Über seine Schwerhörigkeit Schwerhörigkeit AHV zahlt bald für zwei Hörgeräte redet Christof Roost offen, und manchmal fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: «Anschreien müssen Sie mich deswegen aber nicht.» Der 65-jährige, heute pensionierte Sozial­pädagoge und Suchtberater hat sich vor einigen Jahren neue Hörhilfen anpassen lassen. Seit 2009 ist er auf die Geräte angewiesen, und er kann problemlos dazu stehen: «Für mich gibt es keinen Grund, etwas zu ­verstecken.» Durch wiederholte Hör­stürze war sein Gehör ­immer schlechter geworden. Er ­registrierte es schnell – und wollte rasch etwas dagegen unternehmen. Zuhören und verstehen war in seinem Beruf schliesslich zentral.

Von anderen weiss er, dass deren Hörkraft über Jahre langsam nachliess. Und entsprechend lange brauchten sie, um es sich einzugestehen. Auch Hinweise aus Familie oder Freundeskreis werden oft ignoriert. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre, bis Betroffene etwas gegen ihre Schwerhörigkeit unternehmen.

Das Hirn verlernt zu hören

Das Zuwarten hat schlimme Folgen: Es kommen immer weniger Reize im Hörzentrum des Gehirns an. Es verlernt, Geräusche einzuordnen und zu verarbeiten. Aufmerksamkeit und Denkleistung verschlechtern sich Hirnforschung «Fordern Sie Ihr Gehirn, sonst schrumpft es» . Betroffene haben zunehmend Mühe, einem Gespräch zu folgen. «Oft ziehen sie sich zurück und vernachlässigen soziale Kontakte Einsamkeit Wege aus der Isolation », sagt Hörberaterin Claudia Bisagno von Pro Audito Schweiz, einer Organisation für Menschen mit Hörproblemen. Neuere Studien deuten ausserdem auf ­einen Zusammenhang ­zwischen Hörschädigungen und Depressionen beziehungsweise Demenz hin.

Die Empfehlung ist klar: erste Anzeichen ernst nehmen und untersuchen lassen. Einen Ohrenarzt zu konsultieren empfiehlt sich auf ­jeden Fall. Denn es ist wichtig, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Vielleicht stellt sich heraus, dass gar kein Hörgerät notwendig ist, dafür medizinische Hilfe. Etwa bei einer Mittelohrentzündung oder wenn der Gehörgang verstopft oder das Trommelfell verletzt ist.

Wenn es ein Hörgerät braucht, ist der ärztliche Befund Voraussetzung, damit sich AHV oder IV an den Kosten beteiligen. Denn ein paar tausend Franken – inklusive Beratung und Wartung der Apparate – kommen schnell zusammen.

Fast unsichtbare Hörgeräte

Bloss keine Prothese! So reagieren viele Betroffene beim Thema Hör­geräte. «Sie werden mit Alter und Gebrechlichkeit Alternde Eltern Wie spreche ich das Thema richtig an? in Verbindung gebracht», erklärt der Zürcher Akus­tiker Michael Stückelberger. Es handle sich – im Gegensatz zu ­Brillen – nicht um ein Modeaccessoire. Dabei gibt es heute geschätzt 1700 Modelle, die ansprechender aussehen als früher. Im Trend liegen kleine Knöpfe und Stöpsel, die im Ohr kaum sichtbar sind.

Eine längere Test- und Gewöhnungsphase von bis zu einem halben Jahr müssen Hörgeräteträger einkalkulieren. Man sollte deshalb einen Akustiker wählen, dem man vertraut und der bei Nachbesserungen geduldig bleibt. «Legen Sie Wert auf individuelle Beratung und Betreuung», sagt Akustiker Stückelberger. Es empfiehlt sich, verschiedene Modelle zu testen und Protokoll über die Erfahrungen zu führen.

Ein gewisses Misstrauen ist gut

Zwischen dem, was sich bei den ­Geräten objektiv messen lässt – etwa die Verständlichkeit Integrative Schule Das einsame Leiden der Legastheniker –, und dem, was man subjektiv als angenehm empfindet – Klang oder Laut­stärke –, fällt die Entscheidung oft schwer. «Sie nehmen – trotz gewissen Filtern – ­alles wie durch einen Verstärker wahr, auch Umgebungslärm», sagt Christof Roost.

