Anfängliche Skepsis bei einem Teil der Redaktion ist engagierter Teilnahme gewichen.

Werden Frauen geschont? 

Die Auswertung bringt Erstaunliches an den Tag. Zum Beispiel in der Rubrik «Blamage» weit vorn im Heft. In neun von zehn Fällen werden Männer kritisiert. An Frauen mäkelt die Redaktion offenbar nicht so gern herum.

Bestimmte Rubriken waren hingegen chronisch männerlastig. Nur jeder vierte kommentierende «Standpunkt» im Beobachter wurde von einer Frau verfasst. Bei der Rubrik «Augenzeuge» waren vor einem Jahr nur ein Drittel der Porträtierten Frauen – ohne ersichtlichen Grund. Seit die Analyse das aufgedeckt hat, ist der Frauenanteil unter den «Augenzeugen» auf aktuell 43 Prozent gestiegen. Im ersten Quartal 2020 gab es sogar mehr als zwei Drittel Augenzeuginnen.

Die regelmässigen Diskussionen über die Auswertung hat die Redaktion offenbar weiter sensibilisiert. Die Datenanalyse wirkt.

Infografik: So sieht es beim Beobachter aus

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Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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