Ärzteverband zofft sich mit BAG über Daten zu Papierkrieg
Das Bundesamt für Gesundheit will untersuchen, wie viel Zeit die Ärzte für Papierarbeit aufwenden. Doch der Ärzteverband FMH sträubte sich dagegen. Gesundheitsexperte Heinz Locher sieht politische Motive für den Widerstand.

Veröffentlicht am 8. April 2026 - 15:29 Uhr

Das BAG will wissen: Wie hoch ist die Belastung durch Büroarbeit für Ärztinnen und Ärzte?
60 Medizinstudierende sollten im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) je eine Hausärztin oder einen Hausarzt einen Tag lang begleiten, um deren Verwaltungsaufwand zu dokumentieren. Ziel dieser Work-Shadowing-Methode: durch direkte Beobachtung genauere Daten zu gewinnen als bislang durch Schätzungen der Ärzteschaft. Das ist eigentlich im Sinn des Ärzteverbands FMH, der regelmässig die ausufernde Bürokratie kritisiert. Doch der Verband blockierte das Vorhaben. Das berichtete Radio SRF auf Basis von E-Mails, die es dank dem Öffentlichkeitsgesetz einsehen konnte.
FMH zerzaust die Methodik
Das BAG hatte das Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich mit der Studie beauftragt – eine renommierte Adresse. Dennoch zerpflückten die FMH und der Verband der Haus- und Kinderärzte das vorgeschlagene Vorgehen. Die Kritik: unklare Hypothesen, Vernachlässigung der Westschweiz, ungünstiger Zeitpunkt wegen der Einführung des neuen Tarifsystems Tardoc. Diese Faktoren könnten die Ergebnisse verfälschen. Die FMH drohte, ihren Mitgliedern von einer Teilnahme abzuraten, falls die methodischen Schwächen nicht behoben würden.
Das Projektteam, bestehend aus Vertretern des BAG und des Universitätsinstituts, reagierte verwundert auf die Boykottdrohung. «Wir sind überzeugt, dass der Bund mit der Finanzierung dieser Studie einen wichtigen Beitrag zur Transparenz bei den administrativen Aufwänden im Gesundheitswesen leistet und alle relevanten Akteure von Anfang an einbezogen wurden», heisst es in einer Mail, die dem Beobachter vorliegt.
«Die FMH will die Kontrolle über die Statistik behalten.»
Gesundheitsexperte Heinz Locher
Gesundheitsexperte Heinz Locher sieht hinter dem Widerstand der FMH politische Motive. Seiner Einschätzung nach will der Verband keine externe, unabhängige Untersuchung. «Die FMH will die Kontrolle über die Statistik behalten. Jeder Versuch, diese Deutungshoheit zu übernehmen, wird bekämpft», sagte Locher zu Radio SRF. Wer die Fragen und Schlussfolgerungen bestimme, habe in politischen Debatten einen Vorteil. «Verliert man diese Kontrolle, schwächt das die eigene Position.»
Yvonne Gilli, Präsidentin der FMH, weist die Vorwürfe zurück. Die Administrationslast zu reduzieren, sei eine strategische Kernaufgabe des Verbands. Am scharfen Ton der E-Mails sieht sie nichts Ungewöhnliches. Die Studie sei durch die Kritik besser geworden.
Studie startet im Mai
Grundlegende Änderungen an der Methodik nahm das Projektteam jedoch nicht vor. Allerdings passte es die Stichprobe an. Die Westschweiz wird einbezogen, und auch Praxisassistenzen werden nun befragt. Diese Zugeständnisse waren gemäss Radio SRF der Preis dafür, dass die FMH ihren Widerstand aufgab und die Studie nicht länger aktiv behinderte.
Im Mai soll die Erhebung beginnen. Ergebnisse werden erst im nächsten Jahr erwartet.
Der Beobachter-Prämienticker
Der Prämienticker schaut Lobbyisten und Profiteuren des Gesundheitswesens auf die Finger, deckt Missstände auf und sammelt Erfahrungen von Patienten, die unnötige Ausgaben vermeiden konnten.
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- Radio SRF, «Echo der Zeit»: FMH will keine Transparenz
- Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH): Mailkorrespondenz




