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Kampf gegen SpitalTod am Geburtstag

Warten in der Notfallaufnahme
Warten auf die Diagnose – ist es etwas Ernstes? Bild: Andreas Gefe

Ein 49-Jähriger hat einen Herzinfarkt. Auf der Notfallstation wird das nicht erkannt. Er stirbt. Seine Exfrau nimmt den Kampf gegen das Spital auf.

von Yves Demuthaktualisiert am 2017 M11 10

Im Lift nach unten kann sich Gaetano Testa* kaum aufrecht halten. Seine Begleiterin geht mit ihm durch das Untergeschoss des Spitals zur Notfallanmeldung. Sie ruft nach einem Arzt. Es ist 14.34 Uhr. Testa sagt, er habe Atemnot und anhaltende Schmerzen in der Brust. Die Notfallpflegerin schickt sie erst ins Wartezimmer, dann zur Spital-Hausarztpraxis für die «leichteren Fälle». Das war ein Fehler. Ein Fehler, für den sich das Kantonsspital Olten nicht entschuldigen wird. Ein Fehler, den Testas Exfrau Christine Brugger* bis heute nicht verkraften kann.

Die 43-Jährige sitzt am Küchentisch in ihrem Haus in Wangen bei Olten. Ihre Hände umklammern eine Kaffeetasse, als wäre ihr kalt. Vor ihr auf dem Tisch steht die Urne mit der Asche ihres Exmanns. Christine Brugger zeigt auf den leeren Stuhl dahinter. Dort habe sich Gaetano jeweils zum Znacht hingesetzt, bevor er in seine Einliegerwohnung hinaufgestiegen sei. Über der Stuhllehne hängen der Lieblingspulli und die Tommy-Hilfiger-Jacke des Toten. Auf der Urne liegt sein Lieblingsbuch, «Der Hobbit» von J. R. R. Tolkien. Seit sechs Monaten bleibt sein Platz leer.

«Ca. 2 Stunden ohne adäquate Behandlung»

Gaetano Testa stirbt an seinem 49. Geburtstag an den Folgen eines Herzinfarkts. Um 19.29 Uhr stellt der Oberarzt die Wiederbelebungsversuche ein. Zwei Tage später erstattet Christine Brugger Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung. Der Verstorbene habe «ca. 2 Stunden im Spital Olten ohne adäquate Behandlung verbracht, was die Chance auf eine positiv verlaufende Operation minderte», berichtet der Polizist der Fahndung Ost später. Doch zu einem Strafverfahren gegen die Ärzte kommt es nicht.

Wenn Christine Brugger über die bangen Stunden in den Wartezimmern des Spitals spricht, flucht und weint sie. «Ich hoffe immer noch, dass Gaetano durch die Tür kommt und nach mir ruft.» Auch nach der Scheidung sind sich die beiden nahegestanden. Der gemeinsame Sohn lebte mit seinen getrennten Eltern unter demselben Dach. Der Zwölfjährige schlief oben beim Vater und ass unten bei der Mutter und ihrem neuen Mann. Christine Brugger kochte und wusch für ihren Exmann und für ihren jetzigen Ehemann. «Sie konnten sich gut leiden. In die Ferien fuhren wir drei immer gemeinsam mit dem Kleinen.» Pause. «Jetzt hat er keinen Vater mehr.»

Er weigert sich, ins Spital zu fahren

Drei Tage vor Ostern fahren Christine Brugger und Gaetano Testa mit den zwei Haushunden ins Hundetraining. Als sie nach der Lektion zum Auto zurückgehen, wird er plötzlich aschfahl im Gesicht und schnappt nach Luft. Er bleibt stehen und klammert sich an die Autotür. Dann entspannt er sich wieder. Ihm sei schwarz vor Augen geworden, sagt er. Sie will sofort ins Spital. Er nicht. Sie streiten heftig. Zu Hause kocht sie Lasagne für die Patchworkfamilie. Er geht früh ins Bett. Sie macht sich Sorgen. 

«Mach dir keinen Kopf», sagt er am nächsten Morgen. Es ist sein Geburtstag. Es ist Mittwoch vor Ostern, die Nachbarn kommen auf einen Schwatz und verabschieden sich in die Ferien. Er lacht und scherzt. Doch Christine Brugger hat ein schlechtes Gefühl. Sie beobachtet ihn. Sie besprechen seinen Geburtstags-Pokerabend, der für den nächsten Abend geplant ist. Die drei Hausbewohner wollen mit zwei guten Freunden wieder einmal richtig pokern. Das kann gut bis vier Uhr morgens dauern.

