«Bei Parship hatte ich das Gefühl, ich bekomme immer nur Ausschussware.» Monika H.*, 46, hat nach rund einem Dutzend Online-Bekanntschaften einen Mann kennengelernt – in der analogen Welt. Als sie ihn das erste Mal sah, war sie wie vom Blitz getroffen. Sie habe nur gedacht: «So einen Mann möchte ich!»

Dieses Gefühl hatte sie bei ihren Online-Dating-Bekanntschaften nie. Und alle waren nur von kurzer Dauer. Trotzdem sieht sie nach wie vor auch Vorteile bei der elektronischen Partnersuche: «Immerhin ist die erste gros­se Hürde genommen. Es ist klar, dass beide grundsätzlich auf der Suche sind.» Wenn man dagegen im richtigen Leben einen Mann kennenlerne, sei nie sicher, ob die Person, die einen da sympathisch anlächle, wirklich frei sei und sich tatsächlich vorstellen könne, eine Beziehung einzugehen.

Alles matchte – bis auf den Sex

Trotz des Parship-Werbeversprechens «Liebe ist, wenns passt» sei es ihr ­immer wieder passiert, dass bei ­Online-Bekanntschaften früher oder später tiefe Differenzen auftauchten, die nicht wegzudiskutieren waren. «Einmal lernte ich einen Mann kennen, der nach einigen Treffen offenbarte, er suche eine Frau, die keinen Sex wolle», erzählt Monika H. Eine mehrwöchige Freundschaft mit einem Mann scheiterte an völlig unterschiedlichen Vorstellungen zum Thema Zusammen­leben. Er war ein WG-Mensch, sie hatte immer allein gelebt.

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Ein anderes Date sah sie schon, als ihr Zug in den Bahnhof einfuhr. «Hoffentlich ist er das nicht», dachte sie – der Mann war überhaupt nicht ihr Typ. Sie ging trotzdem mit ihm spazieren – und seine Art beeindruckte sie. «Aber ohne Singlebörse hätte ich keinen Gedanken darauf verschwendet, mit ihm eine Beziehung einzugehen.»

Jemandem eine Chance geben, der eigentlich auf den ersten Blick nicht in Frage kommt – das täte kaum jemand, der sich im realen Leben trifft. Dort entscheiden Sekundenbruchteile über Sympathie und Antipathie, im krassen Fall sogar über Begehren und Ablehnung.

«Leute, die sich via Partnerbörsen kennenlernen, stehen tatsächlich an einem anderen Ort als Offline-Paare. Sie bringen eine andere Art von Commitment mit», sagt Dominik Schöbi, Professor für Klinische Familienpsychologie an der Uni Fribourg. Mit Commitment meint er: Man hat sich entschieden, eine Beziehung eingehen zu wollen, und will an ihr längerfristig festhalten.

Kopfentscheidungen dominieren

«Das Commitment ist bei Online-Paaren meist stärker, weil vorgängig mehr investiert wurde – Lebenszeit, Geld, aber auch die Entscheidung, sich im Internet zu profilieren.» Dazu kommt, dass das durchschnittliche Online-Paar mit 48 Jahren älter ist als das durchschnittliche Analog-Paar (43). Will heissen: Man hat mehr zu verlieren – und nicht mehr ewig Zeit, den Richtigen zu finden.

Die wenig romantische Begründung für mehr Commitment ist laut Schöbi: Online-Paare sind bereit, die Beziehung verstärkt über den Kopf und nicht aus dem Bauch heraus zu führen. «Wahrscheinlich, weil für sie eine Beziehung nicht selbstverständlich ist und sie mehr Sorge tragen.» Online-Paare, die sich nicht gänzlich unsympathisch finden, geben sich eher eine zweite und dritte Chance. Mit einer chinesischen Vase gehe man ja auch viel sorgfältiger um als mit einer aus dem Brockenhaus, die einfach nur schön ist, meint Schöbi scherzend.

Manchmal klappt es bei Online-Paaren aber auch sehr schnell. Anna G.*, ­heute 59, traute sich schon beim ersten Treffen in die Wohnung von Peter G.* ­Heute lacht sie: «Ich hatte gerade einen Selbstverteidigungskurs besucht und das Gefühl, ich könne mich notfalls schon wehren.» Das wurde nicht nötig: Anna und Peter G. sind inzwischen seit zehn Jahren ein Paar.

Beide waren zuvor schon einmal verheiratet und haben sich über Parship kennengelernt. Er war ihr drittes Date, sie sein viertes. Peter G. sagt zwar, man dürfe Online-Vermittlungen nicht überschätzen. «Das Kennenlernen ist das eine, langfristig miteinander glücklich sein, an der Beziehung arbeiten das andere.»

«Ohne Online­-Dating hätte ich Anna nie kennengelernt. Sie entspricht so völlig nicht meinem Beuteschema.»

Peter G. hat seine Partnerin im Internet kennengelernt

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Dennoch ist Peter G. dankbar für die virtuelle Vermittlung: «Anders hätte ich Anna nie kennengelernt. Sie entspricht so völlig nicht dem Beuteschema, das ich bisher hatte – und mit dem es letztlich langfristig nie geklappt hat. Ich verliebte mich immer in den Typ kühle, unnahbare Frau. Seit ich Anna kenne, weiss ich, dass ich immer etwas gesucht hatte, was mich dann langfristig gar nicht recht glücklich machte. Umso mehr geniesse ich jetzt ihre warmherzige Art.»

