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Kesb«Die Debatte ist ideologisch geprägt»

«Der Streit um die Kesb ist ein Paradebeispiel dafür, wie politische Debatten ideologisch geprägt sind», sagt Linguistin Elisabeth Wehling. Bild: Kilian J. Kessler

Stasi, Mafia, Blut an den Händen: Eine Sprachwissenschaftlerin erklärt, warum die Kesb-Kritiker nicht zimperlich sind.

von Sylke Gruhnwaldaktualisiert am 2017 M04 21

Die Beobachter-Geschichte über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden Kesb hat teilweise hochemotionale Reaktionen ausgelöst. Kein Wunder, sagt die Linguistin Elisabeth Wehling.

Beobachter: Sind Fakten heute noch wichtig in der öffentlichen Diskussion?
Elisabeth Wehling: Fakten sind zentral. Aber wir denken nie rein objektiv über sie, wir nehmen immer eine Perspektive ein. Das Glas ist entweder halbvoll oder halbleer. Wir können nicht sagen, das Glas ist halb. Halb was? Das ist nicht verständlich. Fakten werden immer innerhalb von Deutungsrahmen gedacht und verarbeitet. Diese sogenannten Frames lösen Assoziationen aus. Entscheidend ist, welcher Deutungsrahmen angewendet wird.

Zur Person

Elisabeth Wehling ist Linguistin an der University of California in Berkeley. Die 35-Jährige forscht zur Verbreitung von konservativen und progressiven Wertvorstellungen. 2016 erschien ihr Buch «Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht». (Bild: zvg)

Beobachter: Was heisst das bezogen auf die Diskussion um die Kesb?
Wehling: Nehmen wir den Fall Flaach. Der Sachverhalt: Eine Mutter erstickt ihre zwei Kinder. Hat der Staat die Mutter geradezu gezwungen, ihre Kinder zu töten? Das ist die eine Interpretation. Oder hat der Staat eingegriffen, weil er gemerkt hat, da stimmt was nicht? Und kam letztlich zu spät? Das ist die andere Interpretation. Hier haben wir zwei moralische Sichtweisen auf ein und denselben Sachverhalt. Worauf es in der öffentlichen Debatte nun ankommt, ist, dass beide Interpretationen erzählt werden.

Beobachter: Nach dem Fall Flaach machten Kesb-­Kritiker die Behörde für den Tod der Kinder verantwortlich.
Wehling: Der Streit um die Kesb ist ein Paradebeispiel dafür, wie politische Debatten ideologisch geprägt sind. Der Angreifer gibt in der Regel den Deutungs­rahmen vor. Die Berichterstattung und die Gegenstimmen steigen dann oft unbedacht sprachlich in diesen Frame ein. Damit verbreiten sie die Weltsicht der Angreifer und lassen zu, dass diese die Grundlage der Auseinandersetzung wird. So wird zum Beispiel debattiert: Funktioniert die Kesb wie die Stasi oder nicht? Sind das Tyrannen oder nicht? Müssen sich die Bürger gegen die mafiösen Strukturen zu Wehr setzen oder nicht? All diese Begriffe, die Assoziationen, die sie auslösen bleiben dem Deutungsrahmen der Kritiker treu. Für die Befürworter der Kesb ist das kontraproduktiv.

«Der Fall Flaach hat alles, was es braucht, um sich in die Köpfe der Bevölkerung einzubrennen – Gewalt, Schrecken, eindrückliche Bilder.»

 

Elisabeth Wehling, Linguistin

Beobachter: Haben Kesb-Befürworter damit bereits ein Stück weit den Kampf verloren?
Wehling: Die Kesb-Kritiker sagen, die Kesb habe Blut an den Händen, sei die Stasi, eine Mafia-Organisation. Wenn Sie das zitieren, trainieren Sie Ihre Leserschaft darauf, das Thema mit den Deutungsrahmen der Gegner zu assoziieren. Selbst wenn Sie dann mit Fakten pro Kesb kommen, finden Sie kein Gehör mehr. Vor allem dann nicht, wenn die Fakten nicht selbst in einem grösseren moralischen Zusammenhang stehen, der den Bürgern die Notwendigkeit einer Institution wie der Kesb vermittelt.

Beobachter: Warum ist eine differenzierte Bericht­erstattung hier so schwierig?
Wehling: Der Fall Flaach hat alles, was es braucht, um sich in die Köpfe der Bevölkerung einzubrennen – Gewalt, Schrecken, eindrückliche Bilder. Damit haben Sie ein Musterbeispiel gesetzt – mit der Konsequenz, dass jeder in seinem eigenen Denken diesen Fall als wahrscheinlicher einstuft, als er eigentlich ist. So wird ein Einzelfall als typisch für die Kesb oder andere Behörden wahrgenommen, die Forschung nennt das Salient Exemplar Effekt.

«Die Leute denken, dass ein Lottogewinn viel wahrscheinlicher ist, als das faktisch der Fall ist.»

 

Elisabeth Wehling, Linguistin

Beobachter: Muss es um Leben und Tod gehen?
Wehling: Überhaupt nicht. Nehmen wir zum Beispiel das Lottospielen. Bei der Berichterstattung über Jackpots erscheinen eindrückliche Stories,aufgehängt am Gewinner. Herr Meier ist kleiner Angestellter einer Bank, jetzt Lottomillionär. Starke Emotionen! Da geht es nicht um Leben und Tod, sondern um Glück. Und deshalb gehen die Leute an den Kiosk und spielen Lotto. Weil sie denken, dass ein Lottogewinn viel wahrscheinlicher ist, als das faktisch der Fall ist. Über jene, die nie im Lotto gewinnen, weiss man nichts. Die Fakten, wie etwa die geringen Gewinnchancen, werden nicht als relevant wahrgenommen. Das Gehirn ist gepolt auf den Lottogewinner. Davon lebt die Glücksspielbranche.

Beobachter: Kann man solche Muster durchbrechen?
Wehling: Man muss sich fragen: Sage ich wirklich das, was ich denke und meine? Ein Beispiel: Der Begriff der Flüchtlingswelle, die Europa überrollt, steht für eine Politik der nationalen Abschottung. Sie macht Flüchtende zu einer Naturgewalt, der Europa nicht entkommen kann. Wer sagt, ich nehme Asylrecht und Menschenrechte ernst, sollte daher nicht von einer Flüchtlingswelle sprechen.

Beobachter: Wie kann man auf die teilweise äusserst harsche Kesb-Kritik reagieren?
Wehling: Zu klären ist zunächst, wer in welcher Rolle angegriffen wird. Wer öffentlich Position bezieht, erntet Kritik. Für Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, gehört das zum Berufs­risiko. Dann heisst es: Zähne zusammenbeis­sen und weitermachen. Der Kampf wird nicht gewonnen, wenn man zum Thema macht, welche Anfeindungen man erfährt. Es gewinnt der, der seine Überzeugungen klar zum Ausdruck bringt. Und das ist harte Arbeit.

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