Eine Tablette zu viel, eine zu wenig, eine zum falschen Zeitpunkt. Wer täglich mehrere Arzneimittel einnehmen muss, verliert leicht den Überblick. Da kann es sogar vorkommen, dass man Tag für Tag ein Medikament schluckt, das gar nicht mehr erforderlich ist. Dies war einer Rentnerin aus Lenzburg passiert. Sie musste gleichzeitig blutdruck- und cholesterinsenkende Tabletten einnehmen, dazu Medikamente gegen Diabetes, ­Arthrose und Vergesslichkeit sowie ein Magenschutzpräparat. Um eine bessere Übersicht über ihre Medikamente zu bekommen, entschied sich die Frau für einen Polymedikations-Check. Ihr Apotheker reservierte sich 15 bis 20 Minuten Zeit, um mit ihr in einem separaten Raum der Apotheke die verordneten Medikamente durchzugehen.

Das Magenschutzpräparat machte den Apotheker stutzig. Nach einem Anruf beim Hausarzt der 67-Jährigen war klar, dass sie den magenschützenden Säureblocker gar nicht mehr benötigte. Das Präparat war ihr früher verschrieben worden, als sie noch ein starkes Schmerzmittel einnehmen musste, wie aus dem Medikamentendossier der Apotheke hervorging. Inzwischen hatte die Frau das Schmerzmittel ab­gesetzt, aber das Magenschutzmittel nahm sie weiterhin. ­Der Apotheker erinnert sich: «Die Kundin hatte das Präparat aus lauter ­Gewohnheit ein­genommen. Sie war dankbar, ein Medikament weniger zu haben.»

Der Polymedikations-Check ist in anderen Ländern längst eingespielt oder wie in Gross­britannien sogar Pflicht, um Kosten zu sparen. In der Schweiz bieten die Apotheken den Service seit 2010 an. Ab einer Menge von vier Medikamenten und einer Therapiedauer von mindestens drei Monaten übernimmt die Grundversicherung der Kranken­kasse die Kosten des Polymedikations-Checks. Während des Checks macht sich der Apotheker ein genaues Bild von allen Medikamenten und beantwortet Fragen.

Ohne Therapietreue wirds gefährlich

Apotheker haben die Erfahrung gemacht, dass vielen Leuten nicht oder nicht mehr klar ist, weshalb ihnen ein Medikament überhaupt verschrieben wurde. Deshalb nehmen sie es oft auch nicht so genau mit der regelmässigen Einnahme. Wenn Patienten täglich an mehrere Arzneimittel denken müssen, verschärft sich das Problem. Bei älteren chronisch Erkrankten ist es keine Seltenheit, dass sie täglich sieben verschiedene Medikamente einnehmen – in verschiedenen Dosierungen und zu unterschiedlichen Tageszeiten, teilweise vor dem ­Essen, teilweise danach. Kein Wunder, sind zahlreiche Patienten überfordert, lassen mal die ­eine oder andere Tablette aus oder hören von sich aus mit der Medikation auf.

Damit setzen sie jedoch möglicherweise ihre Gesundheit aufs Spiel. Denn gewisse Medikamente gelten als «non-forgiving». Das heisst, dass das Medikament kurzfris­tige Pausen nicht verzeiht. Lässt man beispielsweise einen hochdosierten Betablocker aus, riskiert man ­einen überschiessenden, stark erhöhten Blutdruck. Schätzungsweise gehen zwei Drittel der vermeidbaren Spitaleintritte wegen Herzinsuffizienz und koronarer Herzkrankheit auf eine mangelhafte Therapietreue zurück.

Verschiedene Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes verursachen insbesondere im Anfangsstadium keine Symptome, weshalb die Patienten keinen Unterschied bemerken, wenn sie ein Medikament weglassen. Je mehr einem bewusst ist, wie gefährlich es ist, ­Tabletten wegzulassen, desto regelmässiger nehmen sie die Medikamente ein. So zeigen Studien, dass unter den HIV-Patienten fast 90 Prozent ihre täglichen Medikamente wie ­vorgesehen einnehmen. Bei den Personen mit ­Arthritis sind es 80 bis 85 Prozent, bei Diabetespatienten nur noch rund 68 Prozent und bei Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck 75 Prozent.

Auf die richtige Anwendung kommt es an

Beim Check erkundigt sich der Apotheker auch nach Anwendungsproblemen. Einmal stellte sich während eines Polymedikations-Checks heraus, dass eine Patientin keine Kraft mehr hatte, einen Pumpspray zu betätigen, sich aber nicht getraute, dies jemandem zu sagen.

Aus einer Studie ist auch bekannt, dass ein Viertel der Apothekenkunden Schluckschwierigkeiten hat und Mühe bekundet, die teilweise sehr grossen Tabletten einzunehmen. So konnte der Apotheker die Schmerztabletten einer betagten Patientin mit Schluckschwierigkeiten durch ein Präparat in Pulverform ersetzen, das sie in Wasser auflösen konnte.

