Schon wieder kann er nicht schlafen. André Meier knipst das Licht an und geht seinen Terminkalender durch. Je länger er ihn studiert, desto unruhiger wird er.

Der 54-jährige Zürcher weiss jetzt schon, welche Meetings ihn so sehr verunsichern werden, dass er kaum ein Wort über die Lippen bringen wird. Statt zu schlafen, fragt er sich, was seine Kolleginnen und Kollegen wohl denken werden.

Er entscheidet: So kann das nicht weitergehen.

Partnerinhalte
 
 
 
 

Rund 80'000 Erwachsene stottern hierzulande. Bei einigen dauert es bis zu einer Minute, bis sie ein Wort aussprechen können. Andere verschlucken einzelne Silben oder Buchstaben, wieder andere wiederholen ganze Wörter.

Mögliche emotionale Gründe

Woher das Stottern kommt, weiss man nicht. Gegenwärtig machen Forschende für das Verschlucken von Silben eine Kombination aus mehreren Faktoren aus. Einige vermuten genetische Ursachen, andere fehlerhafte neurologische Abläufe.

Die meisten Betroffenen können mit sich selbst und auch mit ihren Haustieren flüssig sprechen. Deshalb nehmen Fachleute an, dass für Stottern auch emotionale Gründe wie Angst verantwortlich sein könnten.

Und die meisten beginnen schon als Kind zu stottern – während sie sprechen lernen. Die Sprachentwicklung in der Familie kann ein Auslöser sein: Wenn der Bruder oder die Schwester stottert, kann das auch beim Geschwister auftreten.

«Sprachentwicklung von Kindern» bei Guider

Wann sagen Kinder zum erstem Mal «Mami» oder «Papi»? In welchem Alter können sie bereits längere Geschichten erzählen? Bei Guider finden Beobachter-Abonnenten Informationen zur Sprachentwicklung von Kindern und den ersten Anzeichen einer Sprachstörung.

«Es ist wichtig, die Person nicht zu unterbrechen, sondern sie ausreden zu lassen.»

José Amrein, Logopäde

Man kann stotternden Menschen das Leben erleichtern, indem man sich rücksichtsvoll verhält (siehe auch Tipps am Ende des Artikels). «Egal in welcher Situation: Es ist wichtig, die Person nicht zu unterbrechen, sondern sie ausreden zu lassen», sagt der Logopäde José Amrein.

Seit über 20 Jahren bietet er in seiner Luzerner Praxis Stotter- und Stimmtherapien an. An ihn hat sich auch André Meier für eine Therapie gewandt. Meier bestätigt: «Sätze für eine stotternde Person zu beenden, ist tabu, weil es entwürdigend sein kann.»

Ein paar Worte zum Scherzen

Ebenso sollte man, zumindest am Anfang, auf vermeintlich humorvolle Bemerkungen verzichten. Sie mögen gut gemeint sein – aber statt die Situation zu entspannen, können sie verletzen.

Es sei denn, der stotternde Mensch mache selbst Scherze: «Es ist entscheidend, dass witzige Bemerkungen von der stotternden Person ausgehen», sagt Meier. Danach gemeinsam zu scherzen, könne ein Gespräch sehr angenehm machen.

Gesprächspartner informieren

Manche versuchen, ihre sprachlichen Schwierigkeiten zu verstecken. «Ich auch», sagt André Meier. «Ich habe Telefongespräche gemieden und in Meetings nichts gesagt.» Wenn Aussenstehende versuchen, Stotternde aus der Reserve zu locken, tun sie ihnen keinen Gefallen, sondern können im Gegenteil Stress hervorrufen, was das Stottern verschlimmert.

Logopäde José Amrein empfiehlt Stotternden, ihre Mitmenschen kurz über ihr Sprachproblem zu informieren – gerade bei Bewerbungsgesprächen Vorstellungsgespräch Was die alles wissen wollen! oder im Vorfeld von wichtigen Präsentationen. «Sonst wird das Stottern zum Elefanten im Raum und überschattet die Inhalte», sagt André Meier.

