Der Psychotherapeut ist die ganze Sitzung über nur mit einem Gedanken beschäftigt: «Dieser Mann gehört nicht mehr hierher. Ich muss es ihm sagen. Jetzt gleich.» Dann ist die Stunde um. Der Patient steht auf und reicht dem Therapeuten die Hand: «Also bis nächste Woche.» Und der Therapeut: «Dann bis nächste Woche also.»

Die Szene stammt aus einem Film des italienischen Schauspielers und Regisseurs Nanni Moretti. Doch «Therapieopfer» Psychotherapie «Nur eine endlose Plauderei» wie diesen Filmpatienten gibt es auch in realen Praxen. Die schleichende Abhängigkeit in Langzeittherapien, das so genannte Woody-Allen-Syndrom, ist nur eine Spielart davon: Dabei vermag der Patient keine Entscheidung mehr zu treffen, ohne die Therapeutin zu fragen.

Lange Psychotherapien helfen nur noch wenig

Sechs von hundert Personen in der Schweiz sind gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik wegen psychischer Beschwerden in Behandlung. Vor 20 Jahren waren es noch vier von hundert. Insgesamt lindern Psychotherapien Antidepressiva «Langfristig wirkt Psychotherapie besser als Medikamente» viel Leid – aber sie ziehen sich oft zu lang hin.

Erfolgreiche Therapien sollten in der Regel weniger als 50 Stunden dauern – die grössten Effekte sollten sich sogar schon in den ersten 20 Stunden einstellen (siehe auch Infobox «So finden Sie den richtigen Therapeuten»). Was Hunderte von Stunden in Anspruch nimmt, dient nicht mehr der Heilbehandlung, findet etwa Jürgen Magraf, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bochum.

Andere Experten halten dagegen, dass langjährige therapeutische Beziehungen durchaus Vorteile haben. Als Begleitung etwa für psychiatrieerfahrene Menschen seien sie wertvoll, wenn es darum geht, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Gemäss Magraf droht aber gerade in Langzeitbehandlungen die Gefahr, dass das Selbstvertrauen Schaden nimmt, da die Patienten lernen, sich als jemanden zu sehen, der nicht allein durchs Leben gehen kann.

Vorsicht vor heiklen Therapiemethoden

Doch auch Kurzzeittherapien stehen in der Kritik. Das bekannteste Beispiel ist das so genannte Debriefing. Diese «Schnelltherapie» soll Opfern von Katastrophen, Unfällen oder Anschlägen helfen, ihre traumatische Erfahrung Posttraumatische Belastungsstörung «Ich bin nicht mehr ich selber» zu verarbeiten. Mit sehr zweifelhaftem Erfolg, wie mehrere Studien zeigen: Nach ein paar Monaten ging es den Behandelten im Durchschnitt schlechter als jenen, die nicht behandelt wurden. Der Grund liegt gemäss Fachmeinung im falschen Ansatz: Nicht allen Menschen hilft es, sofort über das Zugestossene zu sprechen; ihre Selbstheilungskräfte Wohlbefinden Was macht uns gesund? wirken viel besser, wenn sie es gerade nicht tun.

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Ebenso heikel kann es sein, wenn man die falsche Therapiemethode wählt. Zum Beispiel bei Angststörungen Störung Angst vor der Angst : Während entspannende Verfahren für die meisten Patienten hilfreich sind, können sie bei Menschen mit Panikattacken leicht einen Schub auslösen. Denn im entspannten Zustand werden die eigenen Körperprozesse viel direkter und stärker wahrgenommen.

Das eigene Unbehagen ernst nehmen

Was sollen nun Klienten tun, die sich in ihrer Therapie und mit ihrem Therapeuten unwohl fühlen? Empfohlen wird der Kontakt mit einer spezialisierten Beratungsstelle, da diese Fachleute viel Erfahrung haben und relativ schnell abschätzen können, ob bloss eine Durststrecke vorliegt, wie sie in vielen Therapien vorkommt, oder ob dem Therapeuten tatsächlich etwas vorzuwerfen ist. Auch das Einholen einer Zweitmeinung bei einem anderen Therapeuten ist ein gutes Mittel.

In schweren Fällen, etwa bei Machtmissbrauch oder sexuellen Übergriffen Sexueller Missbrauch Der Heiler praktiziert unbehelligt weiter , können sich Betroffene an eine Opferberatungsstelle wenden. Dort werden sie unentgeltlich juristisch und psychologisch beraten. Auch die Klage bei einer Standesorganisation ist möglich, etwa der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (wenn es um einen Psychiater geht), oder bei einem Verbandsgericht der Psychotherapeutinnen und therapeuten. Im äussersten Fall droht Ausschluss aus dem Verband und Entzug der Praxisbewilligung.

