Beobachter: Was unterscheidet einen Hochstapler von einem herkömmlichen Wirtschaftsbetrüger?
Thomas Knecht: Bei gewaltfreien Verbrechen, sogenannten White-Collar-Crimes, gehört immer ein gewisses Mass an Täuschung dazu. Ein Wirtschaftsbetrüger, der bereits eine hohe Position innehat, muss den Biedermann vortäuschen, damit er hinter dieser Tarnung die Dinge tun kann, die er nicht tun dürfte, zum Beispiel eine Firma ausnehmen. Hochstapler hingegen haben keine echten Visitenkarten, auf denen «CEO» oder sonst ein imposanter Titel steht. Sie müssen deshalb eine neue Identität, eine Pseudofassade errichten, die sie als erfolgreiche Persönlichkeit ausweist, der man gern Geld anvertraut. Und darum geht es zum Schluss ja immer – um Geld.

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Ist Hochstapelei krankhaft?
Hochstapelei als solche ist kein Krankheitsbild. Wenn man einen Betrüger aber psychiatrisch unter die Lupe nimmt, kommen mit grosser Regelmässigkeit krankhafte Charakterzüge zum Vorschein. Allen voran ein gewisser grandioser Narzissmus – und das bis hin zur ausgewachsenen Persönlichkeitsstörung.


Haben auch ganz normale Betrüger krankhafte Züge?
Das kommt darauf an, wie weit man den Begriff «Betrug» fasst. Wenn jemand etwas in einem Versandhaus bestellt und von vornherein weiss, dass er es nicht bezahlen kann, würde ich nicht davon ausgehen, dass er unter grandiosem Narzissmus leidet. Er will ja nicht blenden, sondern einfach nicht bezahlen.


Und bei pathologischen White-Collar-Tätern?
Bei ihnen spricht man von der dunklen Triade. Damit sind drei negative Wesenszüge gemeint: Narzissmus, Machiavellismus, respektive machiavellische Intelligenz, und psychopathische Skrupellosigkeit.


Was heisst das?
Der Narzisst glaubt, dass ihm in seiner Einzigartigkeit alles Mögliche zusteht, was sich andere durch Arbeit verdienen müssen. Weil er etwas Besonderes ist, kann er es sich einfach nehmen, notfalls auch auf Kosten Dritter. Er neigt zur Selbstüberschätzung. Damit der selbstverliebte Mensch als krankhaft gestört gilt, muss er zudem den sozialen Frieden durch sein skrupelloses, ausbeuterisches Gehabe gefährden.

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Was ist mit Machiavellismus und Skrupellosigkeit?
Machiavellische Intelligenz bedeutet, dass es dem Täter egal ist, mit welchen Mitteln er an sein Ziel kommt. Lug und Trug sind für ihn okay. Psychopathische Skrupellosigkeit besitzt, wer eine gewisse Gemütskälte hat und das Leiden seiner Opfer nicht einmal wahrnimmt.


Gehört nicht auch Überheblichkeit dazu?
Beim Hochstapler steht tatsächlich nicht nur das Geld im Zentrum. Es geht ihm vielmehr um den Glanz und den Ruhm, zu denen ihm das ergaunerte Geld verhilft. Er empfindet ein Gefühl des Triumphs über jene, die er betrogen hat. Nach diesem Überlegenheitsgefühl kann der Narzisst regelrecht süchtig werden. Denn es hilft ihm, Minderwertigkeitsgefühle Neid und Selbsthass Wie wird man zufrieden? zu überspielen, die im Hintergrund wüten.
 

«Die Täter können sie sich sehr gut in ihr Gegenüber einfühlen – um es besser manipulieren zu können.»

Thomas Knecht, forensischer Psychiater

Was passiert, wenn ein Hochstapler auffliegt?
Er bereut, dass er aufgeflogen ist – nicht aber seine Taten.


Sind Hochstapler überhaupt therapierbar?
Kaum. Sie sind überzeugt davon, dass sie richtig handeln. Der einzige Fehler, den sie aus ihrer Sicht machen können, ist, sich erwischen zu lassen. Wenn überhaupt, könnte man bestenfalls von Umerziehung sprechen. Aber die ist selten erfolgreich. Denn die Anlage ist viel zu tief in der Persönlichkeit verwurzelt.

