Sollten die Steuern vom Lohn abgezogen werden? Diese Frage wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Auf der Facebook-Seite des Beobachters plädierte zuletzt eine Mehrheit der Nutzer für die Einführung eines direkten Lohnabzugs:

Auch auf politischer Ebene ist die Forderung nach einer freiwilligen «Quellensteuer für alle» ein (parteiübergreifend thematisierter) Dauerbrenner. In den vergangenen Jahren sah sich der Bundesrat mehrere Male mit Motionen dazu konfrontiert, lehnte sie aber allesamt ab. Das Steuersystem würde verkompliziert, der zusätzliche Aufwand für Arbeitgeber wäre zu gross und wer nicht gewillt sei, Steuerschulden zu vermeiden oder abzubauen, würde vom freiwilligen Abzug sowieso keinen Gebrauch machen. Die Möglichkeit für Steuerpflichtige, ihre Steuern in periodischen Raten (im Voraus) zu bezahlen sei zudem ausreichend, um einem der Hauptargumente der Verfechter entgegenzutreten («Man würde Ende Monat immer genau wissen, wie viel Geld man zur Verfügung hat.»).

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Prominente Unterstützung

Rückenwind erhalten die Befürworter eines freiwilligen Direktabzugs der Einkommenssteuer inzwischen auch von prominenter Seite. Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr, einer der international renommiertesten Ökonomen, äusserte sich jüngst in einem Gespräch mit der Budget- und Schuldenberatung Basel deutlich:

«Es gibt viele Argumente für den monatlichen Direktabzug. Er erhöht die Lebensqualität und bietet wahre Steuertransparenz.»

Ernst Fehr, Ökonom

Fehrs Aussagen beruhen auf einem im Mai veröffentlichten Gutachten seines Zürcher Beratungsunternehmens. Es analysierte das Verfahren aus verhaltensökonomischer Perspektive und kam zum Schluss, dass der Direktabzug eine positive Wirkung erzielen würde.

Plötzlich motiviert für die Steuererklärung

Eine wesentliche Rolle spielt dabei das menschliche Verhalten. So ist der Kontostand einer der Referenzpunkte, an denen sich der Mensch im Leben orientiert, da das Vermögen den Anreiz zum Konsum steuert. Befindet sich Geld, das wegen den Steuern de facto nicht zur Verfügung steht, gar nicht erst auf dem Konto, reduziert dies die Konsumlust.

Ein weiterer Faktor ist der sogenannte «Endowment-Effekt». Dieser umschreibt den Schmerz, den ein Mensch erfährt, wen er etwas weggeben muss, das sich bereits in seinem Besitz befunden hat. Gemäss den Gutachtern wirkt das automatisierte Direktabzugsverfahren diesem Effekt entgegen, da der für die Steuern abgezogene Teil des Einkommens gar nicht erst als Besitz wahrgenommen würde.

Jeden Monat zu sehen, wie viel Steuern man zahlt, «das ist wahre Steuertransparenz», so Fehr. Im selben Zug werde mit der regelmässigen Erinnerung, was die Dienstleistungen des Staats kosten, das Verständnis dafür bei den Steuerzahlern erhöht. Zudem erhält das (weiterhin notwendige) Ausfüllen der Steuererklärung eine ganz neue Motivation: Man bekommt mit grosser Wahrscheinlichkeit etwas zurückbezahlt.

Viel weniger Neuverschuldungen

Mittel- und langfristig würde das Risiko für Steuerschulden vermindert, so die verhaltensökonomische Analyse. Weil bereits verschuldete Menschen in der Regel nicht empfänglich für die neue Methode sein werden, könnten bestehende Schulden zwar nur begrenzt reduziert werden. Viele Neuverschuldungen – insbesondere bei Berufseinsteigern oder Personen, die wegen eines unerwarteten Lebensereignisses unerwartet in steuerliche Schwierigkeiten geraten – würden hingegen gar nicht mehr erst entstehen. 

Folgende Anforderungen müssten laut der verhaltensökonomischen Analyse gegeben sein, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen:
 

  • Der Direktabzug der Steuern vom Lohn ist für Arbeitnehmer freiwillig.

  • Erfolgskritischer Faktor Nr. 1: 
    Er muss von (möglichst vielen) Arbeitnehmern tatsächlich in Anspruch genommen werden. Dies kann durch eine «Opt-Out»-Lösung gefördert werden. (= Menschen nehmen automatisch am Direktabzugsverfahren teil, wenn sie sich nicht aktiv dagegen entscheiden). Dies ist erfolgsversprechend, weil Studien zeigen, dass Menschen ungern von vorgegebenen Standards abweichen.

  • Die Steuerzahler müssen umfassend, klar und transparent über das Opt-Out-Verfahren informiert werden. Geschieht dies durch standardisierte Informationsunterlagen, reduziert dies gleichzeitig den (Kommunikations-)Aufwand für Arbeitgeber.

  • Erfolgskritischer Faktor Nr. 2:
    Da die Kosten für Arbeitgeber insgesamt zu überwiegen scheinen, sollte der Aufwand für Unternehmen möglichst gering gehalten werden. Insbesondere grössere Firmen könnten bereits bestehende IT-Infrastruktur einsetzen. Kleinunternehmen hingegen müssten bei der Umstellung auf das neue System vom Staat unterstützt werden bzw. die Möglichkeit haben, sich von der Verpflichtung entbinden zu lassen. Profitieren würden die Arbeitgeber im Endeffekt von leistungsfähigeren, weil weniger verschuldeten Arbeitnehmern.

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Quelle: Thinkstock Kollektion
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