Antitherapie als Therapie – wenn Sport mehr bringt als Reden
Therapeutinnen und Therapeuten sind heute heiss begehrt. Ich mache in meiner Arbeit Antitherapie – und behaupte steil, dass das genauso viel nützt. Kurzfristig jedenfalls. Teil 4 der neuen Serie.
Veröffentlicht am 26. Juli 2026 - 05:00 Uhr

Pflegefachfrau Pia Wolfensberger spielte mit einem Klienten Badminton – und plötzlich war er ein anderer Mensch (Symbolbild).
Um ein bisschen Öl aus dem Feuerchen zu nehmen: Ich will keineswegs die Arbeit von Therapeutinnen und Therapeuten schmälern. Sie leisten einen wichtigen Beitrag, um die wackelnde Menschheit ein bisschen zu stabilisieren.
Zur Person
Auch ich versuche das in meiner Arbeit als Pflegefachfrau bei einer psychosozialen Spitex. Ich habe einen etwas anderen Ansatz: Ich mache Antitherapie. Ich bin einfach da, wenn es brenzlig ist, wenn man aushalten muss. Und ich lenke ab. Zum Beispiel mit Sport.
Absturz – und Orientierung finden
Ich habe einen Klienten, er ist Mitte 30, hat eine Geschichte, die filmreif ist. Und traurig dazu. Er flüchtete allein aus seinem Heimatland in die Schweiz, ohne seine Eltern, sein Bruder kam im Krieg ums Leben, er selbst war in Gefangenschaft. Er kämpfte sich durch, machte eine Ausbildung als Schreiner, alles gut.
Dann begann es mit den Stimmen im Kopf. Und er zitterte und hatte Angst. Er ging in den Notfall eines somatischen Spitals, dort schickte man ihn in eine Klinik. Diagnose: Schizophrenie. Nach seinem langen Aufenthalt dort kam ich ins Spiel. Ich ging zu ihm nach Hause, und wir versuchten, Ordnung zu machen: in der Wohnung, aber noch mehr im Leben. Wer bezahlt? Welches Kässeli? Die Krankentaggeldversicherung? Die Arbeitslosenkasse? Wann beim RAV anmelden – und ist er schon bei der IV gemeldet?
Er war immer freundlich, manchmal schimmerte ein bisschen Humor durch, aber die Stimmung war immer schwer, er war sehr passiv und sagte oft: «Ich habe ein Scheissleben.» Ich fragte ihn, ob er Badminton spielen könne. Er nickte.
Rein in die Sportklamotten, raus aus den Gedanken
Den nächsten Termin hatten wir vor der Badmintonhalle. Es war das erste Mal, dass wir uns draussen trafen. Nein, stimmt nicht, wir waren auch mal zusammen beim RAV und zusammen bei der IV, um die Reintegration ins Berufsleben zu besprechen und aufzugleisen. Aber diesmal: Badminton. Er in Sportklamotten, ich in Sportklamotten.
Und dann spielten wir – und er war ein anderer Mensch. Agil, frech, lustig, sportlich. All die Monate zuvor hatte ich einen schwerfälligen Menschen vor mir gehabt, jetzt, auf dem Parkett der Halle: ein leichtfüssiger junger Mann. Und er machte sich ein bisschen lustig über mich, weil ich so bemüht war und doch keine Chance gegen ihn hatte.
Nicht reden
Manchmal hilft es wegzugehen. Weg aus dem gewohnten Umfeld, aber ich meine vor allem weg mit den Gedanken, die um Probleme kreisen. Tapetenwechsel, Festplattenwechsel, ein bisschen Musik im Hintergrund und etwas, auf das man sich fokussieren kann. In diesem Fall: auf ein kleines Federchen, das man treffen muss.
Eines meiner Lieblingszitate ist von der Psychologin Maren Urner, die sagt: «Das Reden über Probleme schafft Probleme. Das Reden über Lösungen schafft Lösungen.» Und ich finde: Manchmal sollte man gar nicht reden, sondern Sport machen. Und Spass haben.
Antitherapie heisst für mich: weniger analysieren, mehr handeln. An diesem Tag in der Halle haben wir jedenfalls kaum geredet. Es war nicht nötig.
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