Beobachter: In manchen Ländern gilt das ­Aufwachen während einer Narkose offiziell als Komplikation der Anästhesie. Sollen Ärzte im Vorgespräch darüber informieren?
Ulrike Ehlert
: Es ist wichtig, Patienten über das breite Spektrum möglicher Komplikationen aufzuklären. Hier gehört das Aufwachen während der Narkose dazu, und ein gewissenhafter Anästhesist wird es ­ansprechen. Gleichzeitig wird er aber betonen, wie selten das vorkommt.

Beobachter: Trotzdem werden Patienten vereinzelt wach und können sich anschliessend erinnern. Wie lässt sich das psychologisch einordnen?
Ehlert:
Für Betroffene ist es ein Trauma. Sie er­leben die Situation als lebensbedrohlich, denn faktisch werden Verletzungen an ihnen verursacht, ihre körperliche Integrität wird beschädigt. Sie fühlen sich hilflos ausgeliefert, empfinden Furcht und Entsetzen. Aus der Traumaforschung ist aber bekannt, dass höchstens 50 Prozent der Personen, die ein Trauma erleben, eine psychische Fehlanpassung entwickeln und psychologische Hilfe benötigen. Man spricht dann von posttraumatischer Belastungsstörung.

Beobachter: Was passiert bei den anderen 50 Prozent?
Ehlert:
Bei ihnen greifen die psychobiologischen Schutzmechanismen, mit denen wir ausgestattet sind. Während einer Operation schüttet der Körper grosse Mengen des Stresshormons Cortisol aus, um sich zu schützen, beispielsweise vor Erinnerungen. Es gibt eine ganze Reihe experimenteller Studien, die diesen Effekt nachweisen. So wurde Opfern von Verkehrsunfällen noch am Unfallort Cortison verabreicht – die künstliche Form von Cortisol. Anschliessend war ihre Erinnerung an das Geschehen deutlich reduziert.

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Beobachter: Auch viele Betroffene wissen nach dem Eingriff nicht, dass sie im Operationssaal wach waren.
Ehlert:
Ja, weil ihnen der Anästhesist ein amnesieauslösendes Medikament gespritzt hat, das sie vergessen lässt.

Beobachter: Ist es möglich, dass ein solches Erlebnis, auch wenn es vergessen ist, durch irgendeinen Auslöser wieder ins Bewusstsein gelangt?

Ehlert: Eine posttraumatische Belastungsstörung tritt in neun von zehn Fällen direkt im Anschluss an ein erlittenes Trauma auf. Bei zehn Prozent der Betroffenen kommt es zu einem verzögerten Beginn. Auch beim Aufwachen während einer Narkose ist denkbar, dass Erinnerungen erst nach einiger Zeit wiederkehren, vielleicht weil die beste Freundin operiert wird oder weil durch ­bestimmte Fernsehbilder eine Gedächtnisspur geweckt wird. Aber wir be­wegen uns hier auf sehr dünnem Eis, ein solcher Fall grenzt ans Unwahrscheinliche.

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Beobachter: Kann es passieren, dass man felsenfest ­überzeugt ist, aufgewacht zu sein, und auch entsprechende Symptome einer ­posttraumatischen Belastungsstörung ­auftreten – obwohl man das Ganze vielleicht aus Angst nur geträumt hat?

Ehlert: Dieses Problem haben Sie in unterschiedlichsten Feldern der Traumaforschung: Entsprechen Erinnerungen immer der ­Realität? Es ist tatsächlich denkbar, dass ich mir einen Inhalt mit der Zeit als Erinnerung zu eigen mache, wenn ich mich damit lange genug beschäftige und er mich emotional stark berührt – obwohl es sich so nicht zugetragen hat. Solche Mechanismen kennt man aus Vergewaltigungs- oder Missbrauchsfällen, und sie spielen vor ­Gericht immer wieder eine Rolle. Bei vermeintlichem Aufwachen kann man die ­Patienten nur dazu auffordern, den Operationsbericht einzusehen. Dort sind solche Ereignisse registriert. Und wenn da nichts steht, gab es auch kein Aufwachen.

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Beobachter: Viele fürchten generell die Narkose. Wieso?
Ehlert:
Dahinter steht die Angst vor dem Kontrollverlust. Vor einem geplanten Eingriff haben wir viel Zeit, darüber nachzudenken, was alles schiefgehen könnte. Im Alltag gibt es zwar Gefahren, die sehr viel realer sind – etwa das Steinschlagrisiko in den Bergen nach fünf Tagen Dauerregen. Aber solche Lagen meinen wir eher im Griff zu haben. Unter Vollnarkose hingegen haben wir gar nichts zu sagen, wir können keinen Einfluss nehmen. Deshalb ist der Kontrollverlust schwerer zu ertragen.

Beobachter: Was ist eine psychisch gesunde Einstellung zur Narkose?
Ehlert:
Wenn jemand eine Operation braucht und dazu eine Vollnarkose nötig ist, dann ist das eine ohne das andere nicht zu haben: So simpel ist es im Grunde. Persönlich ­finde ich es wichtig, zum Chirurgen und zum Anästhesisten Vertrauen zu haben – dass die wohl wissen, was sie tun.

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