Wichtig sei auch ein gesundes Misstrauen gegenüber Werbeversprechen. Was bringen zig Einstellungen, wenn der Träger nur zwei oder drei braucht? Und was nützt der winzige Knopf im Ohr, dessen Batterie so klein ist, dass man sie nicht selbst wechseln kann? Ein Hörgerät müsse alltagstauglich sein, sonst bleibe es in der Handtasche oder in der Nachttischschublade.

«Ich war sowieso nie Hardrock-Fan»

Hörhilfen vermögen nicht zu leisten, was die Ohren einst konnten. Dennoch erleichtern sie den Alltag und stellen sicher, dass man am sozialen Leben teilhaben kann, lautet Roosts Fazit. Er kann sogar seinem geliebten Hobby nachgehen, dem Chor­gesang. Konzerte in geschlossenen, hallenden Räumen werden ihm  hingegen schnell zu viel, vor allem ­E-Bass und Schlagzeug dröhnen ­unangenehm in den Ohren. Er trägt es mit Fassung: «Ein Hardrock-Fan war ich sowieso nie.»

Schwerhörigkeit: Jeder Dritte ab 65 betroffen

Je älter man wird, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Gehör verschlechtert Ohrenschmalz Wer nicht hören kann, muss spülen . Das natürliche Hörvermögen nimmt etwa ab 50 langsam ab. Der Prozess verläuft schleichend und lässt sich medizinisch nicht beheben. ­Ursache ist Verschleiss an den Haarzellen des Innenohrs. Ihre Funktion ist es, Geräusche auf den Hörnerv zu übertragen.

Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis) wird durch Faktoren wie Lärmbelastung, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Test Wie geht es Herz und Kreislauf? , erbliche Veranlagung oder Nikotinkonsum beschleunigt. Meistens nimmt man zuerst hohe Frequenzen nicht mehr wahr. Sich in lauter Umgebung – etwa an einer Cocktailparty – zu verständigen wird ebenfalls schwieriger.

Laut Schätzungen ist in der Schweiz jeder Dritte ab 65 Jahren schwerhörig. Bei den über 70-Jährigen ist es sogar mehr als jeder Zweite.

Fachleute raten, auf die folgenden ersten Anzeichen zu achten:

  • Sie müssen öfter nachfragen, weil Sie denken, andere reden undeutlich.
  • Sie stellen Radio und Fernseher immer lauter.
  • Sie hören das Telefon- oder das Haustürklingeln schlechter.
  • Sie verstehen Gesprächspartner bei Umgebungslärm nicht gut.
  • Sie hören die Vögel nicht mehr zwitschern.
     

Wer dies an sich feststellt, sollte zum Ohrenarzt gehen. Auch ein anonymer Telefontest des Vereins Pro Audito Schweiz (0900 400 555; CHF 0.50.– pro Minute ab Festnetz, der Hörtest dauert rund fünf Minuten) gibt einen ersten Eindruck, wie es ums Gehör steht.

Quelle: Getty Images

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Schwerhörigkeit

Wie stelle ich fest, dass ich nicht mehr gut höre?

Altersschwerhörigkeit entsteht nicht von heute auf morgen. Sie können noch recht lange hören. Sie haben aber immer mehr Mühe, das Gehörte richtig zu verstehen. Das zeigt sich in alltäglichen Gesprächssituationen. Oder daran, dass Sie die Laut­stärke von Radio und Fernseher zu stark aufgedreht haben. Oder Sie müssen beim Telefonieren häufig den Hörer von einem Ohr zum andern wechseln, weil Sie den Anrufer nicht gut verstehen.
 

Wo gibt es Hörtests?

Falls Sie erste Symptome eines Hörverlustes wahrnehmen, sollten Sie einen Hörtest machen. Am einfachsten und schnells­ten geht das mit den folgenden Tests.

  • Beim Swatch-Test legen Sie eine Swatch-Uhr in einem ruhigen Zimmer auf einen Tisch. Sind Sie 50 Jahre alt, sollten Sie das Ticken der Uhr bis 50 Zentimeter Ent­fernung hören. Bei 25-Jährigen liegt die Distanz bei zwei Metern, bei 70-Jährigen verringert sie sich auf 15 Zentimeter.
  • Beim Telefon-Hörcheck von Pro Audito Schweiz unter der Nummer 0900 400 555 (50 Rappen pro Minute ab Festnetz) sollen Sie während knapp fünf Minuten Zahlen erkennen, die Ihnen eine Tonbandstimme unterschiedlich laut und mit Hintergrundgeräuschen vorliest. Am Ende erfahren Sie, ob Ihr Gehör im «normalen Bereich» liegt oder darunter.

