Treffen sich drei Freunde in einer Bar. Die Nacht ist noch jung, die Stimmung ausgelassen. Es gibt etwas zu feiern. Carla bestellt einen Cocktail, Robin ein Glas Rotwein und Bianca ein Bier. Dasselbe wie immer, dasselbe immer wieder. Zwölf Stunden später folgt auf einen guten Abend ein schlechter Morgen. Der Magen rebelliert, der Kopf brummt. Was ist passiert?

Zurück in die Bar, wo die drei Freunde vor ihren Getränken sitzen. Es dauert nicht lange, bis sich der Alkohol bemerkbar macht. Schon mit den ersten Schlucken gelangt eine kleine Menge über die Schleimhaut im Mund und in der Speiseröhre ins Blut. Rund ein Viertel folgt im Magen, die restliche Flüssigkeit wandert weiter in den Darm. Von da aus gerät der grösste Teil des Alkohols ins Blut und verteilt sich im Körper.

Bei Carla passiert das besonders schnell, denn ihr Cocktail enthält viel Zucker. Bei Bianca dauert es etwas ­länger, bis das Bier in den Darm gelangt. Ihr Magen ist noch mit dem Sandwich beschäftigt, das sie eben erst gegessen hat. Rotwein-Robin spürt nach dem ­ersten Glas noch nichts.

Frauen spüren Alkohol schneller

Trinken Frauen und Männer unter denselben Bedingungen, spüren Frauen den Alkohol meist schneller. Das liegt am Körperbau: Bei einer Frau zwischen 20 und 39 Jahren beträgt der normale Körperfettanteil 21 bis 32,9 Prozent. Bei einem Mann im gleichen Alter liegt er zwischen 8 und 19,9 Prozent. Je höher der Fettanteil, desto niedriger der ­Wasseranteil. «Bei Männern ist der Körperwasseranteil grösser, der wasser­lösliche Alkohol hat also ein grösseres Volumen, in dem er sich verteilen kann. Somit ist die Blutalkoholkonzentration geringer als bei Frauen», erklärt Bar­bara Felbecker, Oberärztin Neurologie am Kantonsspital St. Gallen.

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Neben Geschlecht und Körperbau haben auch weitere Faktoren einen ­Einfluss auf die Toleranz: das Getränk, die Trinkgeschwindigkeit, das Alter, die Stimmung. Wie viel Alkohol jemand verträgt, unterscheidet sich von Person zu Person und von Mal zu Mal.

Nach dem zweiten Bier setzt Bianca für eine Runde aus und bestellt ein Glas Wasser. Rotwein-Robin und Cocktail-­Carla trinken munter weiter. Gegessen haben sie nicht, Hunger haben sie keinen. Die Freunde reden viel und lachen noch mehr – der Alkohol sorgt für eine stärkere Ausschüttung der Glückshormone Dopamin und Endorphin. Das macht sie locker und euphorisch.

Ein Botenstoff-Durcheinander

An die Folgen denkt zu diesem Zeitpunkt niemand. Ist der Alkohol schon im Blut, kann man Katerkopfschmerzen ohnehin nur bedingt ver­hindern. «Es gibt noch keine überzeugenden Daten zu vorbeugenden Massnahmen», sagt Felbecker. «Wer sichergehen will, muss auf Alkohol verzichten. Wenn man das nicht will, ­sollte man dem Körper Energie und nicht alko­holische Flüssigkeit liefern, also etwas essen und trinken.»

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Obwohl die drei Freunde vermeintlich viel trinken, dehydrieren ihre Körper. Der Alkohol hemmt die Ausschüttung des Hormons Vasopressin, das den Flüssigkeitshaushalt regelt und dafür sorgt, dass Wasser in der Niere zurückgewonnen wird. Nun wird es direkt an die Blase weitergeleitet. Carla, Robin und Bianca gehen häufiger zur Toilette. Die anfängliche Euphorie schwindet mit steigendem Alkoholpegel. Im Gehirn geraten Botenstoffe durcheinander und Reize werden schlechter weiter­geleitet. Aufmerksamkeit, Konzentration und Koordination lassen nach.

Die Körper der drei arbeiten auf Hochtouren, um den Alkohol abzu­bauen. Nur ein kleiner Teil wird über Lungen, Haut und Nieren ausgeschieden – beim Atmen, Schwitzen oder Urinieren. Den grössten Teil neutralisiert die Leber. In einem ersten Schritt wird hier der Alkohol in Acet­aldehyd umgewandelt. Dafür ist vor allem ein Enzym verantwortlich, das den Namen ADH (Alkoholdehydrogenase) trägt.

