Jeden Montag wartet Kiew nun. Wie immer fängt der Feind am liebsten morgens an, wenn alle zur Schule, zur Arbeit, in den Kindergarten gehen oder einfach nur schlafen. Jedes Mal, wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, kann ich nicht aufhören, zu berechnen, von welchem Abschussplatz aus die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs grösser ist – Weissrussland, die Krim, Transnistrien oder das Kaspische Meer.

Beim ersten Angriff am 10. Oktober wurden mehrere Bildungs- und Kultureinrichtungen von den Druckwellen getroffen – vier Museen, meine Universität, die Philharmonie und die Bibliothek. Ausserdem ein Geschäftszentrum, eine vielbefahrene Kreuzung, eine dekorative Glasbrücke (die den Raketen standhielt, im Gegensatz zu einer anderen berühmten Brücke, die durch Feuer zerstört wurde), ein Spielplatz im Park. Wahrlich «strategische Objekte».

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Im Khanenko-Museum, wo ich vor kurzem eine Opernaufführung besuchte, zerbarsten alle Fenster, die Glasdecke stürzte ein. Der «strategisch wichtige» Asphalt wurde am nächsten Tag repariert, der «strategisch entscheidende» Spielplatz hat einen riesigen Krater, vergleichbar nur mit dem Kloss im Hals, wenn man ihn live sieht.

Hastige Verwechslungen

Die Kiewer sammelten Geld, um die Museen bis zum Ende der Woche reparieren zu können. Das Ziel der Angriffe war das Gebäude, das vor 100 Jahren als Sitzungssaal des ukrainischen Zentralrats diente und jetzt «Haus des Lehrers» genannt wird – hier finden normalerweise wissenschaftliche Konferenzen statt. Danach meldeten die russischen Fernsehsender, das Gebäude des heutigen Parlaments sei beschossen worden. Sie haben nicht einmal gegoogelt.

Genau wie damals, als sie Stepan Bandera, eine politische Figur des frühen 20. Jahrhunderts, zur Zielscheibe Nummer eins erklärten. Er wurde 1959 vom KGB in München ermordet; wenn er noch lebte, wäre er 113 Jahre alt. Die russischen Medien kreieren ununterbrochen Themen für spöttische Internet-Memes.

Am zweiten Montag setzten die Russen iranische Drohnen ein, die sie als Superwaffen deklarierten – und damit Wohngebäude trafen. Die Ukrainer gaben ihnen den Spitznamen «Mopeds», weil sie einen schrecklichen Lärm machen und weithin zu hören sind. Speziell an diesen Drohnen ist, dass sie tief fliegen und die ukrainische Luftabwehr Angst hat, sie abzuschiessen – zu leicht könnten Gebäude getroffen werden. Man kann sie jedoch mit Handfeuerwaffen abschiessen. Es gibt Fotos von Leuten, die versuchen, sie mit Gewehren aus Fenstern ihrer eigenen Häuser zu stoppen.

Im Zweiten Weltkrieg, als die Niederlage Nazideutschlands bereits unausweichlich war, sprachen die faschistischen Propagandisten immer häufiger von der Wunderwaffe, die «zweifellos den Verlauf des Krieges ändern und Deutschland den Sieg bringen wird».

Gemeint war die V 2-Rakete. Zu dieser Zeit war sie wirklich ein Wunder der Technik. Doch wegen ihrer geringen Treffsicherheit setzten die Nazis ihre Wunderwaffe für wahllosen Beschuss Englands und insbesondere Londons ein. Geholfen hat es den Nazis nicht. Das Ende ist bekannt.

Überall sichtbare Spuren des Krieges

Ich habe es endlich geschafft, zu meinen Freunden in die Kiewer Vororte zu gehen – nach Hostomel und Irpin. Die legendäre zerbrochene Brücke am Stadteingang, unter der sich die Leute vor dem Beschuss versteckten, wurde als Denkmal belassen, an ihrer Stelle wurde in der Nähe eine neue gebaut.

Die Spuren der Russen sind in Irpin an jedem zweiten Haus sichtbar. In Hostomel an jedem Haus. Es scheint, dass sie sich die besten Wohngegenden ausgesucht haben. In den letzten Jahren hat sich dieser Vorort zu einem idealen Wohnort für junge Familien entwickelt – einigermassen erschwinglich, perfekte Planung, üppige Landschaftsgestaltung, viele Parks, Spielplätze, bunte Häuser. Irgendwie ist es schwer zu verstehen, dass jemand ein solches Idyll zerstören will. Zerbombte Häuser vor dem Hintergrund eines perfekten smaragdgrünen Rasens und moderner Spielplätze sehen im Sonnenlicht aus wie verfaulte Zähne.

Heimkehr ins Ungewisse

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Kateryna Potapenko kehrt mit ihrer Familie nach Kiew zurück.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Kateryna Potapenko

Kateryna Potapenko, 28, war aus Kiew nach Winterthur geflüchtet und ist jetzt wieder zurückgekehrt. Für den Beobachter erzählt sie in der Serie «Tagebuch einer Flucht» über ihr Leben.

Quelle: private Aufnahme
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