Das Personal zeigt keine Eile

Am Mittag sagt Gaetano Testa, er lege sich etwas hin. Danach würde er gern ins Spital gehen, vielleicht sei ja doch was. Um zwei Uhr steuert er den Wagen Richtung Spital Olten, sie sitzt auf dem Beifahrersitz. Doch beim Spitaleintritt deutet die Pflegerin, die die Erstbetreuung macht, die Symptome falsch. Sie lässt den Patienten nicht in die «eigentliche Notfallstation» vor, obwohl bei seinem fortgeschrittenen Herzinfarkt die Zeit massiv drängt, wie der medizinische Gutachter später anmerkt.

Das Personal zeigt keine Eile. Im Wartezimmer fragt die Pflegerin den Patienten, ob es eine Muskelentzündung sein könnte. Christine Brugger wird laut und verwirft die Hände. Nein, sicher nicht, habe ihr Exmann geantwortet. Die Pflegerin habe ihm dann gesagt, er solle sich in der Nofol melden. Das ist die Hausarztpraxis des Oltner Kantonsspitals für Fälle, die nicht akut sind. Sie ist für kleinere Verletzungen zuständig und wird ausserhalb der Bürozeiten von der regionalen Hausärztevereinigung betrieben.

Als die Ärztin den Herzinfarkt bestätigt, schreit seine Exfrau nur noch. «Ich konnte nicht mehr.»
Quelle: Andreas Gefe

«Es gab keine Begleitung in die andere Station, keinen Rollstuhl, keine Frage, ob es geht! Ich dachte, ich spinne», sagt Christine Brugger. Beim Spital-Hausarzt müssen sie erneut warten. Sie spielen auf ihren Handys. Über zehn Minuten vergehen, bis sie aufgerufen werden. 

Die Ärztin, Pult und Laptop hinter sich an der Wand, bittet Gaetano Testa, Platz zu nehmen, fragt nach Herzproblemen in der Familie und hört das Herz mit dem Stethoskop ab. Sie lässt die Brust rasieren und ein Elektrokardiogramm machen. Die Herzschlagkurven, die das Gerät ausspuckt, sind wirr. Die Ärztin verlangt ein zweites Kardiogramm. Genauso wirr. Sie greift zum Telefonhörer und spricht so leise, dass Christine Brugger nichts versteht. «Wir müssen wegen Ihres Herzens schauen. Wir bringen Sie in einen anderen Raum», erklärt sie Testa.

Der Zusammenbruch im Schockraum

Als Christine Brugger das Wort Herz hört, bekommt sie Angst. Es habe ewig gedauert, bis die Pfleger gekommen seien. «In dieser Zeit hätte ich drei Cervelats geschält.» Ihre Stimme bebt vor Wut. Doch die Pfleger hätten den Notfall kein bisschen ernst genommen und die ganze Zeit auf dem Weg zum Schockraum geplaudert und getrödelt. 

Dann wird ihr schwindlig. Der Blutzucker ist abgesackt. Christine Brugger setzt sich auf einen Stuhl und weint. Weil sie den Anblick ihres Exmanns auf dem Klinikbett nicht erträgt, verlässt sie den Raum. Beim Gehen stützt sie sich an der Wand ab.

Als die Assistenzärztin zu ihr ins Wartezimmer kommt und den Herzinfarkt bestätigt, schreit sie. «Ich konnte nicht mehr. Ich war mit meinen Nerven am Ende.» Gaetano Testa wird mit der Ambulanz ins Herzkatheterlabor des Bürgerspitals Solothurn verlegt. Zwei Sanitäter tragen ihn hinaus und fragen Christine Brugger, ob sie ihm noch etwas sagen wolle.
Sie sagt: «Du blöde Löli, weisst du, dass du einen Herzinfarkt hattest?»
Er sagt: «Mach dir keine Sorgen. Morgen bin ich zurück.»

Es sind die letzten Worte, die sie mit ihm wechselt. Im Krankenwagen darf Christine Brugger nicht mitfahren. Die Sanitäterin sagt: «Sie müssen Ihr Auto vom Notfallparkplatz wegfahren.» Den schnoddrigen Ton vergesse sie nicht. Die Szene gehe ihr jeden Abend vor dem Einschlafen durch den Kopf.

Zu Hause ruft sie viermal im Spital an. Auskunft gibt es nicht. Nach acht Uhr klingelt das Telefon. Sie wirft den Stuhl um, stolpert über die Hunde und brüllt ihren Nachnamen ins Handy. Es ist ein Oberarzt des Bürgerspitals: «Ich muss Ihnen leider mitteilen…» – «Nein! Sagen Sie das nicht.» – «Ihr Exmann ist leider um 19.29 Uhr verstorben.» 

