Die Hitze drückt an diesem heissen Sommertag in Miège VS. Trotzdem trägt Agata einen Kapuzenpullover mit langen Ärmeln, die bis zur Mitte ihrer Hände reichen. Ununterbrochen kratzt sich die 16-Jährige an den Armen. Nach zahlreichen Hauttransplantationen regeneriert sich ihre Haut, verursacht aber ein ständiges Jucken. Agata Strzelczak gehört zu den 115 Verletzten der Feuersbrunst im «Constellation» in Crans-Montana, die in der Nacht auf den 1. Januar ausbrach. Und 41 Todesopfer forderte.

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An jenem Abend hatte sie gar nicht vor, in die Bar zu gehen, in der sie zuvor nie gewesen war. «Es war spät und ich wollte nach Hause», erinnert sie sich. Doch ihr Freund überredete sie, sich zwei Bekannten anzuschliessen, die im Untergeschoss des Lokals einen Tisch reserviert hatten. Bei ihrer Ankunft war die Party in vollem Gange. «Ich erinnere mich, dass ich den Umzug und die Sprühfontänen auf den Champagnerflaschen gesehen habe.»

Urplötzlich bricht Feuer aus, ihr Freund packt sie am Arm und zieht sie zum Ausgang. «Es ging viel zu schnell, ich habe erst gar nicht realisiert, was los war.» Als sie den Verandabereich im Erdgeschoss erreichen, trifft sie der Flashover, die plötzliche explosionsartige Ausbreitung des Feuers. Der Body aus Kunstfaser, den sie trägt, schmilzt und reisst die darunterliegende Haut einfach weg. Ihre Beine bleiben dank der Jogginghose, die sie sich von ihrem Vater ausgeliehen hat, wie durch ein Wunder verschont. Aber Arme, Hände und Gesicht werden von der Hitze und vom Feuer angegriffen.

Portrait d’ Agata Strzelczak réalisé chez elle à Miège. Cette jeune fille de 16 ans à survécu à l’incendie du bar le constellation survenu à Crans Montana le 1er janvier 2026. Son corps à été brulé à 65%, six mois après, elle témoi…

Nach monatelanger Isolation im Spital bedeutet das eigene Bett den ersten Schritt Richtung Selbstständigkeit.

Quelle: Louis Dasselborne

Agata erleidet Verbrennungen an 65 Prozent des Körpers. «Ich war bereit, dort zu sterben», erinnert sie sich. «Wenn mein Freund nicht alle beiseite geschubst und weggedrängt hätte, damit wir rauskommen konnten, wäre ich im Keller geblieben.» Sie und ihr Freund sitzen danach auf dem Boden in einem Schneerest vor der Bar.

«Ich glaube, ich habe eineinhalb Stunden lang vor Schmerzen geschrien und die Rettungskräfte angefleht, mich einzuschläfern. Ich erinnere mich, dass ab und zu jemand zu mir kam, um mir zu sagen, dass sie das nicht tun könnten, und dann wieder ging.» Ihr Freund hat Verbrennungen im Gesicht erlitten, ein Arzt wollte ihm Morphin verabreichen. «Aber er überliess die Spritze mir, weil er sah, dass ich stärkere Schmerzen hatte.» Schliesslich wurde Agata gegen 5.20 Uhr mit dem Krankenwagen ins Spital von Sitten und danach ins Unispital Lausanne gebracht.

Ihre Mutter Aleksandra kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn Agata von der traumatischen Nacht erzählt. Sie selber hatte am Morgen nach dem Drama nach vielen Telefonanrufen erfahren, wo ihre Tochter liegt. Im Spital angekommen, «lief ich hin und her und weinte». Bevor sie das Zimmer ihrer Tochter betreten konnten, teilten die Ärzte ihr und ihrem Mann mit, dass Agata im Koma liege. «Im Nachhinein wurde mir bewusst, wie viel Glück wir hatten», so Aleksandra. «Wir wussten, dass sie lebte, wo sie war und in welchem Zustand sie sich befand.»

Portrait d’ Agata Strzelczak réalisé chez elle à Miège. Cette jeune fille de 16 ans à survécu à l’incendie du bar le constellation survenu à Crans Montana le 1er janvier 2026. Son corps à été brulé à 65%, six mois après, elle témoi…

Aleksandra, Agatas Mutter, fragte sich: «Warum meine Tochter?».

Quelle: Louis Dasselborne

Fast vier Monate liegt Agata im Spital, davon einen Monat und fünf Tage im Koma. Danach wird sie für weitere zwei Monate ins Suva-Rehabilitationszentrum in Sitten verlegt. Eine Zeit der Isolation, die ihr nicht leichtfällt. «Ich habe mich sehr verlassen und von der Welt abgeschnitten gefühlt.» Seit dem 26. Juni ist sie nun wieder zu Hause.

Der Körper, der ein anderer ist

Auf die heikle Frage nach ihrem neuen Körperbild antwortet die 16-Jährige ohne Umschweife: «Ich habe mich damit abgefunden.» Oder fast. Das Rasieren der Haare aus hygienischen Gründen war für sie ein Schock. «Das macht mir immer noch zu schaffen», sagt sie und verzieht das Gesicht. «Sie sind zwar ein bisschen nachgewachsen, aber sie sind stumpf.» Erstmals in den Spiegel geschaut hat sie zweieinhalb Monate nach dem Unfall. Davor konnte sie sich nicht bewegen: Es war unmöglich, die Arme zu beugen oder die Beine zu kreuzen. «Als ich sie zum ersten Mal meine Arme sah, waren da grosse, tiefe Löcher.»

