Aufgezeichnet von Peter Aeschlimann:

Das Wetter ist manchmal unberechenbar. Ich hatte gerade Feierabend gemacht, und am Himmel über meinem Wohnort Mauss BE hingen ein paar Wolken. Es sah nach Regen aus. Doch dann hellte es wieder auf, und ich stellte mich auf einen ruhigen Abend ein.

Kurz darauf klingelte das Natel: Der Hang zwischen Gümmenen und Laupen war gekommen. Nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt hagelte es. Es liess dermassen runter, dass die Körner eine zentimeterdicke, weisse Schicht bildeten. Das Wasser konnte nicht abfliessen, es drückte durch die Gullydeckel.

Ich liess alles stehen und liegen und rückte ein. Die Erdmassen hatten einen Teil der Strasse verschüttet, die Autos stauten sich. Ich musste schauen, wie ich mit dem Tanklöschfahrzeug nach vorn zum Schadensplatz komme.

Die erste Phase

Die ersten Minuten nach einem Ereignis nennen wir Chaosphase. Wir müssen uns einen Überblick verschaffen und dann priorisieren: Wo helfen wir zuerst? Das ist sehr anspruchsvoll, gerade wenn es so viele Ereignisse aufs Mal gibt wie in den letzten Wochen. Da vor Ort bereits eine Truppe am Werk war, fuhren wir weiter nach Kriechenwil, wo zahlreiche Keller unter Wasser standen.

«Schon als Kind faszinierten mich die ­roten Autos. So ist es immer noch. Männer werden nie erwachsen, ihre Spielzeuge werden bloss grösser.»

Björn Häfliger, Tanklöschfahrzeugfahrer

Alte Häuser haben keine Betonplatten im Keller. Da drückt das Wasser von unten. Oder es dringt durch Schächte und Fenster ein. Wir pumpen dann das Gröbste raus, den Rest erledigen wir mit dem Sauger. Nach 10 bis 20 Minuten ist ein Keller einigermassen trocken – und wir fahren zum nächsten Schaden.

Jeder Einsatz ist anders. Oft spielen sich regelrechte Dramen ab. Kürzlich wurden wir alarmiert, weil ein paar Schafe von den Wassermassen eingeschlossen waren. Die Tiere suchten in einem zum Unterstand umfunktionierten Wohnwagen Schutz vor dem Regen.

Als sie die Schleusen beim Wasserkraftwerk Schiffenen öffneten, stieg der Pegel der Saane an, das Gebiet wurde überschwemmt. Unserer Regionalwache fehlt die Ausrüstung, um aufs Wasser zu gehen. Also mobilisierte Bern die Sanitätspolizei. Mit deren Boot konnten wir die fünf Schafe und zwei Lämmer schliesslich aus ihrer misslichen Lage befreien.

Feuerwehr rettet von den Wassermassen eingeschlossene Schafe
Quelle: Berufsfeuerwehr Bern

Alles weg

Vor ein paar Jahren hatten wir einen Vollbrand drüben in Rizenbach. Da ging bei einem Bauernhaus das Dach auf. Die Geschwindigkeit, mit der die Flammen ihr Zerstörungswerk vorantreiben, ist eindrücklich. Der Wasserdruck in den Hydranten war zu gering, um wirklich etwas gegen das Feuer ausrichten zu können. In diesen Bauernhäusern gibt es viele Spinnennetze und viel Staub. Beides wirkt als Brandbeschleuniger. Solche Momente gehen tief. Von einem Moment auf den anderen ist alles weg. Dem Besitzer des Hauses blieben nur die Kleider, die er gerade trug.

Ich bin seit 2005 bei der freiwilligen Feuerwehr. Schon als Kind faszinierten mich die roten Autos. So ist es immer noch. Männer werden nie erwachsen, ihre Spielzeuge werden bloss grösser. Ich mag alles, was einen Motor hat und Lärm macht. Das Tanklöschfahrzeug, das ich lenke, ist ja eigentlich ein Werkzeugkasten auf vier Rädern.

Wenn der Alarm kommt, denkt man anders. Der Puls geht hoch. Aber natürlich kann man nicht einfach Sirene und Blaulicht einschalten, den Grind zum Fenster rausstrecken und Vollgas geben. Einmal tief durchatmen hilft: Wir sind schliesslich dazu da, Leben zu retten.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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