«Die Ohrfeige war so stark, dass mein Trommelfell platzte»
Die Aargauer Nationalrätin Maya Bally wurde von ihrem Ex-Freund geschlagen und gestalkt. Mit ihrer Geschichte bewegt sie tausende Frauen und verändert die politische Debatte über häusliche Gewalt in der Schweiz.
Veröffentlicht am 21. August 2026 - 11:33 Uhr

Auf dem Pferdehof Fohlenweid in Bremgarten AG ist Maya Bally regelmässig zu Besuch: «Schon als 18-Jährige habe ich Ställe ausgemistet, um Reitstunden zu nehmen.»
Maya Bally streicht dem 17-jährigen Wallach Sebi über den Nasenrücken. Das Tier schnaubt tief aus, spitzt die Ohren und geht einen Schritt auf die Mitte-Politikerin zu. «Pferde haben so viel Kraft, doch vom Charakter her sind sie sanft und gutmütig», sagt die 64-Jährige und reicht ihm ein Stück Apfel.
Zudem würden sie wie ein Seismograf funktionieren. «Pferde spüren sofort, in welcher Stimmung jemand ist. Mit Wut im Bauch zu reiten, ist keine gute Idee. Man muss präsent sein.» Für einen Moment alle Probleme vor dem Reitstall stehen zu lassen – das habe ihr in schwierigen Zeiten viel Kraft gegeben.
Maya Bally ist 20 Jahre alt, hat den Maturaabschluss in der Tasche, als sie sich in einen charmanten jungen Mann verliebt. Er ist ein Jahr älter und arbeitet als Verkäufer in der Werbung. Bald merkt sie, dass etwas mit ihm nicht stimmt. «Er erzählte Unwahres über seine Vergangenheit oder log in Bezug auf seine Arbeit.»
Als sie ihn darauf anspricht, schlägt er sie. «Die Ohrfeige war so stark, dass mein Trommelfell platzte.» Der Freund entschuldigt sich und schwört, es niemals wieder zu tun. Doch es passiert wieder. Er schlägt sie so heftig, dass sie in die Badewanne fällt und sich die Rippen quetscht. Dem Arzt erzählt Maya Bally aus Scham, sie sei über eine Katze gestolpert.
Obwohl die Geschichte niemand aus dem engeren Umfeld zu glauben scheint, spricht sie niemand darauf an – auch ihre Eltern nicht. «Bevor es noch schlimmer werden konnte, schaffte ich es, die Beziehung zu beenden. Doch der Horror ging weiter.» Ihr Ex-Partner stalkt sie. Er terrorisiert Bally am Telefon, passt sie vor der Wohnung ab. Selbst als er einige Jahre später wegen Betrugs ins Gefängnis kommt, ruft er sie von dort aus noch an.
«Stolz auf meine Mutter»
Über diese Erfahrungen spricht die Aargauer Nationalrätin Mitte Juli in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» – und bricht damit ein Tabu. «Ich wollte meine Geschichte erzählen, um anderen Mut zu machen.» Ihr Mann und ihr Sohn waren einverstanden.
Zu Hause im Einfamilienhäuschen in Hendschiken AG, das versteckt in einer Siedlung eingebettet liegt, sitzt die Familie Bally Frehner in der Gartenlounge. «Ich bin stolz auf meine Mutter», sagt David, 27. «In meinem Umfeld werde ich häufig auf ihren Mut angesprochen.»
Ballys Mann Roland Frehner, 65, nickt und fügt an: «Selbst in den Sommerferien in Ascona kamen Leute auf uns zu und haben sich bei Maya bedankt.» Bally hat auch unzählige Reaktionen per Mail und auf den sozialen Medien erhalten. «Viele Frauen schildern mir ihre eigenen Gewalterfahrungen. Dass sie mir vertrauen, berührt mich sehr.» Auch Fachleute hätten sie kontaktiert: «Sie sagten, dass es viel wert sei, eine Stimme wie meine in der Debatte zu hören.» Als gestandene Politikerin verkörpere sie nicht das Klischee eines «Huschelis», mit dem Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt noch heute zu kämpfen haben.

Roland Frehner, Maya Bally und ihr gemeinsamer Sohn David spielen im Garten das Gesellschaftsspiel «OK Boomer».
«Ich schätze Mayas Offenheit und ihre klare Haltung», sagt Ballys Mann Roland Frehner, während sie in der Küche zusammen den Zmittag vorbereiteten. Die beiden haben sich 1992 kennengelernt, als sie als IT-Fachleute Prüfungen abgenommen haben. «Wenn meine Frau von etwas überzeugt ist, steht sie dafür ein – egal, welche Konsequenzen es für sie hat.»
