Amine Diare Conde, Sie sagten vor ein paar Jahren, dass Sie der erste schwarze Bundesrat werden möchten. Steht dieser Plan weiterhin?
Ja, ich habe gelernt, dass man gross träumen und Visionen haben darf. Ich möchte diejenigen vertreten, die in der Schweiz keine Stimme haben. Geflüchtete sollen nicht länger als Arme, Unwissende und Unzivilisierte wahrgenommen werden. Dafür müssen wir mit am Tisch sitzen, an dem entschieden wird. Ich möchte mich aber nicht nur für Arme und Migrierte einsetzen, sondern auch etwas für die Schweiz machen.

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Zur Person

Was zum Beispiel?
Wenn es um soziale Fragen geht, kenne ich mich aus. In Guinea, wo ich geboren wurde, gibt es viel Gutes – besonders was das Zusammenleben in der Gesellschaft betrifft. Dinge, die hierzulande oft fehlen, finde ich. In der Schweiz sind die Leute oft sehr allein.

Sie beraten schon jetzt jede Woche bei der Essenausgabe «Essen für alle» etliche Migranten in ihrem Prozess in der Schweiz: beim Umgang mit den Behörden, bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Woher nehmen Sie die ganze Energie?
Ich war immer froh um die Leute, die mir halfen. Und mit KI wird meine Beratung immer einfacher und professioneller. Es ist genial, wie die künstliche Intelligenz Migranten helfen kann, ihre Rechte und die Behördensprache zu verstehen. Wer versteht schon «Vollzugshindernisse», «Ermessensentscheid» oder «Rayonverbot»?

Sie waren selbst lange Jahre Sans-Papiers. Erst 2021 erhielten Sie eine Aufenthaltsbewilligung. Ihr Antrag auf eine Niederlassungsbewilligung wurde zuletzt aber abgelehnt. 
Ich war schockiert. Ich bin seit 13 Jahren in der Schweiz, spreche fliessend Deutsch, habe meine Lehre mit Bestnoten abgeschlossen, habe einen festen Job und engagiere mich seit Jahren ehrenamtlich. 

Beratung mit Chatbot

Wie begründen die Behörden die Absage?
Sie berufen sich auf ein Verkehrsdelikt, bei dem ich aus Versehen auf eine Baustelle gefahren bin. Das war vor drei Jahren. Damals habe ich meinen Fahrausweis verloren. Ausserdem wurde ich mit 18 in ein Drogendelikt reingezogen. Ich übergab ein Paket Drogen der Polizei. Das war dumm. 

Wie kam es dazu? 
Ich war unter Druck von einem Bekannten. Für diese Tat habe ich aber gesühnt. Für die Behörden gibt es jedoch keine Wiedergutmachung. Sie argumentieren zudem, ich sei erst seit fünf Jahren legal in der Schweiz. Also habe ich noch kein Anrecht auf eine permanente Bewilligung. Für die negativen Sachen, die länger als fünf Jahre zurückliegen, werde ich aber weiter bestraft. Für die Behörden bin ich nicht bünzlig genug. 

Haben Sie Rekurs eingelegt?
Ich kann mir im Moment keinen Anwalt leisten, der den Entscheid anficht. Eigentlich muss man zehn Jahre hier leben, bevor man den Schweizer Pass beantragen kann. Man sagte mir, in meinem Fall könnten es mindestens 17 Jahre sein. Denn es werde ab dem Tag gerechnet, als mein Aufenthalt offiziell bewilligt wurde. Menschen aus Europa, den USA oder Kanada können sich automatisch nach fünf Jahren für die C-Bewilligung bewerben. Das ist unfair und einer der Gründe, warum ich Recht studieren möchte. Damit ich die Gesetze genau studieren und mich für mehr Gerechtigkeit im Rechtssystem einsetzen kann.

Ihre Geschichte erscheint in einem Buch. Warum hatten Sie das Bedürfnis, nach einem Film auch noch in Buchform zu erscheinen?
Manche Dinge kamen im Film zu kurz. Das Buch erzählt meine ganze Geschichte von meiner Kindheit in Guinea, meiner Reise in die Schweiz, meinen Ängsten, meinen Träumen und meinem Willen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich möchte zeigen, dass man trotz grossen Hürden seine Träume nicht aufgeben muss. Heute habe ich meine Ausbildung als Hochbauzeichner abgeschlossen, arbeite in einem Architekturbüro und engagiere mich als Präsident von «Essen für alle» für rund 2000 Familien pro Woche. Zusätzlich engagiere ich mich ehrenamtlich auf kantonaler und nationaler Ebene. Wenn meine Geschichte einen Menschen ermutigt, grösser zu träumen und nicht aufzugeben, hat sich das Buch gelohnt.

Quelle
Zum Buch

Amine Diare Conde, Katharina Morello:
«Amine. Einer für alle, Essen für alle»;
Broschur, 224 Seiten, Fr. 29.–, ISBN 978-3-03926-116-1
Erscheint am 15. Oktober 2026