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Erich Seifritz«Aus einer Depression findet man nicht bloss mit dem Willen heraus»

Erich Seifritz ist Klinikdirektor am «Burghölzli», der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Was sagt er zum Vorwurf, Antidepressiva würden oft vorschnell verschrieben?

«Es gab sicher eine Zeit, als zu unkritisch behandelt wurde»: Professor Erich Seifritz
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Beobachter: Eine Depression kann jeden ­treffen. Würden Sie selber zu Medikamenten greifen?
Erich Seifritz: Als Erstes würde ich sicher ­etwas zuwarten und das Gespräch mit ­Familie und Freunden suchen. Wenn das nicht hilft, würde ich den Hausarzt und ­einen Spezialisten aufsuchen. Im schweren Fall wäre ich sehr dankbar, dass es ­Medikamente gibt, die helfen, aus der ­Krise zu finden.

Beobachter: Können Depressionen denn heute so genau ­lokalisiert und verstanden werden, dass sie mit Medikamenten behandelbar sind?
Seifritz: Nein, leider noch nicht, aber Medikamente sind wichtige Pfeiler in der Depressions­behandlung. Psychische Erkrankungen sind sehr komplex und haben nicht nur ­eine rein biologische Dimension und Ur­sache, sondern auch eine psychologische und eine soziale. Depressionen sind also Erkrankungen mit drei Dimensionen, alle diese unterschiedlichen Dimensionen stehen untereinander in Wechselwirkung.

Beobachter: Beim Einsatz von Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRIs) geht man aber davon aus, dass eine Depression eine feststellbare ­Krankheit im Gehirn ist, die man mit präzisen Medikamenten behandeln kann.
Seifritz: Ja, aber man darf das nicht zu vereinfacht betrachten. SSRIs und andere Antidepressiva behandeln einen Aspekt der Depres­sion. Die Therapie einer Depression darf sich deshalb nicht nur auf die Verschreibung eines Medikaments beschränken. Sie sollte, wenn immer möglich, auf mehreren Ebenen greifen, also auch psychotherapeutische und soziale Massnahmen be­inhalten.

Beobachter: Rund jede zweite Depression in der Schweiz wird aber auch medikamentös behandelt. Man gewinnt den Eindruck, das passiere im ­Alltag zu schnell und zu unkritisch.
Seifritz: Das mag sicher vorkommen. Jeder Patient sollte individuell und massgeschneidert be­handelt werden. Es gibt Patienten, die nur Psychotherapie brauchen, und solche, die nur soziale Massnahmen wie etwa ­Familien- oder Berufsberatung brauchen. Es gibt aber auch Patienten, die nur eine medikamentöse Behandlung wollen. Nach heutigem Wissensstand erfordert eine ­mittelschwere bis schwere Depression eine Kom­bination von Psychotherapie und Pharmekotherapie. In vielen Fällen ist auch eine Rückfallprophylaxe unabdingbar. Denn Depressionen sind in vielen Fällen wiederholt auftretende Erkrankungen.

Beobachter: Aber hat man überhaupt verstanden, wo ­Depressionen ihre Ursache haben? Wenn Ärzte Veränderungen im Hirn sehen, sagt das ja noch nichts aus über das Entstehen einer Depression.
Seifritz: Im Moment sind bildgebende Verfahren nicht primär dazu da, die Diagnose oder Ursache einer Depression definitiv festzulegen. Das Ziel unserer Untersuchungen – etwa mit Bildgebung – ist, weitere Aspekte des depressiven Syndroms zu beschreiben und mit diesen einzelnen Mosaiksteinen Krankheitsmechanismen zu verstehen, die die Basis für die Entwicklung von besseren Therapien legen.

Beobachter: Das klingt differenziert, tatsächlich vermittelt die Pharmaindustrie aber den Eindruck: «Es gibt Medikamente gegen Depres­sion, lassen Sie sich einfach behandeln.» So ist es aber nicht.
Seifritz: Auch wenn wir heute noch nicht bis ins letzte Detail wissen, wie: Antidepressiva wirken. Das ist nachgewiesen.

