Das Schuljahr beginnt in der Ukraine am 1. September. Wie vor jedem wichtigen Datum schwappte da eine Welle der Angst hoch: Wird es mehr Angriffe geben? Die Sirenen heulten dann zwar, aber es gab keine besondere Verschärfung an der Front. Trotzdem halten uns solche Dinge auf Trab.

Zuvor hatte man alle Eltern von Schulkindern gebeten, über die bevorzugte Form des Unterrichts abzustimmen – online, offline, gemischt (also Online-Unterricht, Tests und Prüfungen aber in der Schule). Oder dann die Familienform: Der Unterricht wird von Eltern und Kind selbst bestimmt, Prüfungen werden online geschrieben.

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Die meisten Älteren, die im Ausland studieren können, haben die Ukraine verlassen. Die Eltern der Jüngeren, die geblieben sind, stimmten mehrheitlich zunächst für den Online-Unterricht. In den meisten Schulen gibt es zwar inzwischen Schutzräume, aber es ist schwierig, dort zu lernen. Das Internet im Keller funktioniert nicht immer gut genug, und der Schutzraum beherbergt in der Regel mehrere Klassen zugleich.

Lieber Präsenzunterricht

Doch nach einigen Tagen in der Schule fragten viele Eltern, ob es möglich sei, die Kinder physisch zur Schule zu schicken. Denn die Sirenen heulten in den ersten Septembertagen relativ selten – und das Covid-Jahr hat zumindest in der Ukraine gezeigt, dass Online-Unterricht wenig effektiv ist.

Mehrere meiner Freundinnen und Freunde haben ihre Kinder dieses Jahr in die erste Klasse gebracht. Einige gehen in Irpin zur Schule. Früher gab es dort sehr viele Erstklässler, eine der Schulen stellte letztes Jahr mit elf ersten Klassen mit jeweils 30 Kindern einen Rekord auf. Heute sind dort von fast einem Dutzend Schulen nur noch zwei geöffnet, alle anderen wurden während der Besetzung systematisch zerstört und warten auf den Wiederaufbau.

Der Präsident kam, um eine von ihnen zu inspizieren. Er brachte den legendären Bombenschnüffler-Hund Patron mit – und zeigte sich mit Kindern, die grösstenteils im Ausland gewesen waren und zurückkehrten, um in ihrer Heimat die Schule zu besuchen. Dieses Jahr erschienen fast alle Kinder am 1. September in traditionellen bestickten Hemden. Vor dem Krieg waren es vielleicht 10 oder 15 Prozent gewesen, die für diesen feierlichen Tag die ukrainische Tracht wählten.

«Jeden Tag gehen sie in den umliegenden Feldern, Parks und Wäldern auf die Suche nach herrenloser Munition und ­Waffen, um die Räumdienste zu alarmieren.»

Kateryna Potapenko

Die zerstörten Städte am Rande von Kiew haben sich bereits mit Menschen gefüllt. Es sind viel mehr Autos zu sehen als zu Beginn des Sommers. Noch ist alles grün, Blattwerk und Ranken verdecken die zerbombten Gebäude. Bald wird die ganze Zerstörung an die Oberfläche kommen.

Ein Freund von mir kam nach Hostomel zurück, einer Satellitenstadt von Kiew. Dort landeten die ersten russischen Truppen, der Flughafen und das weltweit grösste Frachtflugzeug «Mrija» (Traum) wurden völlig zerstört. Mein Freund hat einen Hund, und so tat er sich mit seinen ebenfalls hundebesitzenden Nachbarn zusammen. Jeden Tag gehen sie in den umliegenden Feldern, Parks und Wäldern auf die Suche nach herrenloser Munition und Waffen, um die Räumdienste zu alarmieren.

Granaten und Einschusslöcher

Spezialteams haben zwar die Aussenbezirke von Kiew Dutzende Male durchkämmt, doch es kommt immer noch zu unangenehmen Zwischenfällen. Letzte Woche fand mein Freund mit seinem Hund eine Granate mitten auf der sandigen Strasse. Wahrscheinlich lag sie unter einer Sandschicht, bis die Autos darüberfuhren und sie an die Oberfläche drückten.

In Kiew gibt es nicht so viele zerstörte oder beschädigte Gebäude wie in einigen anderen Städten, nur etwa 400. In der Strasse neben mir, in einer neuen Wohnsiedlung, sind Spuren von Granaten an den Wänden geblieben. Das Restaurant im ersten Stock, das völlig zerstört wurde, funktioniert jetzt, als wäre nichts geschehen. Aber die Bewohner direkt darüber haben beschlossen, die Spuren an der Wand zu belassen, als Mahnmal. Als ob an den Krieg erinnert werden müsste.

Heimkehr ins Ungewisse

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Kateryna Potapenko kehrt mit ihrer Familie nach Kiew zurück.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Kateryna Potapenko

Kateryna Potapenko, 28, war aus Kiew nach Winterthur geflüchtet und ist jetzt wieder zurückgekehrt. Für den Beobachter erzählt sie in der Serie «Tagebuch einer Flucht» über ihr Leben.

Quelle: private Aufnahme
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