Die 75-jährige Josefine Kehl hatte im Kantonsspital St. Gallen gerade Arztvisite, als eine Frau mit schwarzen Haaren und blonden Strähnen zu ihrem Bett drängelte. «Frau Kehl, Sie müssen zum Röntgen», sagte die Un­bekannte zur Patientin, «ich nehme Ihnen die Ringe ab.» So steht es in der «Anmeldung Sachschaden», die Josefine Kehls Angehörige Ende März 2012 aufgegeben haben. Die beiden Ringe sind noch immer verschollen.

Einbrüche mit entwendeten Schlüsseln

Reichlich unverfroren, sich eine wehrlose Bettlägrige als Opfer für einen Diebstahl auszusuchen – aber kein Einzelfall, wie eine Nachfrage bei verschiedenen Schweizer Spitälern ergibt. «Spitaldiebstähle kommen immer wieder vor», sagt Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. «Es werden Patienten bestohlen, aber auch das Personal.» Am Unispital Basel kommt es zu rund 60 Diebstählen pro Jahr, in Zürich ging ein Fall durch die Medien, bei dem ­einem verunfallten Velofahrer, der noch unter Vollnarkose stand, im Einzelzimmer die Wertsachen gestohlen wurden. Die Diebe haben es meist auf das Bargeld in Patien­ten­zimmern abgesehen, aber auch Schmuck, Uhren, Laptops, Handys, Laufschuhe, Kleider, Lesebrillen oder Hörgeräte verschwinden regelmässig.

In der Regel sind es Einzelpersonen, die sich am Besitz von Patienten zu schaffen machen; gemäss Kantonspolizei St. Gallen finanzieren sie sich damit nicht selten den Drogenkonsum. Mitunter geschieht der Diebstahl auch fast schon gewerblich: In St. Gallen wurde vor Jahresfrist eine Täterin verurteilt, die während Monaten bei insgesamt 40 Einschleichdiebstählen Geld hatte mitlaufen lassen. In vier Fällen entwendete sie den Patienten zudem die Wohnungsschlüssel und brach noch während deren Spitalaufenthalt bei ihnen zu Hause ein – die Schadenssumme betrug insgesamt rund 50'000 Franken.

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Zum Teil sind auch ganze Banden auf Raubzug durch Spitäler, bestätigt Claudio Leitgeb, Bereichsleiter Sicherheit und Umwelt am Universitäts­spital Zürich. Die Spitäler informierten sich jeweils ­interkantonal, wenn sie Kenntnis von einer ­neuen Gruppe hätten, die unterwegs sei.

Die Diebstähle ziehen für die Spitäler und die Polizei aufwendige Ermittlungen nach sich. Im Fall von Josefine Kehl, deren Ringe im Spital in St. Gallen verschwanden, interviewte der interne ­Sicherheitsdienst rund ein Dutzend Personen. Das ist das Standardprozedere – alle Angestellten, die bei der Betreuung eines Patienten involviert waren, müssen bei Verdacht auf Diebstahl zur Befragung antraben.

Präpariertes Portemonnaie als Diebesfalle

In vielen Fällen kommt erschwerend hinzu, dass die Patienten es nicht sofort bemerken, wenn etwas wegkommt. Dann werde der Nachweis durch die Bestohlenen schwierig, unabhängig davon, ob sie bei der Einlieferung zehn oder 1000 Franken im Portemonnaie hatten, sagt Claudio Leitgeb.

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Genau wie Spitäler sind auch Alters- und Pflegeheime ein häufiges Ziel dreister Diebe. «Bei uns kommen Diebstähle seit Jahren immer wieder vor», sagt der Leiter eines der grössten Altersheime der Region St. Gallen. «Jeweils über einen Zeitraum von mehreren Wochen verschwinden hier mal 50 Franken, dort mal 20.» Im Unterschied zu den Spitälern handle es sich hier bei den Tätern häufig um Angestellte des Heims. Mitunter werde daher in Absprache mit der Polizei ein präpariertes Portemonnaie als eine Art Geldfalle ausgelegt. Schnappt diese zu, sei wieder eine Zeitlang Ruhe, sagt der Altersheimleiter. Besonders fatal sei für ihn «die absolute Verunsicherung» bei den Bewohnern: ­«Jeder verdächtigt querbeet jeden, bis die Sache aufgeklärt ist.»

Um das Problem einzudämmen, setzt man auf Prävention. 24-Stunden-Sicherheitsdienste sind in grös­seren Krankenhäusern mittlerweile üblich. Am Kantonsspital St. Gallen können Patienten Geld oder Wertgegenstände in einem zentralen Tresor hinterlegen, im Unispital Zürich ist gar bei jedem Bett ein Safe installiert.

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Dem Universitätsspital Basel gelang es immerhin, die Zahl der Diebstähle innert weniger Jahre um einen Viertel zu senken. Einen Grund dafür sieht Mediensprecher Andreas Bitterlin darin, «dass unser Sicherheitsdienst die Mitarbeitenden gezielt für die Problematik sensibilisiert hat». Geholfen hat ferner, dass auch in Basel alle Patientenzimmer mit Safes ausgestattet sind.

Die beste Vorbeugung besteht natürlich darin, die Wertsachen gar nicht erst ins Haus zu bringen. So raten alle befragten Spitäler ihren Patienten vor dem Eintritt, nur wenig Bargeld mitzunehmen und Schmuck gleich ganz zu Hause zu lassen. Ebenso die Altersheime: «Schon am Informationsnachmittag klären wir Neueintretende auf, keine grossen Geldbeträge im Zimmer aufzubewahren», sagt etwa Lena Tobler von der Dienstabteilung Alters­heime der Stadt Zürich. Hinzu kommen laut Tobler Appelle an die Bewohner, Türen und Fenster immer abzuschliessen. Und es gibt die soziale Kontrolle: «Fremde Leute werden auf dem Gang immer gefragt, wohin sie wollen.»

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Ein Nachteil der offenen Institutionen

Dennoch: Die Diebstahlprävention in Spitälern und Heimen stösst schnell einmal an ihre Grenzen. Denn, so Claudio Leitgeb vom Zürcher Unispital: «Ein Spital ist grundsätzlich eine offene Institution, weil der Zugang zu Untersuchungen und Behandlungen jederzeit gewährleistet sein muss.» Zudem dürfe die Bewegungsfreiheit der Patienten und ihrer Besucher nicht eingeschränkt werden.

Doch letztlich zählt nicht nur der ­materielle Schaden, der durch einen Diebstahl entsteht: «In der Statistik ist es nur ­eine Zahl, wenn ein Siegelring wegkommt, aber für die betroffene Person kann der Verlust ein Drama sein», sagt Claudio ­Leitgeb. «Die Patienten begeben sich in unsere ­Obhut und befinden sich in einer verletz­lichen Position. ­Also stehen wir auch in der Pflicht, dieser Situation Rechnung zu tragen.»

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Auch bei den Angehörigen von Josefine Kehl überwiegt der emotionale Schaden. Sie erstatteten zwar Anzeige, doch das Verfahren wurde sistiert, da wenig Aussicht auf Erfolg besteht. Die betagte Frau ist inzwischen verstorben. «Ernst, Ostern 1957» und «Josefine, Ostern 1957», war auf der ­Innenseite der gelbgoldenen Ringe ein­graviert, die sie am Finger trug, bevor sie zum Röntgen musste. Den Wert gaben ihre Kinder mit «zirka 250 Franken pro Ring» an. Dazu schrieben sie: «Der Wert ist nicht das Wichtigste, sondern das Fehlen dieser Erinnerungsstücke.»