Beobachter: Aber nicht viel besser als Placebos.
Seifritz: Grundsätzlich wirken Placebos relativ gut bei den meisten Erkrankungen, besonders aber bei psychischen. Kontrollierte Studien nach harten Kriterien zeigten aber: SSRIs sind eindeutig wirksamer als Placebos. Das gilt auch für andere Antidepressiva.

Beobachter: Negative Wirkungen von Antidepressiva hat die Pharmaindustrie jahrelang unterschlagen. Das macht skeptisch.
Seifritz: Ja, vor ein paar Jahren gab es solche Vorkommnisse. Die Zulassungsbehörden haben aber reagiert und die Regeln massiv verschärft. Heute kann man auch in der Schweiz keine klinische Untersuchung mehr durchführen, ohne dass diese registriert wird. Negative Studienresultate können damit nicht mehr unterschlagen werden.

Beobachter: Trotzdem: Studien zeigten, dass Antidepressiva Leute zum Teil in den Freitod getrieben haben. Verschreiben die Ärzte heutzutage zu schnell Pillen?
Seifritz: Antidepressiva wirken nachgewiesener­massen gegen Suizidgedanken und -handlungen. Es gab sicher eine Zeit, als zu ­unkritisch behandelt wurde. Prozac in den USA ist ein Beispiel dafür. Da gabs auch klaren Missbrauch. Das hat den Antidepressiva sehr geschadet. Wir legen in ­Behandlungsempfehlungen dar, wie die Therapie von Depressionen aussehen muss, damit sie dem neuesten Stand der Wissenschaft entspricht, und da gehören auch eine engmaschige Begleitung und, sobald möglich, die Psychotherapie dazu.

Beobachter: Wann soll man eine medikamentöse Behandlung erwägen?
Seifritz: Gemäss unseren Empfehlungen soll bei ­einer leichten bis mittelschweren Depres­sion zuerst mal zugewartet werden. Die Diagnose sichern, zwei Wochen lang abwarten, was passiert. Wenns nicht besser wird, muss spezifisch behandelt werden. Idealerweise sollte der Hausarzt dann den Patienten zu einem Spezialisten überweisen. Bei einer schweren Depression muss man aber schneller behandeln, das ist oft eine medizinische Notfallsituation. Das Problem ist, dass Antidepressiva erst nach etwa zwei Wochen wirken, deshalb sollte – speziell bei starker Angst und innerer Unruhe und Schlaflosigkeit – mit zusätzlichen Medikamenten und intensiver Betreuung die kritische Zeit überbrückt werden, um etwa eine Suizidgefahr zu verringern.

Beobachter: Aber die schweren Depressionen haben ja nicht zugenommen. Wird heute zu schnell auf Depression diagnostiziert?
Seifritz: Wir müssen unterscheiden zwischen einer Depression als Krankheit und einer depressiven Verstimmung als temporärem Gemütszustand. Einzelne depressive Symptome machen noch keine Depression. Der Unterschied ist: Depressive Verstimmungen verschwinden, eine richtige Depression nicht. Da wird vielen Patienten unrecht getan, weil das vermischt wird. Aus einer Depression findet man nicht bloss mit dem Willen heraus.

Beobachter: Kritiker meinen, der Teufel werde mit dem Beelzebub ausgetrieben. Von den Medikamenten finde man kaum mehr weg, die Krankheit könnte sogar wegen der Antidepressiva ­chronisch werden.
Seifritz: Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise. «Depression» ist ein Begriff für eine ganze Reihe unterschiedlichster klinischer Befunde, von leicht bis schwer krank. Wer eine schwere Depression hat, braucht in der Regel ein Medikament, um wieder herauszufinden. Setzt er das Medikament zu früh ab, kann es sein, dass die Depres­sion wiederkommt. Das ist aber nicht die Schuld des Medikaments.

Veröffentlicht am 12. September 2011