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SportDie Wunderpille gegen den Zucker

Wer sich genug bewegt, kann den Alterszucker in den Griff kriegen. Und wieder essen, worauf er Lust hat.

«Wenn ich mein Müesli gegessen habe, gehe ich ins Fitness»: Diabetiker Martin Hulliger.
von aktualisiert am 12. April 2018

Vormittags hat Martin Hulliger nie Zeit. Da gibt es keinen Café-Besuch, kein Museum, nicht einmal einen Arzttermin. Denn die Vormittage sind dem 65-Jährigen heilig. «Wenn ich mein Müesli gegessen habe, gehe ich ins Fitnesscenter Fitnessstudios Muskeln ohne Katerstimmung . Und zwar fünfmal pro Woche.» Selbst an Weihnachten oder Neujahr verzichtet er nicht auf die anderthalb Stunden Sport pro Tag.

«Heute weiss ich, dass ‹keine Zeit für Sport› eine faule Ausrede war.»

Martin Hulliger

Das war nicht immer so. 15 Jahre lang, zwischen 35 und 50, trieb Hulliger null Sport Fitness Die 12 faulsten Ausreden der Sportmuffel . Denn das Eishockey musste er wegen einer Verletzung aufgeben, und er widmete sich voll der Arbeit und der Familie. «Ich pendelte von Worb nach Zürich, später dann nach Basel – da blieb keine Zeit für Sport», sagt er. Und fügt schmunzelnd an: «Heute weiss ich, dass das eine faule Ausrede war.»

Schon der Vater hatte Diabetes

Mit 50 bekam Hulliger die Diagnose: Diabetes Typ 2 Diabetes Die unsichtbare Bedrohung . Die häufigste Form der Zuckerkrankheit. Es handelt sich um eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels, mehr als 400'000 Leute in der Schweiz leiden daran. Dass er irgendwann zu ihnen zählen würde, war keine Überraschung; schon früh hatte er seinen Vater an diese Krankheit verloren. «Ich habe die genetische Veranlagung dazu. Aber ich habe auch gesündigt.» Er stopfte sich zwar nicht mit Süssigkeiten voll, die mochte er nie. Aber er trank täglich seinen halben Liter Cola und seinen halben Liter Rivella.

Diabetiker Martin Hulliger beim Cardio-Training auf dem Laufband.
Statt mehr Insulin zu spritzen, mehr Sport treiben: Nach der Diagnose stiess Martin Hulliger auf das Progrramm «Diafit» – und blieb seither dem Programm treu.
Quelle: Severin Novacki

In den Wochen nach der Diagnose sass Hulliger stundenlang vor dem Computer. Er wollte mehr über die Krankheit erfahren, die nun auch ihn erwischt hatte. Dabei stiess er auf den Begriff «Diafit». Er steht für ein Rehabilitationsprogramm, das in der ganzen Schweiz verfügbar ist. Es soll Patienten mit Diabetes Typ 2 helfen, «zu einem gesunden Lebensstil zu finden und so ein Fortschreiten der Erkrankung und das Auftreten von Komplikationen möglichst zu verhindern». Gesunder Lebensstil als Wunderpille?

«Ich mag das Ausdauertraining auf Stepper, Laufband und Velo.»

Martin Hulliger

Beim nächsten Termin sprach er seine Ärztin auf das Programm an. Sie verschrieb es ihm für zwölf Wochen. «Das war genial», sagt Hulliger. Alles war dabei: Einführungsblöcke in Gymnastik, Kondition, Kraft, Aquafit, Ernährungsberatung. Seither weiss er: Bewegung ist für ihn eine Wunderpille.

Und so sieht sein Alltag heute ganz anders aus. Solange er im Finanz- und Rechnungswesen in Basel arbeitete, ging er dreimal wöchentlich eine Stunde joggen – über Mittag aufs Bruderholz. Seit der Pensionierung trifft man ihn nun jeden Morgen im Fitnesscenter in Worb an. Dort macht er vor allem Cardio-Training. «Ich mag das Ausdauertraining auf Stepper, Laufband und Velo.» Dabei guckt er sich Filme auf Netflix an oder scrollt durch elektronische Zeitungen – die Zeit ist oft um, bevor er sich der Anstrengung überhaupt bewusst wird.

