«Armut ist kein Verbrechen»
Amine Diare Conde weiss, was Armut ist. Nun sitzt der «Essen für alle»-Gründer und frühere Prix-Courage-Kandidat im Rat für Armutsfragen. Den Fokus will er auf Kinder und Menschen mit Migrationsgeschichte legen.

Veröffentlicht am 12. April 2026 - 15:28 Uhr

«Wenn du in der Schweiz deine Armut zeigst, heisst es schnell, dass du selber schuld bist»: Amine Diare Conde
Die Premiere steht kurz bevor: Am 22. April tagt der Rat für Armutsfragen zum ersten Mal. Damit nimmt ein neues Element der Schweizer Armutspolitik offiziell seine Arbeit auf. Ziel dieses Mitwirkungsmodells ist es, den Dialog zwischen Betroffenen und Entscheidungsträgern zu fördern. Personen mit Armutserfahrung sollen vermehrt ihre Sicht auf Prävention und Bekämpfung von Armut einbringen können. Die rund 700’000 Menschen im Land, die laut Bundesamt für Statistik als arm gelten, bekommen eine Stimme.
Über 80 Personen haben sich für die Mitwirkung im Rat beworben, deren zwölf wurden kürzlich als beschlussfähige Mitglieder gewählt. Einer von ihnen ist der 27-jährige Amine Diare Conde aus Zürich. Er hat die Gratis-Essensausgabe «Essen für alle» aufgebaut und war 2020 Kandidat für den Prix Courage des Beobachters. Wir unterhielten uns mit ihm über sein neustes Engagement.
Beobachter: Herr Conde, was hat Sie dazu bewogen, im neuen Armutsrat mitzuwirken?
Amine Diare Conde: Zwei Faktoren haben mitgespielt. Einerseits habe ich Armut am eigenen Leib erfahren. Nach meiner Ankunft in der Schweiz musste ich eine Zeit lang mit Nothilfe auskommen. Diese Situation ist eigentlich unmenschlich. Man kann daran kaputtgehen – innerlich und äusserlich.
Zur Person
Der zweite Faktor?
Bei unserem Hilfsprojekt «Essen für alle» erlebe ich die heutige Realität von Armut sehr direkt. Wir machen dort auch Beratungen und spüren, was arme Menschen beschäftigt. Dass sie etwa keine Sozialhilfe beanspruchen aus Angst, ihren Aufenthaltsstatus zu gefährden. Oder weil sie sich schämen für ihre Lage. Das alles sind Erfahrungen, die ich weitergeben möchte. Ohne Filter.
Genau das ist die Idee dieses Rats, er soll die Optik von Betroffenen einbringen. Warum ist das wichtig?
Weil er eine Sichtweise einbringt, die bisher fehlt. Heute wird die Armutspolitik in der Schweiz weitgehend den Experten überlassen. Doch auch wenn jemand bis in den Himmel studiert: Wer selbst nie von Armut betroffen war, kann zu wenig einschätzen, was das bedeutet. Dafür muss man Armut erlebt haben. Ich bin überzeugt: Wenn wir das Wissen der Fachleute kombinieren mit den Erfahrungen von Betroffenen, gibt es bessere Lösungen.
«Wer selbst nie von Armut betroffen war, kann zu wenig einschätzen, was das bedeutet.»
Amine Diare Conde, Mitglied im Rat für Armutsfragen
Als Auftrag an den Rat wurde formuliert, «innovative Impulse» zu setzen. Welcher Impuls ist für Sie am dringendsten nötig?
Ob sie innovativ sein müssen, weiss ich nicht. Wichtig ist ja, dass sie wirksam sind. Ich persönlich möchte einen Fokus auf die Situation von Kindern aus armen Familien setzen. Sie brauchen unsere Unterstützung besonders, weil sie sonst ein Leben lang benachteiligt bleiben. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Migration. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, wie schwierig es für Asylsuchende ist, zu ihren Rechten zu kommen.
In der reichen Schweiz arm zu sein ...
... ich finde es immer lustig, diesen Satz zu hören. Andererseits macht er mich auch traurig. Natürlich haben wir hier insgesamt viel Wohlstand. Aber wir arbeiten auch wie Maschinen! Und es geht oft vergessen, dass es viele Leute gibt, die trotzdem die enormen Fixkosten nicht bezahlen können. Die hören dann: Du musst halt noch mehr arbeiten! Du musst dir einen anderen Job suchen! Du musst, du musst, du musst! Als ob es so einfach wäre. Viele werden unter diesem Druck krank und rutschen in die Armut ab. Das ist ein Teufelskreis.
Kommt daher auch das Gefühl von Scham, das Armut oft begleitet?
Das glaube ich, ja. Wenn du in der Schweiz deine Armut zeigst, heisst es schnell, dass du selber schuld bist. Aber Armut ist kein Verbrechen. Ich hoffe, der neue Rat für Armutsfragen kann hier sensibilisieren.
- Bundesamt für Sozialversicherungen, Medienmitteilung: Der Rat für Armutsfragen in der Schweiz nimmt Form an
- Nationale Plattform gegen Armut: Konzepte zur Pilotphase




