Wenn eingespielte Spitalteams und Chirurgen eine Operation häufig durchführen, kommt es seltener zu Komplikationen und zu weniger Todesfällen. Denn Übung macht auch im OP den Meister.

Doch viele mittlere und kleinere Spitäler kümmert das wenig. Sie werben lieber mit einem möglichst breiten Angebot an Operationen. Deshalb wehren sie sich, wenn ihnen die Kantone Mindestfallzahlen vorschreiben wollen.

Das zeigt sich am Beispiel der Erstoperationen von Brustkrebs – wenn die Brust erhalten oder wenn sie entfernt werden muss. Das Resultat von zehn neu ausgewerteten Studien ist überraschend klar: Routine beeinflusst das Behandlungsergebnis stark.

«In Krankenhäusern mit höheren Fallzahlen und bei Ärzteteams, die viele Brustkrebs-Operationen durchführen, sind die Überlebenschancen für die operierten Brustkrebs-Patientinnen insgesamt höher. Zudem kommt es seltener vor, dass an der operierten Brust weitere Eingriffe notwendig werden», heisst es in der Studie des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen im Auftrag der deutschen Ärzte und Krankenkassen.

Nur 19 von 102 Brustkrebszentren haben ein Krebsliga-Zertifikat

Bereits frühere Studien hatten die Deutsche Krebsgesellschaft DKG dazu veranlasst, die Anforderungen an Brustkrebszentren zu erhöhen. Seither gibt es das entscheidende DKG-Zertifikat nur, wenn an einem Standort pro Jahr mindestens 100 und von Chirurgen mindestens 50 Erstoperationen von Brustkrebs durchgeführt werden.

In der Schweiz zertifizieren die Krebsliga und die Schweizerische Gesellschaft für Senologie die Brustzentren. Nach eigenen Angaben tun sie das bereits seit 2010. Notwendig dafür sind mindestens 100 Erstoperationen von Brustkrebs, drei Jahre nach der Erstzertifizierung mindestens 125. Die einzelnen Chirurgen müssen mindestens 30 Eingriffe pro Jahr durchführen.

Nur: Bis heute haben sich laut Krebsliga nur 19 von 102 Brustkrebszentren zertifizieren lassen. Trotz dieser tiefen Beteiligung soll die Zertifizierung freiwillig bleiben. Weder die Kantone, die die Bedingungen für die kassenpflichtigen Spitallisten festlegen, noch der Bund, der die Qualität aller Pflichtleistungen kontrollieren muss, wollen den Spitälern fixe Mindestfallzahlen vorgeben.

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Das hat Folgen. 2018 – neuere Daten gibt es nicht – gab es 48 Spitäler, die weniger als 50 Frauen operiert haben. 18 meldeten zwischen 50 und 99 Brustoperationen. Damit wurden insgesamt 2122 Frauen in Spitälern operiert, die die Zertifizierungsbedingungen nicht erfüllten. Also jede vierte betroffene Frau.

So etwas wäre in den Niederlanden undenkbar. Die Krankenkassen müssen dort den Spitälern, denen es an Routine fehlt, die Eingriffe nicht bezahlen.

Vergebliche Forderung nach Mindestfallzahlen

Die konkreten Fallzahlen, aufgelistet nach Spitälern, veröffentlicht das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nicht. Josef Hunkeler, jahrelang Gesundheitsspezialist beim Preisüberwacher, hat sie für den Beobachter in mühseliger Kleinarbeit aus zwei BAG-Datenbanken herausgefiltert. «Die Zahlen zeigen ein eher geschöntes Bild», sagt Hunkeler – weil sie nicht pro Spitalstandort, sondern pro Spitalgruppe ausgewiesen werden. So werden Brig und Visp («Spitalzentrum Oberwallis») oder Heiden und Herisau («Spitalverbund AR») als je ein Standort gezählt. Deshalb sind in der BAG-Datenbank nur 102 «Spitäler» aufgeführt, obwohl 126 Standorte Brustoperationen durchführen.

Vermeidbare Risiken, weil den Spitälern die Routine fehlt: Patientenorganisationen und der Konsumentenschutz verlangen schon lange eine Abkehr von dieser Praxis. Allerdings vergeblich, solange verbindliche Mindestfallzahlen für einzelne Spitalstandorte und einzelne Chirurgen nicht Pflicht sind.

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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