Bestimmte Tabletten kann man problemlos teilen, in Bruchstücken einnehmen oder sogar in Wasser auflösen. Andere Präparate hingegen sollte man auf keinen Fall halbieren oder vierteln – selbst wenn eine Bruchrille vorhanden ist –, weil sich sonst ihre Wirkung verändert. Halbierte Tabletten bergen überdies die Gefahr, dass man sie nicht mehr eindeutig identifizieren kann und möglicherweise mit anderen Tabletten verwechselt.

Harmlose Mittel – heikle Kombinationen

Zu teilweise gefährlichen Nebenwirkungen kann es auch kommen, wenn man verschiedene Medikamente miteinander kombiniert. Apotheker warnen zum Beispiel davor, Blutverdünner und nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel gleichzeitig einzunehmen, die das Blut ebenfalls verdünnen. Vorher sollte man unbedingt eine medizinische Fachperson fragen, denn eine solche Kombination kann zu Magenblutungen führen – ein häufiges Problem auf den Notfallstationen der Krankenhäuser.

Der pflanzliche Stimmungsaufheller Johanniskraut kann die Wirkung von bestimmten Transplantationsmedikamenten aufheben und zur Abstossung eines transplantierten ­Organs führen. Einfache Eisen- oder Kalzium­präparate können die Wirkung von Antibiotika deutlich reduzieren. Besonders klein ist der Spielraum nach einem Herzinfarkt: Unmittelbar danach ist es gesundheitsgefährdend, den zuvor ein­genommenen Cholesterinsenker mehrere Tage auszulassen.

Doppelt hält nicht besser

Nach einem Spitalaustritt ist es besonders wichtig, alle Rezepte und Medikamente sorgfältig zu prüfen. Dies zeigte das Beispiel eines 70-jährigen Mannes, der insgesamt sieben verschiedene Medikamente einnehmen musste. Er kam nach einem Spitalaustritt zum Polymedikations-Check in die Apotheke. Vor dem Aufenthalt im Krankenhaus nahm er das Generikum eines blutdrucksenkenden Mittels. Weil im Spital auf das Originalmedikament umgestellt wurde, bekam er beim Spitalaustritt dieses Original verschrieben. Der nicht gut Deutsch sprechende Mann ging davon aus, dass es sich um ein zusätzliches Medikament handelt. Hätte der Apotheker im Gespräch mit dem Kunden nicht Klarheit geschaffen, hätte dieser die doppelte Blutdrucksenkerdosis gleichzeitig eingenommen – das Original und das Generikum. Dies wäre nicht gut gewesen, da die Möglichkeit bestanden hätte, dass er zwei, drei Tage später mit Kopfschmerzen oder Schwindel ins Spital zurückgekehrt wäre. Das hätte deutlich höhere Kosten verursacht als ein Polymedikations-Check.

Die Apotheker bieten auch Hilfestellung beim Befüllen der Wochendispenser. Das Dosiersystem mit einem Kunststoffkästchen für ­jeden Tag gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Es erleichtert vielen Patienten, regelmässig an ihre Medikamente zu denken. Gerade betagte Menschen sind oft nicht mehr in der Lage, das Dosiersystem selbständig aufzufüllen. Dank dieser Dienstleistung ist es vielen älteren oder vergesslichen Kunden möglich, ohne externe Betreuung länger zu Hause zu leben.

So gehen Medikamente nicht vergessen

  • Bauen Sie die Einnahme der Arzneien in den Tagesablauf ein. Wenn Sie mittags häufig Ihre Tabletten vergessen, können Sie diese (oder ein ande­res passendes Präparat) vielleicht am Abend einnehmen.

  • Verbinden Sie die Medikamenteneinnahme mit einer Tätigkeit wie Zähneputzen oder Frühstücken.

  • Stellen Sie den Wecker, damit er Sie an die Einnahme der ­Medikamente erinnert.

  • Ein Wochendosiersystem schafft Übersicht, wenn Sie mehrere verschiedene Arzneimittel einnehmen. Das System lohnt sich auch bereits ab zwei oder drei Medikamenten. Ein weiterer Vorteil: Sie sehen rechtzeitig, wenn Ihnen die Tabletten ausgehen. Dies ist umso wichtiger bei älteren Personen, die nicht mehr ­mobil sind. Die meisten Apotheken bieten einen kostenlosen Lieferservice an.

  • Stellen Sie den Wochen­dispenser an einen Ort, den Sie täglich sehen.

  • Lassen Sie sich SMS schicken, die Sie – wenn nötig mehrmals täglich – an die Medikamenteneinnahme erinnern. Fragen Sie Ihren Apotheker oder Arzt danach.

  • Es gibt spezielle Apps (etwa MediMemory Connect), die Sie an die Medikamenteneinnahme erinnern und Sie darüber informieren, wie ­lange Ihr Vorrat an Tabletten noch reicht.