«Das Stottern zu thematisieren, hat meinen Kolleginnen und Kollegen gezeigt, dass ich ihnen vertraue.»

André Meier, Teamleiter und Betroffener

Als Meier Leiter eines neuen Teams wurde, hat er sein Silbenverschlucken gleich angesprochen. Das förderte auch den Zusammenhalt: «Das Stottern zu thematisieren, hat meinen Kolleginnen und Kollegen gezeigt, dass ich ihnen vertraue und sie respektiere.»

Therapien dauern lange

Wer nicht mehr über Worte stolpern will, hat verschiedene Optionen. André Meier hat sich für eine Psychotherapie entschieden, um seinen negativen Umgang mit seinem Sprachproblem zu ändern. Er hat vor allem daran gearbeitet, sein Selbstvertrauen zu stärken Selbstbewusstsein «Ich zweifle sofort an mir» .

So hat er etwa mithilfe von Übungen gelernt, schwierige Situationen nicht mehr zu meiden. «Ich dachte zu Beginn, dass mir die Therapie ein Patentrezept gegen das Stottern liefert und das Problem ein für alle Mal löst», sagt er.

Heute kann er über seine überhöhten Erwartungen lachen, doch damals war er enttäuscht, als sich herausstellte, dass die Therapie schrittweise vorangeht und lange Arbeit erfordert.

Reden vor Publikum trainieren

Wenn eine solche Therapie zu intensiv ist, kann man auch einzelne Sprechtechniken erlernen, die den Redefluss verbessern. Oder eine Gruppentherapie machen, in der zum Beispiel wichtige Anlässe trainiert werden, an denen man sprechen muss.

André Meier geht monatlich zu Gruppentreffen. Der Austausch mit anderen Stotternden hilft ihm. Logopäde Amrein rät: «Wenn es in Ihrem Leben eine Person gibt, die stottert, finden Sie gemeinsam mit ihr heraus, was für diese am besten funktioniert – und unterstützen Sie sie darin.»

Nach zwei Jahren Therapie kommt Meiers Stottern manchmal immer noch zum Vorschein, zum Beispiel an Tagen, die nicht gut laufen. «Es ist für mich eine Schwäche, aber mittlerweile kaum noch ein Problem», sagt er. «Die schlaflosen Nächte gehören der Vergangenheit an.»

Tipps: Im Gespräch mit Betroffenen

  • Lassen Sie Stotternde grundsätzlich ausreden, statt an deren Stelle den Satz zu beenden. Am Telefon kann das Stottern stärker sein – bleiben Sie geduldig.
  • Vermeiden Sie Kommentare wie «Beruhigen Sie sich», «Atmen Sie erst einmal durch» oder «Entspannen Sie sich».
  • Wenn Sie Ihr Gegenüber kaum kennen: Unterlassen Sie vermeintlich humorvolle Bemerkungen über die sprachlichen Schwierigkeiten.
  • Ändern Sie Ihren eigenen Redefluss nicht – Sie brauchen nicht langsamer oder lauter zu sprechen.
  • Fragen Sie die stotternde Person bei Gruppenzusammenkünften vorab unter vier Augen, ob und wie Sie ihr die Situation erleichtern können.
  • Hören Sie Ihrem Gegenüber gut zu, statt auf seinen Redefluss zu achten.
  • Seien Sie sich bewusst, dass manche Stotternde nicht gern auf ihre sprachlichen Schwierigkeiten angesprochen werden. Sehen Sie Betroffenen brüske Reaktionen nach und bleiben Sie geduldig und respektvoll.
Der Beobachter-Newsletter – wissen, was wichtig ist.

Das Neuste aus unserem Heft und hilfreiche Ratgeber-Artikel für den Alltag – die wichtigsten Beobachter-Inhalte aus Print und Digital.

Jeden Mittwoch und Sonntag in Ihrer Mailbox.

Jetzt gratis abonnieren