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«Das ist mein Dessert»

Zusätzlich fährt Hulliger an zwei Nachmittagen nach Bern, zum Diafit-Kurs. Am Dienstag trainiert er mit einer Gruppe Kraft und Beweglichkeit, dann spielen sie Unihockey oder Basketball. Der Höhepunkt kommt am Freitag. «Das ist mein Dessert», sagt er lachend – Aquafit im Thermalbad. «Vor allem im Winter ist es wunderschön, sich im warmen Wasser zu bewegen.» Hulliger ist stets eine Stunde früher dort, um es ausgiebig zu geniessen.

«Wenn ich nicht ins Training kann, werde ich richtig ranzig.»

Martin Hulliger

Seit der fitte Rentner Sport macht, ist sein Glykohämoglobin-Wert unverändert geblieben. Das bedeutet: Der Diabetes ist nicht weiter fortgeschritten. Hulliger hat bis heute keine Komplikationen und spritzt die niedrigste Dosis Insulin. Kürzlich war er zur Kontrolle beim Augenarzt, denn Diabetes kann sich auch aufs Sehvermögen auswirken. «Es war alles gut. Mein Augenarzt sagt, das sei wohl auf den Sport zurückzuführen.»

Auch sonst geht es Martin Hulliger besser, seit er sich regelmässig bewegt. «Ich bin nicht mehr müde, habe mehr Lebensfreude und bin fast immer gut gelaunt.» Es sei denn, er kann nicht ins Training: «Dann werde ich richtig ranzig.» Es stimme halt schon: Sport sei Doping, mache süchtig. «Aber es ist eine gute Sucht.»

Mehr Sport – dafür keine Einschränkungen beim Essen

Auch deshalb kann Hulliger nicht nachvollziehen, weshalb nicht alle Diabetiker auf Sport setzen. Er versuche oft, Bekannte für seine Kurse zu motivieren. «Aber manche sind einfach zu faul und spritzen lieber mehr Insulin, als dass sie sich vom Fernseher lösen.» Als Diabetiker sollte man es zumindest einmal versuchen, es müsse ja nicht gerade im gleichen Ausmass sein wie bei ihm (siehe «Es muss nicht das Fitnesscenter sein»). «Es spielt auch keine Rolle, wie alt man ist und wie viel man auf die Waage bringt. Es ist nie zu spät! Ich habe ja auch 15 Jahre nichts gemacht.»

Der Sport bringt ihm noch einen weiteren gewichtigen Vorteil: «Beim Essen schränke ich mich kein bisschen ein. Ich esse, worauf ich Lust habe. Ich mache keinerlei Diät und trinke abends gern mein Bier.» Das kann er sich leisten, weil die Bewegung in den letzten Jahren dafür gesorgt hat, dass seine Werte gleich blieben, und er überdies sein Gewicht halten konnte. Das ist es ihm doppelt wert. «Ich möchte ja trotz der Krankheit auch einfach leben.»

Tipps für Sport bei Diabetikern

Körperliche Aktivität hilft, den Typ-2-Diabetes unter Kontrolle zu halten. So kann die ständig überforderte Bauchspeicheldrüse wieder ruhiger Insulin produzieren. Dieses wirkt auch wieder besser. Zugleich lassen sich Blutdruck- und Blutfettwerte verbessern. Das Risiko fürs Herz sinkt, das allgemeine Wohlbefinden nimmt zu.

  • Egal, ob Ausdauer, Kraft, Koordination – alles tut gut.
  • Alternative zum Fitnesstraining: Gehen Sie wandern, mit dem Hund spazieren, machen Sie einen Nordic-Walking-Kurs.
  • Fachleute empfehlen regelmässige körperliche Aktivität von fünfmal 30 Minuten pro Woche.
  • Bewegung beginnt im Alltag: Benutzen Sie die Treppe statt den Lift, öffentliche Verkehrsmittel statt das Auto: Hängen Sie die Wäsche auf, statt sie in den Trockner zu werfen, arbeiten Sie im Garten, gehen Sie zu Fuss einkaufen.
  • Falls Sie sich gegen organisierten Sport entscheiden: Tun Sie 10'000 Schritte pro Tag. Für den Anfang können Sie sich auch mit der Hälfte zufriedengeben; der Durchschnittsschweizer steht bei rund 3000.
  • Achtung: Bevor Sie erstmals nach Jahren wieder körperlich aktiv werden, sollten Sie sich ärztlich untersuchen lassen.