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So finden Sie den richtigen Therapeuten

  • Wählen Sie einen Therapeuten, der Mitglied in einem anerkannten Berufsverband ist.
  • Vereinbaren Sie ein erstes Gespräch mit zwei verschiedenen Therapeuten, um vergleichen zu können. Schon in der ersten Stunde sollten Sie sich mit ihm oder ihr wohl fühlen. Eine gleichwertige, konstruktive Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist entscheidend für den Erfolg.
  • Fragen Sie den Therapeuten, ob er Erfahrung hat mit dem Problem, das Sie angehen wollen. Informieren Sie sich über die verschiedenen Therapierichtungen und entscheiden Sie gemeinsam.
  • Vereinbaren Sie ein klares Therapieziel. Manchmal haben Patient und Therapeut verschiedene Ziele im Auge. Solche Diskrepanzen werden nur deutlich, wenn man darüber spricht.
  • Es kann sinnvoll sein, eine Therapie vor Erreichen der Ziele zu beenden, vor allem dann, wenn Sie sich über längere Zeit nicht verstanden fühlen.
  • Stecken Sie gemeinsam einen Zeitrahmen ab. Die genaue Therapiedauer ist zwar nicht immer vorhersehbar. Wenn Sie sich nach Ablauf der vereinbarten Zeit aber nicht besser fühlen, sollten Sie einen Wechsel in Betracht ziehen.

Psychotherapie: Das zahlt die Kasse

  • Grundversicherung: Die Psychotherapie wird dann bezahlt, wenn sie ein Arzt – in der Regel ein Psychiater – durchführt. Der behandelnde Arzt muss nach 40 Therapiesitzungen den Vertrauensarzt des Versicherers über die Weiterführung der Therapie informieren, indem er einen Bericht einreicht. Gestützt auf die Beurteilung des Vertrauensarztes erteilt der Versicherer eine Kostengutsprache für weitere Sitzungen.

    Die delegierte Psychotherapie ist ebenfalls bezahlt: Die verantwortliche Ärztin überträgt die Therapie einem Psychotherapeuten, der bei ihr angestellt oder in den gleichen Räumen tätig ist. Die Rechnung stellt die Ärztin; sie gewährleistet auch die korrekte Durchführung.

    Wichtig: Sofern Sie in der Grundversicherung ein Prämiensparmodell gewählt haben, bei welchem die freie Arztwahl eingeschränkt ist (z.B. HMO) ist es notwendig, vorgängig Ihre Krankenkasse zu kontaktieren. Wenn Sie sicher gehen wollen, ob die Kosten in Ihrem Fall übernommen werden, verlangen Sie für bevorstehende Therapiesitzungen bei der Krankenkasse eine Kostengutsprache.
     
  • Zusatzversicherung: Ein Grossteil der Krankenversicherer bietet ambulante Zusatzversicherungen an, in denen auch Beiträge an Psychotherapien enthalten sind. Eventuell hat man nicht-ärztliche Psychotherapie in einer Krankenkassen-Zusatzversicherung gedeckt. Eine Deckungsanfrage beim Versicherer verschafft Klarheit.

    Allerdings muss eine medizinische Notwendigkeit bestehen, weshalb die meisten Krankenkassen die Überweisung durch einen Arzt verlangen. In jedem Fall sollte vorgängig geklärt werden, ob der gewünschte Therapeut auf der entsprechenden Liste des Versicherers ist.
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Weitere Informationen und Adressen zu Psychotherapie

  • Eine Liste mit anerkannten Psychiatern in psychiatrischen Institutionen (nach Kantonen aufgeteilt) findet sich auf der Webseite der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie: www.psychiatrie.ch
  • Eine Liste von Psychotherapeuten findet sich auch auf der Webseite der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten: www.therapieplatzvermittlung.ch
  • Übersicht über die verschiedenen Ärzte-Organisationen im Bereich Psychiatrie: www.psychiatrie.ch
  • Die Stiftung Pro Mente Sana bietet Personen mit psychischen Problemen rechtliche und psychosoziale Beratung an: www.promentesana.ch; Tel. 0848 800 858 (Normaltarif) 
  • Beim Dachverband Schweizerischer Patientenstellen erhalten Menschen Hilfe, die Opfer sexueller Übergriffe durch Medizinalpersonen wurden: www.patientenstelle.ch

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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