Falls Sie bei einem dieser Tests Probleme feststellen, sollten Sie sich von einem Hörgeräte-Akustiker untersuchen lassen. Das ist in der Regel kostenlos.
 

Soll ich auch zum Ohrenarzt?

Ja, unbedingt. Denn der Arzt klärt die Ursache des Hörverlustes ab. Unter Umständen benötigen Sie kein Hörgerät, sondern medizinische Hilfe, weil zum Beispiel der Gehörgang verstopft oder das Trommelfell verletzt ist. Zudem brauchen Sie die ärztliche Expertise über den Hörverlust, damit die IV oder die AHV sich an den Kosten für das Hörgerät beteiligt.
 

Kann man einen Hörverlust medizinisch korrigieren?

Nein, in aller Regel nicht. Die meisten Personen leiden unter einer Innenohr-Schwerhörigkeit, bei der die Haarzellen der Hörschnecke langsam absterben. Sie kann weder mit Medikamenten noch mit einer Operation behoben werden. Anders sieht es aus, wenn etwa das Mittelohr entzündet, verletzt oder verknöchert oder das Trommelfell verletzt ist. Die dadurch verursachte Mittelohr-Schwerhörigkeit kann medizinisch korrigiert werden.
 

Ist der Weg zum Hörgerät ähnlich einfach wie zu einer Brille?

Nein. Sie brauchen viel mehr Geduld. Der Akustiker muss das Hörgerät ans Ohr und ans Hörbedürfnis anpassen. Anschliessend tragen Sie das Gerät einige Tage zur Probe. Erfahrungsgemäss werden Sie zwei bis vier Geräte testen. Sie müssen daher mit sechs bis zehn und mehr Sitzungen beim Akustiker rechnen. Haben Sie sich für ein Gerät entschieden, muss sich das Ohr an das Gerät gewöhnen. Das kann zwei Wochen bis sechs Monate dauern. Und wenn Sie auch das geschafft haben, sollten Sie das Gerät alle drei Monate vom Akustiker kontrollieren lassen – denn das Gehör oder die Hörsituation kann sich verändern. Zudem kann Ohrenschmalz das Gerät verstopfen.
 

Wo finde ich einen guten Akustiker?

Mit der Wahl des Akustikers ist es wie mit dem Zahnarzt. Sie müssen Vertrauen zu ihm haben können. Folgen Sie Empfehlungen im Bekannten- oder Verwandtenkreis. Klappt das nicht, können Sie sich an Pro Audito Schweiz wenden.
 

Was für Hörgeräte gibt es?

Es wird geschätzt, dass es weltweit rund 1000 verschiedene Geräte gibt. Ein Akustiker führt daher – notgedrungen – nur eine beschränkte Zahl Geräte. Die häufigsten Bauformen sind die hinter dem Ohr (HdO-Geräte) sowie die im Ohr oder im Ohrgang getragenen Geräte (IdO-Geräte). Bei extremer Schwerhörigkeit kann auch chirurgisch ein Implantat in die Hörschnecke eingesetzt werden (Cochlea-Implantat).
 

Wie viel kostet ein Hörgerät?

Das Gerät selber gibt es ab ein paar hundert Franken. Dazu kommen die Kosten für die Arbeit des Akustikers: Beratung, Diagnostik, vergleichende Anpassung, individuell angefertigtes Ohrpassstück und Nachbetreuung (etwa bei Bedienungsproblemen oder zur Reinigung). Sie müssen daher mit Gesamtkosten ab 1500 Franken für ein Ohr bis zu 10'000 Franken für beide Ohren rechnen.

Weitere Informationen zu Schwerhörigkeit

  • www.pro-audito.ch: Organisation für Menschen mit Hörproblemen. Sie bietet Beratung an und führt Verständigungstrainingskurse durch.
  • www.verband-hoerakustik.ch: Verband der Hörsystemakustik-Fachgeschäften, hier findet man eine Liste mit Fachgeschäften in der Nähe des eigenen Wohnortes.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Wissen, was dem Körper gut tut.

Der Gesundheits-Newsletter