Das Hinterfragen der eigenen Vorlieben, das Ausbrechen aus festgefahrenen Mustern ist auch für die Psychologin Barbara Beckenbauer, Single- und Online-Dating-Expertin bei Parship, ein essenzieller Punkt. Leute zu treffen, die nicht unbedingt ins übliche Beuteschema passen, sei möglich dank dem Matching-System, einer geheim gehaltenen Formel. Sie soll dafür sorgen, dass Leute zusammenkommen, die zusammenpassen. So jedenfalls sehen es Dating-Plattformen wie Parship.

Verliebtheit birgt hohe Risiken

«Unser Matching ist deshalb so faszinierend, weil es die Chemie am Anfang umgeht, den normalen Tanz der Geschlechter auflöst», sagt Beckenbauer. Das ­Prinzip «Liebe auf den ersten Blick» berge deutlich höhere Risiken, dass eine Beziehung scheitere. Denn: Verliebtheit garantiert Endorphine und Dopamine, aber der Hormoncocktail macht eben auch blind.

Blind für gefährliche Gegensätze. Zum Beispiel dafür, dass der andere nur bei ­geschlossenem Fenster schläft, während man selber ohne frische Luft kein Auge zukriegt. Dass Partnervermittler solch ­angeblich unüberbrückbare Gegensätze von Anfang an ausschliessen, klingt in der Theorie wunderbar, widerspricht aber den Erfahrungen vieler Kunden. Zum Beispiel auch denen von Monika H., für die Sex in der Beziehung wichtig ist, die aber einen Mann traf, der partout keinen Sex wollte. Für Parship scheint dieser Gegensatz kein Ausschlusskriterium gewesen zu sein.

«Ein Online-Profil zwingt mich ­zumindest dazu, mich aktiv mit dem Thema ­Männer auseinander­zusetzen.»

Monika H. hat ihren Partner in der wirklichen Welt gefunden

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Aber auch Paare, die sich im richtigen Leben kennenlernen, leben gefährlich. «Verliebte sind Gratwanderer. Sie laufen Gefahr, Opfer ihrer eigenen Projektionen zu werden», sagt Beckenbauer. Parship verspreche niemandem, den Traumprinzen zu finden. «Wir vermitteln Bekanntschaften mit Menschen, die einem ­sicher nicht unsympathisch sind, mit denen man Gemeinsamkeiten hat, die sich in einer Partnerschaft ergänzen und die harmonisieren würden.» Es gebe aber keine Garantie, dass es dann wirklich funke.

Psychologe Dominik Schöbi schätzt die Aussagekraft von Matching-Points bei Parship und anderen Algorithmen von Dating-Plattformen als sehr eingeschränkt ein. «Auch zwischen Menschen, die nur wenig Matching-Points haben, können glückliche Beziehungen entstehen. Umgekehrt ist eine hohe Punktzahl absolut kein Garant für eine gute Partnerschaft», sagt der Paarpsychologe. Es gebe keine wissenschaftlichen ­Beweise, dass eine hohe Übereinstimmung die Chancen für eine dauerhafte Beziehung verbessert.

Das Risiko, dass Liebe blind mache, stuft aber auch Schöbi bei Online-Paaren als geringer ein. «Bei spontan entstandenen Beziehungen gibt es ­eine initiale Verliebtheitsphase, da fliegen die Hormone hoch.» Während dieser Phase, die in der Regel einige Monate bis zu einem halben Jahr dauert, merken die Paare allmählich, ob es funktioniert oder eben nicht. «Bei Online-Paaren ist es von Anfang an ­eine überlegtere Geschichte.»

Es bleibt ein schwieriger Vergleich

Das scheinen die Zahlen einer Parship-Studie von 2012 zu belegen. Demnach ziehen Online-Paare rascher zusammen, heiraten früher und haben nach kürzerer Zeit Kinder. Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Doch die Parship-Studie ist nicht repräsentativ. «Ein repräsentativer Vergleich von Online- und analogen Paaren ist aus rein praktischen Gründen unmöglich. Es gibt keine Vergleichsgruppe», sagt Psychologieprofessor Schöbi. Zudem hätten analoge Paare eine ganz andere Ausgangslage als Online-Paare. «Sie haben im Voraus nicht viel Geld und Zeit in die Partnersuche investiert. Damit fehlt ihnen das typische Online-Commitment.»

Funktionieren Online-Paare also vor allem über den Kopf? Genaues Abwägen statt Romantik, Kalkül statt Schmetterlinge, Suchen statt Finden?

Trotz ihrer negativen Erfahrungen sagt auch Monika H.: «Wenn ich je wieder einen Partner suchen müsste, würde ich das auch online angehen.» Sie habe ein, zwei interessante Menschen kennengelernt, mit denen sie sonst nie ein Wort gesprochen hätte.

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Ein Online-Profil wäre für sie aber auch aus einem ganz anderen Grund wichtig. «Weil es mich zumindest dazu zwingt, mich aktiv mit dem Thema Männer auseinanderzusetzen. Und auch, ehrlich zu mir zu sein. Ich muss wissen, was ich will. Und vor allem, was nicht.»

* Name geändert

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