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Forderung der JusoSoll Weihnachten kein staatlicher Feiertag mehr sein?

Wer Weihnachten feiern will, soll dafür einen Ferientag beziehen. Das fordern die Jungsozialisten. Eine gute Idee?

Blaise Fasel und Nadia Kuhn: Er hält religiöse Minderheiten für ausreichend respektiert, sie empfindet den gesetzlichen Weihnachtsfeiertag als ungerechnet.
von aktualisiert am 28. November 2018

Beobachter: Nadia Kuhn, die Juso wollen Weihnachten abschaffen – wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Nadia Kuhn: Mir liegt es fern, jemandem vorschreiben zu wollen, was für eine Religion er hat oder was er feiern möchte. Unsere Forderung ist im Zusammenhang einer Diskussion über Staat und Religion entstanden. Mit unserem Vorschlag wollten wir aufzeigen, dass religiöse Feiertage, die staatlich festgelegt sind, ein Relikt aus der Zeit sind, als Kirche und Staat eng verflochten waren. Das führt dazu, dass es Religionsgruppen gibt, die einen Ferientag opfern müssen, um ein religiöses Fest zu feiern, während Christen das nicht müssen. Das halten wir für unfair, das stört uns.

Was wäre die Lösung?
Kuhn: Wir wünschen uns säkulare Feiertage – einen Tag der Demokratie zum Beispiel, oder einen Tag der Menschenrechte. Ausserdem möchten wir eine Art Dispensmöglichkeit, sodass zum Beispiel Buddhisten an einem ihrer Feiertage freibekommen.
Blaise Fasel: Ich war sehr erstaunt, als ich von dem Vorschlag hörte. Als jungen Menschen hat mich Weihnachten immer sehr berührt. Das ist das Fest der Liebe. In der Adventszeit kann man in unserer hektischen Gesellschaft einen Gang herunterschalten. Und plötzlich steht alles still. Dann ist Weihnachten. Weihnachten führt mir vor Augen, was mir im Leben wichtig ist: Familie, Freunde, Werte. Deshalb bin ich gegen die Abschaffung dieses Festes.

Wie wichtig war Ihnen Weihnachten, als Sie ein Mädchen waren, Frau Kuhn?
Kuhn: Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen, habe Weihnachten sehr gemocht und finde es noch heute ein angenehmes Fest. Meine Partei findet auch nicht, dass man Weihnachten nicht feiern Weihnachten Tipps gegen die Festtags-Verstimmung sollte. Wir sind bloss dagegen, dass es ein staatlicher Feiertag ist.

Würden Sie einen Ferientag beziehen, um Weihnachten zu feiern?
Kuhn (lacht): Vermutlich würden mich meine Eltern dazu zwingen.

Würden Sie den Ferientag opfern, Herr Fasel?
Fasel: Ja, denn mir persönlich ist Weihnachten wichtig. Aber ich bin sehr froh, dass es ein offizieller Feiertag ist. Frei zu haben an einem Feiertag ist eine Errungenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, die wir der Arbeiterbewegung zu verdanken haben. Eigentlich müsste Weihnachten ja auch den Juso sehr gefallen: Die Geschichte hinter dem Fest ist total skandalös. Gott kommt zu den Menschen in Form eines Flüchtlingskindes, das in einem Stall geboren wird. Die Ersten, die Jesus sehen, sind die Hirten, nicht etwa die Reichen und Mächtigen. Diese enorme Symbolkraft müsste gerade den ungläubigen Juso gefallen.
Kuhn: Natürlich sind die gesetzlichen Feiertage eine Errungenschaft. Wir sagen ja auch nicht, wir wollen keine. Wir wollen einfach andere Werte ins Zentrum stellen, nicht automatisch die des Christentums. Die Menschenrechte zum Beispiel, auf denen unsere Demokratie aufbaut.

