Cécile Bessire, Sie kleben sich an der Strasse fest. Warum? 
Ich fühle mich alternativlos, weil wir uns in einem Klimanotstand befinden. Regierungen wissen, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren unsere CO₂-Emissionen senken müssen. Und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschleunigen müssen. Aber sie machen zu wenig. Wir blockieren die Strassen, um auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen und den Bundesrat aufzufordern, die Menschen vor der Klimakrise zu schützen. 

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Wie läuft so eine Aktion ab? 
Drei bis sieben Personen sitzen auf der Strasse. Mindestens zwei Personen sprechen mit den Autofahrenden und deeskalieren mögliche Gewaltsituationen. Nach etwa 20 Minuten kommt die Polizei und nimmt uns fest. Dann werden wir verhört und nach spätestens 48 Stunden wieder entlassen. 
 

Dabei gefährden Sie sich doch selbst.  
Das Risiko gehen wir bewusst ein. Die Risiken, die wir kollektiv aufgrund der Klimakrise eingehen, sind jedoch weitaus grösser. 
 

Und Sie gefährden andere. Die Blockaden könnten Leben kosten, wie der Fall in Berlin gezeigt hat, bei dem ein Krankenwagen blockiert wurde. 
Wir wollen niemanden gefährden. Wir gehen nur bei langsamem Verkehr auf die Strasse. Und wir kleben nie alle an, so dass eine Ambulanz durchkommt. 

Gab es in der Schweiz schon Unfälle wegen Klimaprotesten? 
Noch keine. Die Angst ist also hypothetisch. Real ist dagegen, dass in diesem Sommer 15’000 Menschen in Europa durch die lang anhaltende Hitzewelle gestorben sind. 30 Millionen Menschen haben durch Überschwemmungen in Pakistan ihr Zuhause verloren. Es wird noch schlimmer, wenn wir nicht sofort handeln.

                               Cécile Bessire
Quelle: Peter Tillessen

Cécile Bessire, 28, ist Mitgründerin der Schweizer Klimaprotest-Kampagne Renovate Switzerland. Die gelernte Logopädin war zuvor bei der internationalen Bewegung Extinction Rebellion aktiv.

Wie reagieren die Autofahrenden? 
Einige sind wütend, kommen aus dem Auto und probieren uns wegzutragen. Andere zeigen Verständnis oder applaudieren sogar. 
 

Seien Sie ehrlich: Diese Blockaden treffen doch eigentlich die Falschen. 
Wir alle werden von der Klimakrise hart getroffen. Die Regierung schützt uns nicht, obwohl sie müsste. Denn der Schutz unserer Zukunft ist in der Verfassung verankert. Also müssen wir uns mobilisieren und auf die Strasse gehen, um das Recht auf eine Zukunft zu fordern. Die Blockaden geben uns die nötige Aufmerksamkeit – bei der Bevölkerung und den Politikerinnen. 
 

Die Regierung hat bereits zahlreiche Massnahmen getroffen, um den CO₂-Ausstoss zu senken: etwa die Förderung von erneuerbaren Heizsystemen und der Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen. Was fordern Sie denn ganz konkret? 
Eine Million Gebäude in der Schweiz müssen saniert werden. Dafür soll die Regierung schnellstens 100’000 Leute ausbilden. Das ist ein erster wichtiger Schritt, um den ökologischen und energetischen Wandel zu starten. 


Das klingt schwer umsetzbar. Wie sollen Politiker darauf eingehen können? 
Die Regierung hat bereits Pläne und Programme für die Gebäudesanierung. Aber in ihrem Tempo dauert es 100 Jahre, bis die Gebäude saniert sind. Das ist viel zu langsam. Im Moment wird die Klimakrise wie ein beliebiges Problem betrachtet – eines unter vielen. Es ist aber die grösste Herausforderung unserer Zeit. Darum brauchen wir ambitiöse Projekte. Die Politik muss sie umsetzen. 


Warum setzen Sie nicht auf gemässigte Aktionen? Die Gletscher-Initiative war ja indirekt auch ein Erfolg.
Das genügt leider nicht. Die Klimapolitik in der Schweiz erreicht viel zu wenig, obwohl die Zeit drängt. Darum greifen wir zu drastischeren Massnahmen. 


Diese Sitzblockaden machen viele wütend. Glauben Sie nicht, dass Sie diese Menschen dadurch eher von umweltbewusstem Verhalten abschrecken?
Ich verstehe, dass unsere Blockaden wütend machen. Sie stören und sind auch für uns unangenehm. Aber darum geht es nicht. Wir wissen bereits seit 50 Jahren, dass etwas getan werden muss. Hätten Politik und Wirtschaft vorher gehandelt, wären keine Blockaden nötig gewesen. 


Wie gehen Sie mit der Kritik um, die Ihnen entgegenschlägt? 
Ich probiere dann in die Geschichte zu schauen. Die Aufstände für das Frauenstimmrecht wurden auch beschimpft. Heute ist es etwas ganz Normales. Ohne Kriegsdienstverweigerung hätten wir heute wahrscheinlich keinen Zivildienst. Und schwarze Amerikanerinnen wurden auch scharf kritisiert für ihren Kampf um Bürgerrechte. Viele Rechte erscheinen uns heute selbstverständlich. Dabei haben unsere Eltern und Grosseltern sie unter viel Gegenwehr erkämpft.


Ende Oktober blockierten Sie die Lorrainebrücke in Bern, seitdem ist es ruhig geworden. 
Wir haben nach der Blockade in Bern einen Brief an den Bundesrat geschickt – erneut mit unseren Forderungen. Jetzt warten wir. Wir würden es wirklich vorziehen, wenn die Politikerinnen mit uns über die Forderungen ins Gespräch kommen. Ansonsten haben wir keine andere Wahl, als mit den Blockaden weiterzumachen. Bis der Bundesrat verspricht, 100’000 Menschen für die Gebäudesanierungen auszubilden. 

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