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SpielsuchtBis zum letzten Hemd

Bis zum letzten Hemd
Egal wann, egal wo: Glücksspiele auf dem Smartphone bergen ein hohes Suchtrisiko, da diese jederzeit und unerkannt gespielt werden können. Bild: Gettyimages

Mehr als 120’000 Menschen in der Schweiz haben ein problematisches Glücksspielverhalten – Daniel* ist einer von ihnen. Er hat bei Glücksspielen auf dem Handy 100'000 Franken verloren.

von Reto Stauffacheraktualisiert am 2017 M01 26

«Ich bin ein Idiot. Ich habe mein ganzes Geld bei Online-Glücksspielen verloren.»

Die Aussage des Mannes – wir nennen ihn Daniel – überrascht im ersten Moment. Er ist keiner, dem man geben würde, dass er Glücksspielen verfallen ist. Er ist Mitte 30, sportlich, weit gereist, und Chef eines kleinen Teams in der Versicherungsbranche. Er schämt sich, über seine Sucht zu reden: «Das Schlimmste am Spielen ist die Scham danach. Du wachst am Morgen auf und realisierst, dass du letzte Nacht dein ganzes Geld verspielt hast. Du würdest gerne jemanden anrufen, aber du kannst nicht. Bei der Arbeit darfst Du dir nichts anmerken lassen. Und gegenüber Freunden willst du dir nichts anmerken lassen.»

Geschichten wie diese kennt Franz Eidenbenz nur allzu gut. Er ist Psychologe und Leiter für Behandlung beim Zentrum für Spielsucht in Zürich (Radix). Über 130 Fälle von Spielsucht werden momentan behandelt, etwa ein Drittel der Betroffenen ist süchtig nach Internetspielen: Kartenspiele, Roulette, Maschinenspiele, Black Jack oder Sportwetten. «Online-Glücksspiele sind besonders risikoreich, weil man sie nicht nur auf dem Computer, sondern auch auf dem Smartphone unauffällig, jederzeit und ortsunabhängig spielen kann», sagt Eidenbenz.

Das Problem ist grösser, als gemeinhin angenommen wird: Gemäss Studien zeigen in der Schweiz mehr als 120'000 Personen ein problematisches Spielverhalten. «Hat man sich auf einer Glücksspiel-Plattform angemeldet, erhält man laufend Werbung, und es werden immer wieder Gratis-Spielmöglichkeiten angeboten», sagt Eidenbenz. «Spieler, die der Sucht den Rücken kehren wollen, können schlecht davon Abstand nehmen, weil das Internet via PC oder Smartphone im täglichen Leben benötigt wird.» Die krassesten Fälle hätten auf diese Weise über eine Million Franken an Schulden angehäuft und sich für den Rest des Lebens verschuldet.

Irrationale Hoffnung auf Gewinne

Angefangen hat Daniels Spielsucht vor rund drei Jahren – aus Interesse, wie er sagt: «Ich mag Glücksspiele, ich habe ab und zu auch mit Freunden Poker gespielt. Sich online zu registrieren und dann um Geld zu spielen war verlockend einfach.» Wenn er gleich verloren hätte, wäre er womöglich ausgestiegen. Doch er gewann innert weniger Tage mehrere 1000 Franken: «Leider hat mich das Glück nachher verlassen.» Einige Wochen später hatte sich ein Verlust von über 100’000 Franken angehäuft. Da wandte er sich ein erstes Mal an die Suchtberatung.

«Spielsucht kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Mehrheitlich sind allerdings Männer betroffen», sagt Franz Eidenbenz. Diese Menschen würden an einem Kontrollverlust leiden: «Sie sind in einer Spirale gefangen: Wenn sie gewinnen, spielen sie weiter – im Glauben, noch mehr zu gewinnen. Wenn sie verlieren, dann spielen sie weiter in der Hoffnung oder gar der Überzeugung, den Verlust mit einem erneuten Gewinn wieder wett zu machen. Von aussen betrachtet ist es offensichtlich, dass dieses Verhalten nur ins Verderben führen kann.» Erst bei grossem Druck von Angehörigen und erheblichen Verlusten merken die Betroffenen, wie dramatisch ihre Situation tatsächlich ist und melden sich bei einer Fachperson.

Süchtige sind bemüht, ihr Problem so gut wie möglich zu verschleiern. «Wenn ich meinen Lohn verspielt hatte, war ich schon zu Beginn des Monats pleite» sagt Daniel. «Doch irgendwie musste ich mein normales Leben ja trotzdem aufrecht erhalten.» Dann schlug sich der Geschäftsmann jeweils mit Firmenapéros durch, denn: «Dort gibt es gratis zu essen.» An anderen Tagen liess er sich Spesen gutschreiben oder er besorgte sich schon in weiser Voraussicht mehrere Packungen Teigwaren auf Vorrat. Manchmal musste er aber auch mehrere Tage hungern und sich mit Chips begnügen.

