Frage einer Leserin: «Immer wieder enttäuschen mich andere Menschen. Habe ich zu hohe Erwartungen?»

Sie klingen verletzt, als würden Sie sich das Zusammenleben oft anders wünschen. Sie sehnen sich nach mehr Aufmerksamkeit und Zeichen von Zuneigung.

Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind von vielen Erwartungen geprägt. Deshalb ist es sinnvoll, genau hinzuschauen, welche berechtigt, welche hilfreich aber auch welche kontraproduktiv sind.

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Unkompliziert: Erwartungen, wie die Welt funktioniert

Erwartungen sind wichtig. Sie vereinfachen das Leben, indem sie Orientierung geben. Wir entwickeln sie aufgrund von Lernerfahrungen, dadurch wird unsere Welt berechenbar.

So erwarten wir zum Beispiel, dass die Sonne im Sommer etwa um sechs Uhr aufgeht, weil dies auch letztes und vorletztes Jahr der Fall war. Wenn es plötzlich anders wäre, würde uns das irritieren, wir müssten unsere Erwartung überprüfen und allenfalls korrigieren. Wenn der Wetterbericht einen sonnigen Tag vorhersagt, sind wir vielleicht überrascht, wenn es regnet. Aber wir akzeptieren schnell, dass die Realität eine andere ist und passen uns an: Wir greifen zum Regenschirm.

In diesem Bereich sind Abweichungen von Erwartungen relativ unproblematisch. Fast ohne es zu merken, entwickeln wir Hypothesen darüber, wie die Welt funktioniert. Das gibt uns eine Vorstellung davon, wie unser Alltag aussehen wird.

Kompliziert: Erwartungen, wie andere fühlen sollten

Komplizierter wird es da, wo wir Erwartungen an Menschen und Beziehungen haben. Kaum Probleme gibt es, wenn die Rollen klar abgemacht und verteilt sind. So erwarten wir von einem Polizisten, dass er sich an die Gesetze hält. Die Ärztin darf einen Kommentar über unseren Alkoholkonsum oder unser Gewicht abgeben, während die Kassiererin im Supermarkt dies besser unterlassen sollte. Auch wir selbst verhalten uns möglichst so, wie es von uns erwartet wird: In einem Schwimmbad etwa tragen wir Badekleidung.

Rollenerwartungen helfen uns dabei, uns im Dickicht des menschlichen Miteinanders zurechtzufinden. Wenn sich jemand nicht an die Konventionen hält, finden Auseinandersetzungen und Klärungen statt.

Anspruchsvoller wird es im persönlichen Bereich. In unseren nahen Beziehungen können wir uns kaum noch an Rollenzuweisungen orientieren. Hier haben die gegenseitigen Erwartungen oft wenig mit den realen Möglichkeiten zu tun, sie sind eher eine Mischung aus eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Schleichend entstanden und schlecht kommuniziert. Das alltägliche Miteinander kann so zum Minenfeld werden. Ehe man sichs versieht, schenkt man einander zu wenig oder zu viel Aufmerksamkeit oder Raum, zeigt zu wenig Dankbarkeit, beansprucht zu viel Eigenständigkeit und so weiter und so fort.

«Schwierig wird es, wenn unsere Forderungen auf die Gefühle des andern zielen.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Anders als bei den Erwartungen ans Wetter oder an den Aktienmarkt reagieren wir wesentlich emotionaler, wenn unser Gegenüber nicht dem Bild entspricht, das wir uns von ihm gemacht haben. Wir wünschen, dass es sein Verhalten, ja, seine Persönlichkeit ändert. Wenn dies nicht geschieht, sind wir verärgert, enttäuscht, empört. Sätze wie «Das wird man doch wohl noch erwarten dürfen!» oder vorwurfsvolle Unterstellungen wie «Dich interessiert überhaupt nicht, wie es mir geht!» weisen darauf hin, dass aus nicht klar formulierten Wünschen einerseits und mangelnder Absprache anderseits eine ungute Mischung entstanden ist.

Dabei sind Ansprüche an das Verhalten anderer noch relativ einfach zu handhaben. Über Dinge wie den Ordnungslevel im Haushalt Konflikt um die Wohnungseinrichtung Wenn der Minimalist mit der Sammlerin lebt kann man sich einigen. Aber wenn unsere Forderungen auf die Software des anderen zielen, auf seine Gedanken, Gefühle und seine Wahrnehmung, wird es schwierig. Das aktiviert Widerstand und provoziert Kampf. Denn Selbstbestimmung ist ein zentrales menschliches Bedürfnis.

Warum wir uns entscheiden müssen

Welcher Umgang mit Erwartungen ist sinnvoll?

  • Prüfen Sie, ob Ihre Erwartungen aus den Erfahrungen mit der anderen Person entstanden sind oder eher aus Ihren Bedürfnissen.
  • Reden Sie offen über Wünsche und Bedürfnisse und prüfen Sie, was realistisch ist.
  • Passen Sie Ihre Erwartungen den Möglichkeiten an und versuchen Sie nicht, den anderen an Ihre Erwartungen anzupassen.
  • Und wenn jemand Ihren Erwartungen schliesslich nicht entsprechen kann oder nicht entsprechen will, entscheiden Sie sich: Entweder passen Sie Ihre Erwartungen an, oder Sie suchen eine Person, die besser passt.
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Christine Harzheim
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