Beobachter: Meldungen aus den USA über gravierende Lungenprobleme durch E-Zigaretten machen Angst. Sind Ihnen Fälle aus der Schweiz bekannt?
Reto Auer: In Wissenschaftskreisen wird viel darüber diskutiert. Meines Wissens wurden in der Schweiz noch keine solchen schweren Lungenprobleme ge­meldet. Der Konsum von E-Zigaretten (E-Dampfern) nimmt in der Schweiz aber stark zu, und so werden möglicherweise auch solche Fälle auftauchen. Man weiss, dass E-Dampfen bei gewissen Benutzern Asthmaanfälle auslösen kann. Auch Verölungen der Lunge wurden gemeldet, besonders bei Personen, die die Geräte exzessiv benutzen. Jetzt haben sich Ärzte in den USA wegen auffälliger ­Patienten an die Behörden gewandt, und die klären nun die Ursachen ab.


Eine kalifornische Studie spricht zudem von einem erhöhten Risiko von chronischem Husten und Bronchitis durch E-Zigaretten. Gibt es solche Fälle bei uns?
E-Dampfer sind ein Gesundheitsrisiko, zwar ein geringeres als normale Zigaretten, aber ebenfalls ein Risiko. Im jetzigen Umfeld kann man das sehr schwierig erforschen, weil der Markt total unreguliert ist. Bei Medikamenten schaut Swiss­medic Risiken genau an. Bei den E-Zigaretten gibt es keine solche Instanz.
 

«Ich sehe bisher eigentlich kaum Jugendliche, die über das Dampfen zum Rauchen gekommen sind.»

Reto Auer, Professor für Hausarztmedizin an der Universität Bern

 

Die grosse Frage ist, ob E-Zigaretten der Einstieg zum Rauchen sind. Wie beurteilen Sie das als Hausarzt?
Jeder zweite Raucher stirbt langfristig am Tabak. Mein Ziel als Hausarzt ist, dass die Leute nicht sterben. In der Hausarztmedizin gehen wir deshalb pragmatisch vor. Rauchern, die schon alle möglichen Rauchstopp-Methoden erfolglos ausprobiert haben, empfehle ich E-Dampfer. Ich habe festgestellt, dass viele eine deutliche Verbesserung ihres Gesundheits­zustands erleben und später ganz aufhören. Mit E-Dampfern kann man das gut steuern. Man dosiert nach dem Umstieg von der Zigarette anfänglich das Nikotin hoch und fährt dann langsam herunter.

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Und als Einstieg zum Rauchen?
Ich sehe bisher eigentlich kaum Jugendliche, die über das Dampfen zum Rauchen gekommen sind. In den USA stellt man fest, dass die Zahl Jugendlicher, die Zigaretten rauchen, sehr stark abnimmt.


Stattdessen dampfen sie. Richtig gesund ist das auch nicht.
Korrekt. Bei der neuesten Generation E-Zigaretten, wo Nikotinsalze verdampft werden, wie bei der Marke Juul, muss man am Anfang nicht einmal mehr husten. Bei den Geräten, die wir in unserer Studie verwenden, husten hingegen wegen des Nikotins viele am Anfang. Bei der neuesten Gerätegeneration kann man also offensichtlich wesentlich höhere Nikotinkonzentrationen einsetzen, ohne dass die Nutzer einen Hustenreiz spüren. Dadurch werden sie schneller süchtig.


Was muss man regulieren?
Frankreich hat als eines der ersten Länder gewisse Inhaltsstoffe verboten, etwa Vanille- und Zimtaromen. Von denen weiss man, dass sie krebserregend sind Rauchen Stoff in E-Zigaretten ist krebserregend . Manche Liquid-Hersteller spielen aber immer noch damit herum. Da braucht es eine klare Regulierung. Bei den Geräten ist es komplizierter. Wenn man dort reguliert, bekämpft man unter Umständen Innovationen, die weniger Risiken für die Benutzer bringen. Das Minimum wäre, dass  man Empfehlungen für den Gebrauch von E-Zigaretten und Liquids hätte. Zudem benötigen wir unabhängige Analysen von Behörden, was bei E-Zigaretten zurzeit überhaupt rauskommt.

zur Person

Reto Auer, Professor für Hausarztmedizin an der Uni Bern

Reto Auer ist Professor für Hausarztmedizin an der Universität Bern. Er leitet eine grosse Studie, die herausfinden will, wie wirksam und sicher nikotinhaltige E-Zigaretten bei der Raucherentwöhnung sind. Raucherinnen und Raucher über 18, die einen Rauchstopp anstreben, können sich informieren und anmelden: estxends.ch

Quelle: PD
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