Süchtige wirken abwesend

Vor allem Angehörige leiden massiv unter einer Glücksspielsucht. Doch es ist schwierig, überhaupt zu bemerken, dass jemand süchtig ist. Anzeichen sind in erster Linie Geldprobleme, diese allerdings werden von den Betroffenen in der Regel geschickt versteckt. «Spielsüchtige sind sehr kreativ im Lügen», sagt Eidenbenz. «Auf die Frage, was mit dem Geld passiert sei, folgen dann unterschiedlichste Erklärungen, die wenig Sinn machen.» Ein weiteres Indiz sei geistige Abwesenheit: Im Inneren sind Süchtige ständig mit dem Spielen beschäftigt.

Seit der schlimmsten Phase seiner Spielsucht vor drei Jahren ist Daniels Kreditkarte gesperrt, zudem kann er sein Bankkonto nicht mehr überziehen. Seine Schulden von damals bezahlt er bis heute in Raten zurück: «Dank meines guten Lohnes geht das ganz ordentlich», sagt Daniel. «Es ist schon strub, dass das nur jene Menschen mitbekommen haben, denen ich es erzählen musste.» In einsamen Momenten allerdings redet er sich immer wieder ein, dass dieses verlorene Geld doch irgendwie zurückzuholen sei: «Dann logge ich mich ein und spiele erneut – und verliere natürlich wieder. Ein Teufelskreis.»

Spieler fühlen sich oft ungeliebt

Von der Sucht wegzukommen sei ein komplizierter Prozess, sagt Eidenbenz: «Bei einem Süchtigen steckt oft mehr dahinter als Kontrollverlust. In der Behandlung wird klar, dass verschiedene Probleme zum Spielen geführt haben. Diese Menschen fühlen sich häufig nicht geliebt, ungerecht behandelt oder sie können nicht mit Konflikten umgehen.» Sie spielten, um dieses subjektive Unglück auszugleichen – ganz nach dem Motto: «Wenn es schon im Leben nicht richtig läuft, dann gewinne ich wenigstens hier.» Wenn sich ein Süchtiger professionelle Hilfe hole, dann sei das bereits ein grosser Schritt, so Eidenbenz. In der Folge könne die Therapie von 3 Monaten bis zu 3 Jahren dauern – sofern sie nicht abgebrochen wird.

Daniel hatte schon früh eine Selbsthilfegruppe besucht – allerdings ohne Erfolg. «Man sitzt nur da und redet über seine Probleme», sagt er, der eigentlich ein kommunikativer Mensch ist, «das brachte mir rein gar nichts.» Er ist überzeugt, dass er das Problem selber in den Griff bekommt: «Auf diese Weise Geld zu verlieren ist so dumm, da muss ich doch einfach damit aufhören.» Seit inzwischen 6 Monaten spielt er nun nicht mehr. Er hofft, dass es dabei bleibt. Er plant im Sommer endlich wieder einmal längere Ferien.


*Name geändert

Verbot von Glücksspielen ist kein Thema

In der Schweiz ist es verboten, eine Online-Plattform zu betreiben, die Glücksspiele anbietet – unabhängig davon, ob es sich dabei um ein Casino-, Wett- oder Pokerportal handelt. Nur die Lotteriegesellschaften Swisslos und Loterie Romande dürfen übers Internet entsprechende Spiele und Wetten anbieten. Allerdings gibt es viele illegale Plattformen, die im Ausland betrieben werden. Die Teilnahme an solchen illegalen Glücksspielen ist nicht strafbar.

Wie im Artikel gezeigt, sind exzessive Spieler schlecht geschützt. Bank- und Kreditkarten werden erst bei entsprechender Aufforderung gesperrt. Gesetzesvorstösse, die solche Glücksspiele weiter einschränken oder gar verbieten sollten, scheiterten im Parlament immer wieder am Argument der «Unverhältnissmäsigkeit». Glücksspiele würden auf Eigenverantwortung beruhen, so der Tenor. Man dürfe nicht etwas verbieten, das vielen Spass mache, nur weil einige wenige nicht damit umgehen könnten.

Spielsüchtige und deren Angehörige können sich an eine Beratungsstelle wenden, wenn sie Hilfe suchen. In fast jedem Kanton gibt es eine Anlaufstelle. Die Beratung und Therapie ist für Patienten kostenlos, die Arbeit wird durch Gewinne von Swisslos finanziert.
 

Hier finden Sie Hilfe:

Zentrum für Spielsucht Radix in Zürich
Suchtfachstelle St. Gallen
Spielsuchtberatung Kanton Aargau
Suchtprävention Kanton Thurgau
Zentrum für Verhaltenssucht Basel
Suchtberatung im Kanton Bern
Spielen ohne Sucht: SOS Spielsucht

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