Aufgezeichnet von Jenny Keller:

Ich habe zystische Fibrose. Meine Lunge geht mit der Zeit kaputt – wegen der chronischen Entzündung und der Bakterien, die sich im Körper ansammeln. Deshalb habe ich eine neue bekommen. Jetzt gehöre ich zu den Personen, die das Coronavirus besonders gefährdet. Seit Ende Februar habe ich meine 2,5-Zimmer-Wohnung nur einmal verlassen – für einen Arztbesuch.

Hygienemassnahmen sind alltäglich für alle Lungentransplantierten. Hände desinfizieren, Abstand halten. Ich habe kein Problem damit, mit Mundschutz rumzulaufen Nur wenige tragen Hygienemasken «Eine Maskenpflicht würde uns entlasten» . Auf mein Immunsystem Abwehrkräfte Was stärkt unser Immunsystem? musste ich schon immer achten, aber so vorsichtig sein wie jetzt, zu Covid-19-Zeiten – das ist auch für mich neu.

Wegen meiner Erkrankung kann ich gut nachempfinden, was Covid-Patienten mit ihren Atembeschwerden durchmachen. Ich hatte früher selbst starke Hustenanfälle; dabei kam nicht genug Sauerstoff ins Blut. Ein unangenehmes, manchmal sehr beängstigendes Gefühl.

Meine Ärztin wird mir bald sagen, wie lange ich noch so isoliert leben muss. Das ist sicher auch davon abhängig, wie stabil die Fallzahlen bleiben. Vor dem Termin mit ihr habe ich Respekt. Wenn ich dann weiss: Dude, du bleibst noch so lang drinnen, bis die Impfung da ist. Und wenn du Pech hast, kommt die Impfung erst 2021 oder 2022, das wird schwierig. Vor allem, wenn die meisten anderen wieder ein fast normales Leben führen können. Du bist dann immer noch hier in der Wohnung und denkst dir so: geil.

Der Töff muss warten

Ich fahre leidenschaftlich gern Töff, lege mit meiner Aprilia Pegaso etwa 2000 Kilometer pro Jahr zurück. Darauf muss ich im Moment verzichten. Beim Töfffahren gibt es zwar keinen Kontakt zu anderen, aber es wäre gefährlich, wenn ich mich bei einem Unfall verletze. Das Risiko, im Spital eine Infektion einzufangen, ist höher als zu Hause.

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Am meisten Angst habe ich nicht davor, am Virus zu sterben, sondern dass mein Leben über Corona hinaus so eingeschränkt bleibt, dass es nicht mehr so viel Freude macht wie vorher. Mein Verhältnis zum Tod ist nämlich relativ entspannt. Dass ich kürzer leben werde als gesunde Menschen, weiss ich. Das stört mich nicht gross. Ich bin mit diesem Wissen aufgewachsen und geniesse dafür den Moment umso mehr.

Direkt nach der Transplantation musste ich mich für Monate zurückziehen, um mein Immunsystem zu schützen. Vorsichtig zu sein, hatte damals etwas Optimistisches. Ich wusste, die körperlichen Einschränkungen werden weniger, und das Leben wird wieder normal oder besser als vor der Transplantation. Doch aktuell ist alles sehr ungewiss. Man weiss nicht, wo und wie alles endet. Wie mein Körper sich verhält, wenn ich mich anstecke. Ob ich das überlebe. Also muss ich jetzt viel rigoroser sein als bisher. Das Rumsitzen zu Hause ist auf jeden Fall schlimmer als nach der Transplantation.

Die Eltern stehen vor der Tür

Einsam Einsamkeit Wege aus der Isolation fühle ich mich aber nicht. Obwohl ich kaum jemanden sehe. Meine Eltern kaufen einmal die Woche für mich ein. Sie legen die Einkäufe vor die Haustür, meistens plaudern wir kurz aus der Distanz. Per Videochat Digitale Meetings 10 einfache Tipps für Videokonferenzen und Chats bin ich mit Kollegen in Kontakt. Ausserdem habe ich viel zu tun für mein Architekturstudium. Distance-Learning ist kein Problem.

Auch neben dem Studium verbringe ich viel Zeit am Computer. Mit Serien. Und Gamen. Vor einem Jahr habe ich in einem Game-Chat meine Freundin kennengelernt. Ich habe sie noch nie persönlich gesehen, sie wohnt in Deutschland. Ganz ohne physische Nähe habe ich mich in ihre Persönlichkeit verliebt. Wenn diese Krise durch ist, planen wir ein Treffen. Ich bin der digitalen Kanäle langsam überdrüssig, wünsche mir mehr als nur Stimme und ein Gesicht. Umarmt werden wäre schön.

Für die ferne Zukunft wünsche ich mir, dass ich als Architekt tolle Bauten erstelle, die vielen Menschen etwas geben. Wohnungen zum Beispiel. Da haben wir jetzt ja alle gesehen, wie wichtig es ist, dass man sich wohl fühlt in den eigenen vier Wänden.

«Umarmt werden wäre schön.»

Jérôme Winter, 27, Architekturstudent

Jérôme Winter, 27, Architekturstudent

Quelle: Roland Schmid

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Jasmine Helbling, Redaktorin

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