Für die Transplantationen wurde Fischhaut – Platten, die wie Pflaster aussehen und die Regeneration fördern sollen – verwendet. Aber auch klassische Transplantate von den Beinen zur Abdeckung des Rückens und der Hände. Mutter Aleksandra erinnert sich an die Worte des Arztes: «Ich weiss, dass es im Moment nicht schön aussieht. Aber wenn alles gutgeht, werden ihre Narben fast nicht mehr sichtbar sein.»

Portrait d’ Agata Strzelczak réalisé chez elle à Miège. Cette jeune fille de 16 ans à survécu à l’incendie du bar le constellation survenu à Crans Montana le 1er janvier 2026. Son corps à été brulé à 65%, six mois après, elle témoi…

Sie spricht über ihre Genesung online – und muss sich dafür rechtfertigen, am Leben zu sein.

Quelle: Louis Dasselborne

Agata hat begonnen, in den sozialen Netzwerken von ihrem Weg zu erzählen. Sie erhält unterstützende Nachrichten, aber auch Vorwürfe, warum sie im «Constellation» gewesen sei. «Da einige von uns minderjährig sind, ist es, als hätten wir es verdient, in dieser Bar verletzt zu werden oder zu sterben. Nichts kann solche Kommentare rechtfertigen», ereifert sich Agata.

Wenn es um die Besitzer der Bar, das Ehepaar Moretti, geht, reagiert Mutter Aleksandra mit Empörung: «Ich bin wahnsinnig wütend auf sie. Sie sind beide schuldig! Sie haben die Notausgänge versperrt, sie haben Geld über die Sicherheit ihrer Gäste gestellt.» Sie hofft, ihnen nie begegnen zu müssen. «Falls ich aufgrund des Verfahrens keine andere Wahl habe, habe ich unserem Anwalt gesagt, dass ich vorher informiert werden muss, weil ich nicht weiss, wie ich reagieren werde, wenn ich sie sehe.» Was den Begriff der Wiedergutmachung angeht, ist ihre Antwort unmissverständlich. «Es kann keine Gerechtigkeit für das geben, was passiert ist. Nichts wird den Opfern das Leben zurückgeben oder den Verletzten ihre Gesundheit. Es gibt keinen Preis, den sie zahlen könnten, um das wiedergutzumachen.» Agata hingegen sagt: Ja, sie würde gerne mit den Morettis sprechen.

Therapien und baldiger Schulbeginn

Der Alltag der jungen Frau ist nach wie vor von Behandlungen geprägt: Pflege, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie. Zwei Jahre lang darf sie sich unter keinen Umständen der Sonneneinstrahlung aussetzen, da dies das Krebsrisiko drastisch erhöhen und die Regeneration ihrer Haut beeinträchtigen würde. Da die Thermorezeptoren der Haut stark geschädigt oder sogar zerstört wurden, fällt es ihrem Körper schwer, die Temperatur zu regulieren. Agata schwitzt enorm – die Hitzewelle dieses Sommers trägt das Ihre dazu bei, Strand und Schwimmbad kommen nicht in Frage. Für das nächste Jahr plant die Familie einen Aufenthalt in Norwegen – ein Plan für etwas Normalität, auf die sie sich alle freuen können.

Erst mal wird Agata nach mehr als einem halben Jahr wieder zur Schule gehen, sie belegt einen berufsvorbereitenden Lehrgang. Ein lang ersehnter und zugleich gefürchteter Schulbeginn. «Ich mag keine Menschenmengen und auch keinen Lärm, weil mich das erschöpft», erklärt sie. Die lange Bettruhe hat Spuren hinterlassen, und der Ablauf eines klassischen Schultages von acht bis sechzehn Uhr wird ihr anfangs wahrscheinlich etwas zu lang sein. Ein Termin bei der IV soll es ermöglichen, ihren Lehrplan an ihre Therapien anzupassen, die sie nicht unterbrechen darf.

Portrait d’ Agata Strzelczak réalisé chez elle à Miège. Cette jeune fille de 16 ans à survécu à l’incendie du bar le constellation survenu à Crans Montana le 1er janvier 2026. Son corps à été brulé à 65%, six mois après, elle témoi…

Ihre Leidenschaft für Kosmetik möchte Agata nun zu ihrem Beruf machen.

Quelle: Louis Dasselborne

Agatas Berufsziel ist ein Abschluss in Kosmetik, danach möchte sie als Nageldesignerin arbeiten. Das ist eine Herausforderung, da Lehrstellen bei zertifizierten Ausbilderinnen in der Region rar sind. Ihre Mutter hat sich in den letzten Monaten voll auf die Pflege ihrer Tochter konzentriert. Sie war 2014 mit einem Master in Verwaltungswissenschaften aus Polen ins Wallis gekommen und hatte seitdem verschiedene Jobs. Seit dem Brand ist sie arbeitsunfähig, will aber bald wieder einen Job finden.

Die Zukunft zeichnet sich langsam ab, ist aber noch ungewiss. «Wir wissen nicht, wie sich die Dinge weiterentwickeln», gesteht Aleksandra. Und Agata sagt: «Ein Teil von mir blieb zurück. Aber ich bin ein crazy Girl, ich werde alles machen, was ich mir vorgenommen habe.»

Hinweis: Dies ist ein Artikel der «Schweizer Illustrierten».

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