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Ist eine Persönlichkeitsstörung strafmindernd?
Im Prinzip ja. Wenn Störungen direkt mit dem Delikt zusammenhängen, kann das strafmildernd wirken. Hochstapler wissen aber durchaus, dass sie das, was sie da tun, nicht tun sollten.


Und wie ist es bei Psychopathen?
Wenn einer einen wirklich hohen Psychopathenindex aufweist, kann er leicht vermindert schuldfähig sein. Da er aber gleichzeitig höchst rückfallgefährdet ist, hebt sich das beim Strafmass wieder auf.


Empfinden Psychopathen keine Empathie?
Das muss man differenziert anschauen. Ihnen fehlt die warme Empathie, die sie das Leiden ihrer Opfer mitfühlen lässt. Kalte Empathie hingegen haben sie. Wo es ihnen nützt, können sie sich sehr gut in ihr Gegenüber einfühlen, um es besser manipulieren zu können.


Sind Hochstapler überdurchschnittlich intelligent?
Absolut. Studien zeigen, dass Weisskragentäter einen deutlich höheren IQ aufweisen als Strassenkriminelle. Das ergibt auch Sinn: Beim Lügen muss das Hirn viel leisten.


Ist Hochstapelei ein 24-Stunden-Job?
Nein. In aller Regel sind die Auftritte voll inszeniert. Im Privaten legt der Hochstapler seine Rolle dann wieder ab, alles andere wäre auf Dauer zu anstrengend.
 

«Niemand ist davor gefeit, übers Ohr gehauen zu werden.»

Thomas Knecht, forensischer Psychiater

Wir haben den Fall eines Hochstaplers, der mit der ganzen Familie durch die Welt zog. Kommt das oft vor?
In der Tendenz sind es eher Einzelgänger. Es gibt aber durchaus auch richtige Clans. Dabei handelt es sich meist um familiäre Gruppen mit einem Spiritus Rector, dem Kopf der Bande. Jeder in der Sippe trägt dabei nach seinen Möglichkeiten sein Scherflein bei. Eine neuere Entwicklung sind betrügerische Netzwerke innerhalb von grösseren Firmen.

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Können wir alle Opfer von Hochstaplern werden?
Es gibt für jeden Menschen den passenden Trick, die passende Geschichte. Niemand ist davor gefeit, übers Ohr gehauen zu werden. Aber ein gewisses Wissen über die Mechanismen, über die psychologischen Eigenschaften von Betrügern hilft sicher.


Warum fallen auch hochintelligente Menschen auf Hochstapler herein?
Geldgier oder Liebe oder eine Mischung aus beidem können auch intelligenten Menschen zum Verhängnis werden. Und nicht immer ist der Betrüger gescheiter als der Betrogene, denn die machiavellische Intelligenz ist vom Bildungsstand unabhängig. Mir ist ein Fall bekannt, in dem der Hochstapler mit einem IQ von 60 einen Menschen mit einem doppelt so hohen IQ um sieben Millionen Franken betrogen hat.


Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Betrüger erleichtert war, als er erwischt wurde?
Das kommt schon vor. Die haben ja oft einen grossen Schuldenberg Schuldensanierung Raus aus den Schulden – so gehts . In unseren Gefängnissen ist es vergleichsweise gemütlich, wenn man in der freien Wildbahn Geldeintreiber auf den Fersen hat.
 

Podcast mit Thomas Knecht – jetzt reinhören!

Ist Hochstapelei und Betrügen Männersache?

Warum gibt es offenbar viel mehr Hochstapler als Hochstaplerinnen? In der sechsten Folge des Beobachter-Podcasts «Gauner & Ganoven» gehen unsere Redaktoren Andrea Haefely und Peter Johannes Meier der Frage nach, warum Frauen weniger hochstapeln. Werden sie bloss seltener erwischt? Oder handeln sie aus anderen Motiven? Als Gesprächspartner zu Gast: der forensische Psychiater Thomas Knecht.

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Zur Person

Thomas Knecht ist Leitender Arzt der Fachstelle für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden. Er unterstützt als Gutachter die Strafjustiz bei Kriminalfällen.

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