«Ich habe Dinge gesehen, die mich bis ans Lebensende verfolgen»
Seit zehn Jahren sucht Fabio Zgraggen über dem Mittelmeer nach geflüchteten Menschen in Seenot. Warum fliegt der Appenzeller weiter, obwohl ihn das Erlebte nicht mehr loslässt? Wir haben ihn begleitet.
Veröffentlicht am 22. September 2026 - 05:00 Uhr

Fabio Zgraggen vor der Albatross auf Lampedusa. Bei ihren Einsätzen kann die Crew bis zu acht Stunden am Stück in der Luft bleiben.
Gais liegt zwischen grünen Hügeln und Appenzeller Bergen. Verstreute Häuser, Ruhe. Hier packt Fabio Zgraggen, 42, für eine Woche Lampedusa. Zgraggen ist Pilot und hat mit Sam Schlaberg die Flugschule Freewings gegründet, mit der er sein Geld verdient. Gemeinsam haben sie 2015 die Humanitarian Pilots Initiative, kurz HPI, ins Leben gerufen. Seither sucht Zgraggen über dem Mittelmeer nach Booten in Seenot. Die Crews melden deren Position an Rettungsleitstellen und Schiffe in der Nähe und dokumentieren, was auf See geschieht.
Fotos seiner Familie will Zgraggen nicht. Er möchte sie schützen, weil er wegen seiner Arbeit immer wieder als «Helfer der Schlepper» beschimpft wird. «Was wir dort tun, ist nichts Illegales», sagt er. «Menschen in Seenot zu helfen, ist eine Pflicht.» Mitreisen tun die Bilder der vergangenen Jahre. Verschwundene Boote. Leblose Körper im offenen Meer. «Ich habe Dinge gesehen, die ich niemandem wünsche, die mich bis an mein Lebensende begleiten.»

Vor dem nächsten Einsatz auf Lampedusa packt Fabio Zgraggen bei sich zu Hause in Gais seine Ausrüstung.
Mai 2026, Lampedusa. Zgraggen sitzt vorne links im Cockpit der Albatross. HPI betreibt die Mission gemeinsam mit der zivilen Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée. Unter ihnen breitet sich das Mittelmeer aus. Blau. Blau. Blau. Aus der Luft ist das Meer keine Landschaft mehr. Kein Horizont. Kein Massstab. Nur Wasser. Und irgendwo darin Boote.
Die zentrale Mittelmeerroute gehört zu den tödlichsten Fluchtrouten der Welt. Von 2016 bis 2025 sind hier mindestens 19'655 Menschen gestorben oder verschwunden. Viele überqueren das Meer in überfüllten, nicht seetüchtigen Booten. Wer sie aus der Luft findet, kann ihre Position weitergeben. Gleichzeitig dokumentiert die Crew, ob Hilfe kommt oder ausbleibt.
Das Meer als Blackbox
Als Zgraggen mit seinem Einsatz begann, waren noch mehr staatliche und zivile Schiffe im Einsatz. Heute erschweren Auflagen und Festsetzungen die Arbeit der NGOs. Gleichzeitig hat Europa die libysche Küstenwache ausgebildet und finanziell gestärkt. Laut EU-Kommission flossen von 2014 bis 2020 rund 59 Millionen Euro in den Ausbau ihrer operativen Kapazitäten und der Küstensicherheit. Die Unterstützung läuft bis heute über EU-Programme. «Wenn keine zivilen Augen dort draussen sind, wird das Meer zur Blackbox», sagt Zgraggen.
Jede Minute zählt
Nach mehr als fünf Stunden in der Luft knackt es im Funk. «Mayday relay, it may be a migrant boat – Alarm, es könnte ein Migrantenboot sein.» Die Stimmung im Cockpit verändert sich. Um 12.30 Uhr entdeckt die Crew ein Schlauchboot. Wenig später ein zweites. Das Rettungsschiff «Life Support» ist noch drei Stunden entfernt. Die Crew muss zum Tanken nach Lampedusa. Als sie drei Stunden später zurückkehrt, ist das Meer leer.
Um 17.22 Uhr finden sie eines der Boote wieder. Daneben liegt ein Schiff der libyschen Küstenwache. Menschen werden an Bord gebracht. «Fuck», sagt Zgraggen. Die Fotografin vergleicht ihre Bilder. Kleidung. Farben. Die Positionen der Menschen. Dann ist klar: Es ist dasselbe Boot. Die Menschen werden nach Tripolis zurückgebracht – ohne dass ihre Schutzbedürftigkeit individuell geprüft wird. «Das verstösst gegen internationales Menschenrecht, wenn ihnen am Zielort schwere Menschenrechtsverletzungen drohen», sagt Zraggen. Libyen gilt laut UN-Organisationen nicht als sicherer Ort für Gerettete.

