Beobachter: Alain Di Gallo, die Pandemie schlägt zunehmend aufs Gemüt. Die Stimmung ist auf einem neuen Tiefpunkt – besonders bei den Jungen. Spüren Sie das in Ihrer Arbeit?
Alain Di Gallo: Im ersten Shutdown hatten wir nicht mehr Patientinnen und Patienten. Seit September bemerken wir aber eine deutliche Zunahme, vor allem bei den kleinen Kindern. Auf unserer Therapiestation für Sechs- bis Zwölfjährige ist der Andrang enorm. Das deckt sich mit der ersten repräsentativen Studie aus Deutschland zum Einfluss der Pandemie auf Kinder: Bei den Sieben- bis Zehnjährigen nahmen die psychischen Probleme am stärksten zu. Im Ambulatorium der Basler Kinder- und Jugendpsychiatrie hatten wir in den letzten vier bis fünf Monaten insgesamt 40 Prozent mehr Anmeldungen. Ähnlich sieht es aus in Zürich, Bern, Lausanne, Genf. 


Können Sie alle Patientinnen aufnehmen? 
Wir haben für reguläre Anmeldungen eine Warteliste von fünf bis sechs Monaten. Vor Corona waren es vier bis sechs Wochen. Wir durchleuchten alle Fälle genau, um zu sehen, ob Notfälle dabei sind. Im stationären Bereich sind wir voll und könnten die Stationen zwar überbelegen, aber es fehlt das Personal. Denn wir haben zunehmend jüngere Kinder, die oft eine Eins-zu-eins-Betreuung brauchen. Das können wir bei Überbelegungen nicht mehr gewährleisten. 


Wie gehen Sie damit um?
Mit unserer Tagesklinik für Vorschulkinder können wir einige sehr belastete Situationen abfangen. Wir versuchen, die ganz Kleinen nicht zu hospitalisieren. Aber auch hier ist die Nachfrage hoch. Wir bieten Hausbesuche an, bei denen ein Team drei- bis viermal pro Woche bei Familien vorbeigeht. Zudem arbeiten wir eng mit Kinder- und Jugendheimen und der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung zusammen. Wir haben Gruppen für Jugendliche und Eltern mit kleinen Kindern ins Leben gerufen. So können wir rasch Hilfe anbieten und erreichen durch das Gruppensetting mehr Familien als in der Einzelbehandlung. 

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Welche Probleme treten derzeit vermehrt auf?
Es häufen sich Verhaltensprobleme, Hyperaktivität, Aggressivität, Unruhe. Das führt schneller zu Krisen. Kinder haben sehr viel Energie. Unter normalen Umständen können sie sie beim Sport, in der Pfadi, beim Spielen mit anderen Kindern rauslassen. In letzter Zeit waren sie enorm eingeschränkt. Hinzu kam, dass viele Kinder deutlich mehr vor dem Fernseher und dem Computer und am Handy hängen, was diese Symptome womöglich verstärkt hat. Und wir beobachten eine Zunahme von Angststörungen. 


Wie äussert sich das? 
Zunächst kamen Kinder mit Angstproblematiken weniger zu uns. Für viele war der Shutdown eine Erleichterung, weil die Schulen zu waren. Probleme wie Mobbing und mangelnde Leistung waren wie weggefegt. Die Ängste holten sie später aber umso heftiger ein. Viele hatten Mühe, wieder zur Schule zu gehen, sich in eine Gruppe einzufinden. Einige haben in der Pandemie auch erst eine Angstproblematik entwickelt. Das familiäre Umfeld kann dazu beitragen: Kinder nehmen Ängste ihrer Eltern oder Warnungen, sie könnten eine Gefahr für die Grosseltern sein, sehr aufmerksam wahr. 

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Und die Jugendlichen?
Bei ihnen werden häufiger psychosomatische Beschwerden genannt, Kraftlosigkeit, Kopfschmerzen, Bauchweh, Schlafstörungen. Sie fühlen sich einsam. Sie können Freundschaften nicht pflegen, auch die ersten intimen Beziehungen leiden darunter. Das ist für viele ein Thema. Früher ging man an Partys, kam sich langsam näher. Jetzt war das alles anders, das Herantasten fiel weg. Entweder ist man ein Paar oder man muss auf Distanz bleiben, Maske tragen.

«Mein Eindruck ist, dass wir in letzter Zeit sehr viele psychosoziale Krisen sehen. Kinder tragen oft Symptome als Ausdruck eines überforderten Umfelds nach aussen.»