Sie habe nur noch geschrien, sagt Christine Brugger. Sie nimmt ein neues Taschentuch und trocknet ihr verheultes Gesicht. Sie sei mit dem Sohn ins Spital gefahren. Gaetano Testa trägt ein weisses Nachthemd. Sein Körper ist noch warm. Sie fährt ihm durchs Haar, schüttelt ihn, ruft seinen Namen. «Ich hoffte, Gaetano steht wieder auf.» 

Das Verfahren wird eingestellt

Zwei Tage später reicht sie Strafanzeige ein. Dass die Notfallstation sie nicht ernst genommen habe, sei fahrlässige Tötung. Wenige Stunden später lässt der Staatsanwalt den Leichnam beschlagnahmen. Im Institut für Rechtsmedizin in Basel ergibt die Obduktion, dass Gaetano Testas ausgedehnter Herzinfarkt bereits zu fortgeschritten war. Selbst wenn sich das Kantonsspital Olten beeilt hätte, wäre er gestorben. 

Für das Spital ist dieser Befund ein Glück. Die Ärzte trifft keine Schuld, da der Fehler in der Notfallaufnahme keinen kausalen Zusammenhang mit dem Tod des Patienten hatte. Der Staatsanwalt stellt das Verfahren ein. Das Kantonsspital Olten ist sich deshalb keiner Schuld bewusst. Es seien keine Fehler passiert, sagt ein Sprecher. Das hätten interne Abklärungen bestätigt. Das Team hätte den Fall nachbesprochen, doch es müssten keine konkreten oder systematischen Lehren daraus gezogen werden.

Christine Brugger kann nicht verstehen, warum das Spital mauert. «Nicht einmal eine Entschuldigung gibt es. Die haben Schiss, irgendetwas zuzugeben», sagt sie. Sie plant nun ihre letzte Reise mit Gaetano Testa. Gemeinsam mit ihrem Sohn wird sie seine Asche nach Italien in sein Familiengrab bringen. «Ich hoffe, die Tage werden etwas leichter, wenn seine Asche im Grab ruht.» Es klingt nicht, als ob sie daran glaubt.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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3 Kommentare

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ebwaldrueh
Tod am Geburtstag Zuerst wieder einmal einen Grossen Dank an den Beobachter der solche Missstände an die Oeffendlichkeit bringt bin langjähriges Mittglied des Beobachters. mein Kommentar zu diesem Leidigendem Fall. Frau Christine Brugger* schiebt denn schwarzen Peter dem Spital Olten zu. sicher hat das Notfall-Personal Fehler gemacht, aber kehren wir den Spiess um, Frau Brugger * und ihr Ex-Ehemann hätten die ersten Anzeichen wie sie beschreibt erkennen müssen Atemnot Klemmen in der Brust ist ein höchstes Alarmzeichen ein Fall für den Notruf 144 darüber wird immer wieder in Zeitschrifften und Fernsehen berichtet, hatte Frau Brugger * sofort reagiert würde ihr Ex-Ehemann noch leben bin ich überzeugt. Erwin Jantz
beni.bammert
Solange wir in Spitälern Ärzte haben, welche während ihrem Studium keinen Patientenkontakt haben und somit auch keine praktische Erfahrung, werden immer wieder solche Vorfälle passieren. Zudem hat es sehr viel fremdsprachiges Personal, welches keine Ahnung hat was der Patient eigentlich sagen will. Hauptsache der Rubel rollt. Zudem muss eine ausgebildete Pflegeperson so viel für den Arzt denken, damit keine Fehler passieren. Denn im Notfall sind meist Assistenzärzte, welchen dann halt eben die Erfahrung fehlt. Als Pflegeperson macht man den Arzt oft auf Fehlentscheide aufmerksam. Die Pflege sollte den Lohn der Ärzte eigentlich auch bekommen, denn ohne diese gäbe es noch mehr solcher Zwischenfälle.
bkuenzle
Es fehlt die Haftung. Wenn dieser Anspruch vorhanden wäre, würde jeder Angestellte/r in einem Spital reagieren. Ob richtig oder nicht, hängt vom Ausbildungsstand, persönl. Zustand (Stress) etc ab. Das Versagen steht krass zu den hohen Prämien. Eine finanzielle Genugtung wäre auf alle Fälle angebracht, wissend, dass damit der Verlust des Ehemanns nicht gedeckt werden kann.