Im Cockpit einer Albatross hält Fabio Zgraggen über dem Mittelmeer Ausschau nach Booten in Seenot. «Ich will nicht tatenlos sein.»
In einiger Distanz liegt ein italienisches Marineschiff. Fulvia Conte von SOS Méditerranée versucht, Kontakt aufzunehmen. Keine Antwort. Die Crew sammelt Koordinaten, Bilder und Funkprotokolle. «Wenn ein Boot kentert und niemand hinsieht, bleibt oft nur eine Zahl. Manchmal nicht mal das.»
Wenn Sterben normal wird
Einen Tag später sitzt Zgraggen oberhalb des Hafens von Lampedusa. Nach den ersten vier Jahren sei er ziemlich ausgebrannt gewesen. Seine eigene Belastung relativiert er aber sofort. Sie sei gar nichts im Vergleich zu dem, was die Menschen auf den Booten erlebten. Dass er im Flugzeug auch schon aus Verzweiflung geschrien habe, erzählt er fast beiläufig. Was ihn nach zehn Jahren noch immer erschreckt, ist, wie sehr sich die Menschen an diese Bilder und Zahlen gewöhnt hätten. Das Sterben sei normal geworden, sagt er.
Im Appenzell wartet ein anderer Alltag. Kunden, Arbeit, die liegen bleibt. Zgraggen fliegt ehrenamtlich, nach einem Einsatz muss er das Versäumte aufholen. Er habe keine Ersparnisse, keine Altersvorsorge. Mittlerweile brauche er finanzielle Sicherheit. Vor allem wegen seiner Familie. Vater zu werden, habe seinen Blick verändert. Sein Sohn ist fünf Jahre alt. Früher sah Zgraggen Kinder auf den Booten. Heute sieht er in ihnen auch sein eigenes. «Vielleicht kann ich deswegen eines Tages nicht mehr weitermachen.»

In der Flugschule Freewings in Gais verdient der Appenzeller seinen Lebensunterhalt.
Schon früh hätten ihm Begegnungen mit einer bosnischen Mitschülerin oder dem Umweltaktivisten Bruno Manser gezeigt, dass Menschen in verschiedenen Wirklichkeiten aufwachsen und dass man gegen Unrecht etwas unternehmen könne. Als Zgraggen 2015 zum ersten Mal nach Lampedusa kam, sei er politisch naiv gewesen. «Ich dachte, wir gehen drei Wochen hier runter und dann wird es schon eine Lösung geben.» Dass er zehn Jahre später noch immer hinfliegt, hätte er nicht erwartet. «Aber diese Naivität hat es gebraucht. Sonst hätte ich das Ganze wohl nie gemacht.»
Nun packt er in Gais erneut seine Sachen. Wieder wird er die Flugschule zurücklassen. Wieder seine Familie. Wieder wird er über dem Meer nach Punkten suchen. Irgendwann, sagt er, möchte er seinem Sohn sagen können, dass er nicht tatenlos war. «Was wir dort draussen an Menschlichkeit verlieren», sagt Zgraggen, «verlieren wir auch hier.»
Hinweis: Dies ist ein Artikel der «Schweizer Illustrierten».