«Opfer müssen spüren, dass wir Gewalt nicht akzeptieren»
Bally wuchs in Dietikon ZH auf. Ihr Vater war Buchhalter, ihre Mutter kümmerte sich um die drei Kinder. «Ich übernahm früh Verantwortung und wusste, was ich wollte – und was nicht.» Wie etwa nach der Matura nicht zu studieren, sondern zu arbeiten. Sie startete als Verkäuferin von Tonern, bildete sich berufsbegleitend weiter und war später als Projektleiterin im IT-Bereich und in Führungsfunktionen tätig.
Daneben engagierte sie sich in der Schulpflege, was bei ihr die Lust auf ein politisches Amt weckte. Auch da ging sie nicht den einfachen Weg, sondern entschied sich für die BDP. Eine Partei, die neben der starken SVP im Aargau einen schweren Stand hatte. «Die BDP als liberale Partei mit einem sozialen Gewissen passte zu mir», sagt Bally, die ihre Schwester pflegte, bis sie an den Folgen einer unheilbaren Krankheit mit 49 Jahren starb.
Roland Frehner hat sie dabei immer unterstützt. Auch heute begleitet er sie oft an Parteianlässe der Mitte, zu deren Fraktion Bally seit der Fusion gehört. «Das ist für mich selbstverständlich.» Als sie ihren Mann kennenlernte, waren die Gewalterlebnisse verarbeitet. «Nach meinen Erfahrungen litt ich lange unter Verfolgungswahn und war sehr misstrauisch. Das überlebten viele Beziehungen nicht.» Geholfen habe ihr eine Psychotherapie.
Von ihrem gewalttätigen Ex-Freund hörte sie jahrelang nichts mehr, bis er sie kurz nach der Hochzeit mit Roland im Jahr 2010 anrief. Bally sagt ihm, er solle sie in Ruhe lassen. Zwei Mal. Doch er ruft ein drittes Mal an. Sie reicht den Hörer ihrem Mann. «Ich wurde laut und deutlich», sagt er. Seitdem herrscht – bis auf eine nicht beantwortete Anfrage auf Facebook während der Corona-Pandemie – Ruhe. «Ich weiss nicht mal, ob er noch lebt. Er hatte ein Alkoholproblem.» Angst habe sie heute keine mehr.
Später in ihrer Karriere habe sie sich stets gewehrt, wenn sich ein Mann unangemessen verhalten habe. «Wichtig ist, es anzusprechen – und die Grenze klarzumachen.» Nicht zu schweigen, rät sie auch jenen, die den Verdacht haben, jemand im eigenen Umfeld sei Opfer von Gewalt. «Opfer müssen spüren, dass wir Gewalt nicht akzeptieren, dass es Hilfe gibt.»
Wie und wo erhalten Gewaltbetroffene Hilfe?
Nicht nur ein Migrationsproblem
Bally hat sich dem Kampf gegen häusliche Gewalt verschrieben. Sie hat mitgeholfen, dass Stalking heute als Straftat im Gesetz steht. Sie setzt sich für das neue Opferhilfegesetz ein, welches etwa den Zugang zu Plätzen in Frauenhäusern verbessert hat. Zudem weibelt sie für ein Rahmengesetz zur häuslichen und sexualisierten Gewalt nach spanischem Vorbild. «Bei uns haben wir einen Flickenteppich. Dort wird schon bei leichter häuslicher Gewalt ein Täterprofil angelegt.» Das Land hat es geschafft, die Femizide zu reduzieren. In der Schweiz sind die Zahlen gestiegen. «Dass es Massnahmen braucht, die kosten, ist durch die neusten tragischen Fälle hoffentlich bei allen angekommen. Auch Gewalt kostet.»
Damit spricht Bally die mutmassliche Straftat des ehemaligen Aargauer Politikers Patrick Frei an. Dieser soll eine Minderjährige, ihre Mutter sowie eine dritte Frau betäubt und sexuell misshandelt haben. Bally sass zwei Jahre mit ihm im Grossen Rat. «Ich war tief erschüttert.» Der Fall zeige, dass man sowohl häusliche wie auch sexuelle Gewalt nicht auf ein Migrationsproblem reduzieren kann.
Bevor sich das Parlament in der Herbstsession mit Vorstössen zum Thema Gewaltprävention auseinandersetzt, tankt Bally nochmals Kraft auf dem Pferdehof. Ihren eigenen Ponyhengst musste sie vor zwei Jahren «über die Regenbogenbrücke ziehen lassen.» Für ein neues Tier fehle ihr die Zeit. Ihr Einsatz bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt hat Vorrang.
Hinweis: Dies ist ein Artikel der «Schweizer Illustrierten».