Die Menschenrechte sind eine Errungenschaft der Aufklärung. Nicht alle Religionsgruppen, die in der Schweiz leben, haben eine Aufklärung durchgemacht. Welche Instanz würde denn diese Feiertage so festlegen, dass niemand diskriminiert wird?
Kuhn: Ich bin aus tiefster Seele Demokratin und stelle mir vor, dass die Bevölkerung das entscheiden müsste. Ich schätze, dass dann eine Mehrheit für die christlichen Feiertage votieren würde, zumindest in der momentanen gesellschaftlichen Lage. Das wäre für mich auch völlig in Ordnung.

«Ich komme aus einer religiösen Familie und finde Weihnachten noch heute ein angenehmes Fest.»

Nadia Kuhn von der Juso
Nadia Kuhn, Co-Präsidentin der Juso Kanton Zürich.
Quelle: Fabian Hugo

Die Dispensmöglichkeit, die die Juso fordern, würde Schulen und Hochschulen vor Probleme stellen: Heute fehlen die Buddhisten, morgen die Juden, beim Ramadan die Muslime …
Fasel: Das glaube ich auch. Ich finde, es ist nicht weiter tragisch, dass sich die Feiertage gewisser Religionen in der Schweizer Feiertagsagenda noch nicht durchgesetzt haben. Vermutlich passiert das mit der Zeit ganz von selbst, so wie ja auch andere Feiertage im Lauf der Geschichte dazugekommen sind. Den 1. Mai etwa gibt es noch nicht so lang wie Weihnachten. Dafür sind einige christliche Termine in bestimmten Schweizer Kantonen heute keine Feiertage mehr.

Ist die christliche Leitkultur also bereits am Verschwinden Religion Ist Gott ein Auslaufmodell? ?
Fasel: Wir sollten als Demokratie Minoritäten zwar respektieren, uns ihnen aber nicht in allem anpassen. Christen sind nun mal noch die Mehrheit in der Schweiz, Muslime stellen fünf Prozent Verschwörungstheorien Wir müssen reden... , Buddhisten noch weniger. Religionsfreiheit ist in unserem Staat garantiert, und so muss es auch sein. Aber gewisse, hier stark verwurzelte Religionsgemeinschaften wie das Christentum übernehmen Aufgaben, die über die Feiertagsbewirtschaftung hinausgehen: Christliche Organisationen kümmern sich um Arme und Randständige, um Verstorbene und Hinterbliebene. Deshalb haben sie auch einen besonderen Stellenwert.
Kuhn: Unsere Kultur hat aber auch noch andere Einflüsse. So ist zum Beispiel unser Zahlensystem arabisch. Mir ist klar, dass das Christentum historisch verwurzelt ist und eine grosse Mehrheit hat. Trotzdem ist es eine Ungleichbehandlung, die in einem säkularen Staat nicht in Ordnung ist. Die Gesellschaft ist im Wandel, und dem müssen auch die Feiertage Rechnung tragen.

Was passiert dann mit einem Fest wie Ostern, das zwar christlich gefeiert wird, in seiner Genesis aber starke heidnische Elemente hat? Müsste das auch abgeschafft werden?
Kuhn: Wir haben in unserem Positionspapier, das im März erschienen ist, alle christlichen Feiertage eingeschlossen. Also Weihnachten, Ostern, Pfingsten Quiz Warum feiern wir Auffahrt? . Wir würden sie alle gerne ersetzt haben. Allerdings muss man schon sagen, dass unsere Forderung bewusst provokativ formuliert ist, um die Diskussion auf den Tisch zu bringen.
Fasel: Unsere Werte, über die sich Frau Kuhn und ich sicher weitgehend einig sind, stützen sich heute auf das Fundament der christlichen und jüdischen Traditionen. Sie sind etwas Gutes, wir profitieren davon. Deshalb müssen wir sie weitergeben. Das stellen wir sicher, indem wir sie institutionalisieren. Wir müssen unseren Wurzeln Sorge tragen, gerade in Zeiten von grassierendem Fremdenhass. Wer genau weiss, wo er herkommt, braucht sich vor Fremden nicht zu fürchten.

«Die skandalöse Geschichte hinter dem Fest müsste den ungläubigen Juso eigentlich gefallen.»

Blaise Fasel von der Jungen CVP
Blaise Fasel, Junge CVP und Vizepräsident des Freiburger Stadtparlaments.
Quelle: Fabian Hugo

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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