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Erneut sind Carla und Bianca im Nachteil: Frauen produzieren kleinere Mengen davon. Das entstandene Acetaldehyd ist giftig und greift die Zellen an. Es muss deshalb schnell wieder ­abgebaut werden. In einem zweiten Schritt wandelt das Enzym ALDH (Alde­hyd-Dehydrogenase) das giftige Acet­aldehyd in ungiftige Essigsäure um, die danach abgebaut wird. Diese Prozesse kosten den Körper viel Energie.

Besonders aufwendig ist der Abbau bei vielen verschiedenen Inhalts­stoffen. Mit immer wieder anderen Cocktails tut Carla ihrem Körper keinen Gefallen. Auch Rotwein, Rum oder Whisky haben mehr Inhalts- und ­Aromastoffe als klarer Alkohol wie ­Wodka oder Gin. Neben dem Trink­alkohol Ethanol enthalten sie Begleitalkohole, die bei der Gärung entstehen. Diese ­Fuselöle werden erst nach dem Ethanol abgebaut und bleiben länger im Körper.

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Nur wenige sind resistent

Zurück zu Hause geht es Bianca am besten. Sie hatte etwas gegessen, langsam getrunken und Wasser zu sich genommen. Auch vor dem Einschlafen trinkt sie noch einmal ein Glas. Robin schläft auf dem Sofa ein, Carlas Magen rebelliert bereits. Soll sie noch etwas essen? Keine Chance.

Wie schlimm ein Kater wird, lässt sich kaum voraussagen. Schlägt er zu, dann meist mit Kopfschmerzen. Nur 20 Prozent der Menschen sind gegen solche resistent. Katerkopfschmerzen werden in der Wissenschaft zeitverzögerte alkoholinduzierte Kopfschmerzen genannt und treten fünf bis zwölf Stunden nach dem Konsum auf. «Der genaue Ent­stehungsmechanismus ist noch nicht ­geklärt – es spielen verschiedene Fak­toren zusammen», sagt Fel­becker. «Man geht davon aus, dass die Kopfschmerzen ­unter anderem durch das Alkoholabbauprodukt Acet­aldehyd entstehen. Dessen Konzentration steigt an, wenn der Alkohol­gehalt im Blut sinkt.» Auch der Abbau von Fuselalkoholen und der Flüssigkeitsverlust können zu den Katerkopfschmerzen beitragen.

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«Sie treten meist beid­seitig auf, pulsieren und verstärken sich bei körperlicher Aktivität. Betroffene fühlen sich oft krank und leiden unter weiteren Symptomen wie Übelkeit, Zittern, Durchfall, Appetitlosigkeit und Müdigkeit», so Felbecker. «Es kommt zu einer schlechteren Wahrnehmung und Denkleistung. Auch die Motorik und das Gefühlsleben sind ­beeinträchtigt.»

Finger weg von Schmerzmitteln

Die drei Freunde haben eine kurze Nacht. Der Alkohol liess sie zwar schneller ein-, aber schlechter durchschlafen. Bier-­Bianca ist am Morgen müde, fühlt sich sonst aber ganz okay. Rotwein-­Robin und Cocktail-Carla leiden. Im schlimmsten Fall kann es bis zu 72 Stunden dauern, bis sich ihre Körper vollständig erholt haben. «Ungeeignet sind starke Schmerzmittel, da sie die Wirkung des Restalkohols womöglich verstärken», sagt Felbecker. Auch schwächere Schmerzmittel sind nicht immer sinnvoll. Der Wirkstoff Para­cetamol kann die Leber zusätzlich ­belasten, andere Wirkstoffe wie Acetyl­salicylsäure (etwa in Aspirin enthalten) oder Ibuprofen reizen den Magen.

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Ein Patentrezept gegen Kater­beschwerden gibt es nicht: «Die Liste an Therapie-Ideen ist unerschöpflich. Sie reicht von A wie Aspirin über K wie Konterbier bis hin zu Z wie Zitronensaft. Doch für keine dieser Massnahmen existiert ein Wirksamkeitsbeleg», so Felbecker.

Trotzdem haben die meisten ein ­Kater-Hausmittel: Manchen hilft ein Spaziergang an der frischen Luft, ­andere essen eingelegte Heringe oder schlafen die Beschwerden aus.

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Darum hilft fettiges Essen nicht gegen den Kater

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Fettiges Essen hilft gegen den Kater? Von wegen! Dr. Claudia Twerenbold klärt auf – in einer weiteren Episode unserer Reihe «Gesundheit! Danke.»

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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