Quelle: «Souverän durchs Leben mit Typ-2-Diabetes»; Beobachter-Edition

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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2 Kommentare

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ikarus2018
Hallo Beobachter, Mit ihrem Artikel über die Wunderpille gegen Diabetes haben Sie grosse Verwirrung ausgelöst. Sie schreiben, Hulliger leide an Diabetes2 und ein paar Absätze weiter, er müsse sich nur wenig Insulin spritzen. Dann hat er also Diabetes 1 und nicht Diabetes 2, das man bekanntlich mit einer real exisitierenden Pille und nicht mit Insulinspritzen bekämpft. Und weiter heisst es, "mit Essen schränke ich mich kein bisschen ein". Das wäre nochmals total falsch: Wenn einer an Diabetes 2 leidet, muss er sich selbst sehr einschränken und am besten so wenig als möglich Zucker zu sich nehmen, der ja in fast allen Lebensmitteln, auch in sehr kleinen Mengen, drin steckt. Ich bitte um Ihre Stellungnahme. Mit freundlichen Grüssen Alfred Grützner
derbeobachter
Guten Tag Herr Grützner Besten Dank für Ihre Anmerkungen zum Artikel. Wir haben die Fragen mit Karl Scheidegger, Spezialarzt für Diabetes und Autor unseres neuen Buches «Souverän durchs Leben mit Typ-2-Diabetes», abgeklärt. Er schreibt zu Ihren Anmerkungen folgendes: 1. Leider ist die Ansicht, dass man von einem Typ-1-Diabetes spricht, wenn man mit Insulin behandelt, von einem Typ-2-Diabetes, wenn man Tabletten einsetzt, immer noch ziemlich verbreitet. Diese Leute gehen dann auch davon aus, dass ein Typ-2-Diabetes zu einem Typ-1 mutiert, wenn Insulin zum Einsatz kommt. Selbstverständlich wird der Diabetes-Typ aber nicht bestimmt durch die Therapie. Die der Krankheit zugrunde liegende Störung bestimmt - weitgehend - die Therapie. Da beim Typ-1-Diabetes, einer Autoimmunkrankheit, immer ein Insulinmangel besteht, muss entsprechend immer mit Insulin behandelt werden. Beim Typ-2-Diabetes steht bei vielen Betroffenen eine Insulinresistenz im Vordergrund. Diese spricht am besten an auf körperliche Aktivität, gesunde Ernährung und Gewichtsreduktion, zudem auch auf zahlreiche für diese Diabetesform entwickelte Tabletten. Entwickelt sich - meist nach längerer Krankheitsdauer - zudem auch ein Insulinmangel, braucht es auch beim Typ-2 Insulin. Man kann auch kurz zusammgefasst sagen: Ein Typ-1-Diabetes muss, ein Typ-2-Diabetes kann mit Insulin behandelt werden. 2. «Mit Essen schränke ich mich kein bisschen ein». Selbstverständlich ist diese Aussage geeignet, die Gemüter zu erregen. Was Herr Hulliger damit meint ist: Weil ich körperlich regelmässig und viel aktiv bin, kann ich ohne grosse Einschränkung (mehr) essen. Ein Auto, das viel fährt, braucht mehr Benzin. Obwohl die Aussage des Patienten an sich korrekt ist, provoziert sie in ihrer Absolutheit: «Ich schränke mich kein bisschen ein». Als Arzt und Autor würde ich die Situation selbstverständlich zurückhaltender formulieren, z.B.: Der viele Sport hilft mir auch, mir beim Essen immer wieder «ungestraft» eine Ausnahme erlauben zu können. Die Wunderpille Sport hat also als herrliche Nebenwirkung, dass man sich beim Essen eben nicht «selbst sehr einschränken muss». Wir hoffen, dass wir mit dieser Antwort die Verwirrung auflösen können. Beste Grüsse, Ihr Beobachter-Team