Alain Di Gallo, Direktor Kinder- und Jugendpsychiatrische Uniklinik Basel

Wieso häufen sich die Probleme gerade bei kleineren Kindern?
Erwachsene haben meist Strategien entwickelt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Sie können ein Jahr Pandemie besser einordnen und zu ihren Erfahrungen in Relation setzen. Für einen Siebenjährigen ist ein Jahr ein Siebtel seines Lebens. Bei Kleinkindern passiert so viel in einem Jahr: Vielleicht wurden sie vor der Pandemie eingeschult, haben ein soziales Netzwerk aufgebaut, Lesen gelernt, sich in einen Sportverein eingefunden. Davon ist nun viel zum Stillstand gekommen. 

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Wie sieht es bei den ganz Kleinen aus?
Kleine Kinder sind noch nicht so eingebunden in Tagesstrukturen ausser Haus und leiden daher eher indirekt unter der Pandemie. Für sie sind die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen. Wenn die durch Homeoffice gestresst und aufgrund finanzieller Sorgen belastet, überfordert oder krank sind, Angststörungen haben und die Grundbedürfnisse der Kleinen nicht mehr befriedigen können, sind diese gefährdet. 


Die Kinderschutzgruppe des Unispitals Zürich hat letztes Jahr die höchste Zahl an Fällen erfasst. Besonders zugenommen haben körperliche Misshandlungen und sexueller Missbrauch.
Wenn Eltern stark gestresst und ungeduldig sind, kommt es öfter zu gewalttätigen Übergriffen. Die Familien sitzen enger aufeinander, die Eltern haben weniger Möglichkeiten, sich zu beruhigen, keine Abwechslung. Man kann nicht einfach auf ein Bier gehen, in den Kegelklub, zum Sport. Mein Eindruck ist, dass wir in letzter Zeit sehr viele psychosoziale Krisen sehen. Kinder tragen oft Symptome als Ausdruck eines überforderten Umfelds nach aussen, reagieren aggressiv oder ziehen sich zurück. Jugendliche äussern Suizidgedanken, mögen nicht aufstehen. 
 

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Gibt es mehr Suizide von Jugendlichen?
Suizidgedanken werden häufig geäussert, aber ob die Suizide zugenommen haben, dazu haben wir noch keine verlässlichen aktuellen Daten.

«Die Kinder haben einen riesigen Beitrag an die Gesellschaft geleistet und sich an die Regeln gehalten. Es ist beeindruckend, wie diszipliniert die meisten sind.»

Alain Di Gallo, Direktor Kinder- und Jugendpsychiatrische Uniklinik Basel

Schule, Sportvereine oder Pfadi spielen eine wichtige Rolle dabei, Missstände im Elternhaus zu erkennen. Das meiste ausserhalb der Schule ist zum Erliegen gekommen. Was bedeutet das?
Die Schulen leisten in der Pandemie einen riesigen Beitrag. Die schulpsychologischen Dienste haben deutlich mehr Anmeldungen. Man darf den Lehrerinnen und Lehrern jetzt aber nicht noch zusätzliche Verantwortungen aufbürden. Sie haben selber zu kämpfen, arbeiten oft mit der Angst, sich anzustecken, sind überlastet. 

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War es richtig, die Schulen offen zu lassen?
Es ist immer ein Abwägen zwischen der psychischen Gesundheit der Kinder und der Gefährdung der Älteren durch das Virus. Meines Erachtens hat die Schweiz hier vorbildlich gehandelt. Vor allem Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten mit eher tiefem Bildungsniveau waren so weniger dem Risiko ausgesetzt, den Anschluss zu verlieren. 


Wie können Eltern ihre Kinder jetzt unterstützen?
Es ist wichtig, dass sie sich gut um sich selbst kümmern, um Kraft zu haben und den Kindern Halt geben können. Dazu gehört eine gute Tagesstruktur auch im Homeoffice. Sie sollten mit den Kindern Zeit verbringen, über die Pandemie sprechen. Allerdings nicht dauernd, nur über die wichtigsten Punkte. Und man muss den Kindern Vertrauen entgegenbringen. Sie haben einen riesigen Beitrag an die Gesellschaft geleistet und sich an die Regeln gehalten. Es ist beeindruckend, wie diszipliniert die meisten sind. 

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Leiden Kinder über die Krise hinaus?
Die meisten werden die Pandemie gut überstehen und keine stärkeren Probleme entwickeln. Es entsteht keine gestörte Generation Corona. Aber 15 bis 20 Prozent haben zu kämpfen. Um sie müssen wir uns kümmern – auch wenn die Pandemie vorbei ist. Wenn ein Kind etwa nicht wieder zur Pfadi erscheint, sollte man sich erkundigen und es motivieren, wieder zu kommen, ihm das Gefühl geben, Teil von etwas zu sein.

Zur Person

Alain Di Gallo ist Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und Co-Präsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

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